Bühne und Film Durch Flucht ans Theater: der Karriereweg der Schauspielerin Bayan Layla

Mit 20 floh sie 2014 vor dem Krieg in Syrien nach Leipzig – und in ein neues Leben. Sie begann erst Politikwissenschaften zu studieren, entdeckte dann aber die Schauspielerei für sich, trat noch gebrochen Deutsch sprechend als Laiendarstellerin unter anderem bei der Bürgerbühne in Dresden auf. MDR KULTUR traf Bayan Layla vor fünf Jahren. Welchen Weg hat die Künstlerin inzwischen genommen, wie blickt sie heute auf ihr Leben hier und ihre Rollen?

Bayan Layla
Die Schauspielerin Bayan Layla Bildrechte: Nils Schwarz

Bayan Layla sitzt im braunen Overall und mit schweren schwarzen Stiefeln auf einem Bühnenpodest. Direkt neben ihr, aber irgendwie unbeteiligt scheinend, eine etwas ältere Frau mit krausem Haar. Bayan Layla redet auf sie ein, erzählt von inneren Kämpfen, von der Suche nach der eigenen Identität, dem Hadern mit gesellschaftlichen Zuschreibungen und Erwartungen:

Der Fluch der Identität, der über unserer Gegenwart liegt, der treibt mich in den Wahnsinn. Dass die Menschen ständig versuchen, die Komplexität der Welt auf eine einzige Wahrheit zu reduzieren.

Bayan Layla In: "Overdose – The Unfinished Show of Pain and Joy"

Ihr Auftritt im Stück "Overdose – The Unfinished Show of Pain and Joy" ist weniger eine Rolle als eine Verkörperung ihrer selbst. Bayan Layla hält einen langen Monolog, erzählt von der Schauspielschule, die ihr vermittle, authentisch sie selbst zu sein. "Das ist das fucking Schwierigste. Allein die Sprache, mit der ich eine Bühne betrete – wer mich verstehen darf, wer mich verstehen kann."

Nicht aufgeben

Bayan Layla
Bayan Layla spielte bei der Performance "Overdose" von Ma'louba Bildrechte: Franziska Götzen

"Overdose" ist eine Koproduktion dreier Schauspiel- und Performance-Kollektive, die coronabedingt als Stream aufgeführt wird. Bayan Layla gehört zur deutsch-arabischen Gruppe Ma'louba aus Mühlheim an der Ruhr. 2018 stieß sie zu ihnen, nachdem sie zuvor bei Inszenierungen am Schauspiel Dresden, am Leipziger LOFFT und der Berliner Volksbühne mitgewirkt, aber auch kurzzeitig mit der Schauspielerei gehadert hatte.

Die Gruppe gab ihr neues Selbstbewusstsein, erzählt die 25-Jährige: "Das ist ein Team aus syrischen Profi-Schauspielerinnen und Schauspielern. Ich musste plötzlich auf einem sehr hohen Niveau spielen. Dabei habe ich gemerkt, dass ich das doch nicht aufgeben kann und die Gruppe hat mir auch gesagt, dass ich dafür weiterkämpfen soll."

Kein "Trend" sein wollen

Bayan Layla, so ihr Künstlerinnen-Name, kam 2014 mit einem Teil ihrer Familie nach Leipzig. Sie wurde in Syrien geboren, verbrachte in einer Kleinstadt zwischen Homs und Aleppo ihre Kindheit – bis der Bürgerkrieg begann. In Leipzig studierte sie erst Politikwissenschaften, dann Deutsch als Fremdsprache – und schaffte schließlich den Sprung an die Theaterakademie August Everding in München. Sie sei gefragt, erzählt sie, mit Stipendien gesegnet – und trotzdem ist Bayan Layla kritisch: "Wir sind ein Trend, so böse das klingt. Mit 'Wir' meine ich zum Beispiel People of Colour oder auch bisexuelle Menschen."

Bayan Layla
Seit 2019 studiert Bayan Layla an der Münchner Theaterakademie August Everding Bildrechte: Jean-Marc Turmes

Die Geschichten auf Leinwand und Bühnen würden aber langsam vielfältiger, konstatiert Bayan Layla. Das sei gut. Als Beispiel nennt sie eines ihrer aktuellen Film-Projekte – die feministische und actionreiche Liebesgeschichte "Generation Tochter". Der Migrationshintergrund ihrer Figur werde dabei gar nicht thematisiert, genauso wenig die lesbische Beziehung im Film.

Warum auch, meint sie: "Wenn ein Mann und eine Frau zusammenkommen, fragt man sich doch auch nicht, wie die Eltern reagieren."

Bayan Layla wünscht sich fein gezeichnete Rollen

Sie spiele gern auch Figuren mit Migrationserfahrung, sagt Bayan Layla. Aber die Drehbücher und Inszenierungen dürften sich nicht vor der Vielschichtigkeit, der Widersprüchlichkeit der Realität verschließen. Deshalb freue sie sich auf ihre nächste Rolle, in einem Abschlussprojekt der Filmakademie Baden-Württemberg. Das Schicksal einer kurdischen Frau, die an einem überkommenen Ehr- und Jungfräulichkeitsbegriff zweifelt, wird darin nachgezeichnet. "Als ich das Drehbuch gelesen habe, habe ich geweint, weil es unfassbar berührend und ehrlich ist. Ich habe Sätze wiedererkannt, die mir genauso gesagt wurden, als ich jünger war."

Für die Hauptrolle muss Bayan Layla bis August Kurdisch lernen und akzentfrei Deutsch sprechen. Bei ihrem Ehrgeiz dürfte das keine Hürde sein.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. April 2021 | 07:10 Uhr

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