Auftritte auch in Schulen Warum eine Puppenspielerin aus Halle trotz Corona-Lockdowns auftreten darf

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Aus dem November-Lockdown für die Kulturbranche ist, wie erwartet, ein Dezember-Lockdown geworden: Überall in Mitteldeutschland bleiben Kulturstätten auch in der Vorweihnachtszeit geschlossen – mit dem Ziel, die Corona-Pandemie einzudämmen und sogenannte Inzidenz-Werte unter 50 zu drücken. Für Kulturschaffende bedeutet das: Die vielen im Advent geplanten Auftritte fallen flach, entsprechend leer bleiben die Kassen. Eine Puppenspielerin aus Halle darf trotzdem auftreten – und zwar leibhaftig vor Publikum, nicht nur per Livestream. Hier erzählt sie, warum – und versucht, ihren Kolleginnen und Kollegen Mut zu machen.

Eine Puppenspielerin vor einem Auftritt
Puppenspielerin Julia Raab kann mit ihrer Produktion "...im Frühling hat man keine Lust zu sterben" trotz verlängerter Corona-Beschränkungen auftreten. Bildrechte: Julia Fenske

Wer auf die Website von Julia Raab geht, könnte meinen, es gebe im Dezember keinen Lockdown. Auf ihrer Internetseite listet Raab, freischaffende Puppenspielerin aus Halle, gleich mehrere Auftritte in der Vorweihnachtszeit auf. Am 7. Dezember einen in Gommern im Umland von Magdeburg, am 10. in Halle, wenige Tage vor Heiligabend in Merseburg. Ein Fehler? Die Website, vielleicht noch nicht auf Stand gebracht? Bei jeder anderen Künstlerin wäre all das möglich. Im Falle von Julia Raab lautet die Antwort: Stimmt nicht. Denn Raab wird im Dezember auftreten. Und sie hat das auch schon im November getan.

Wer nun glaubt, die 38-Jährige setze sich über die Corona-Beschränkungen hinweg und erzähle davon auch noch in der Öffentlichkeit, der irrt. Julia Raab darf tun, was sie aktuell tut. Und das hat einen Grund: Julia Raab spielt in diesen Wochen und Monaten keine Vorstellungen im klassischen Sinne. Sie macht politische Bildung, nutzt dafür vereinzelt theatrale Mittel. Anschließend folgt eine theaterpädagogische Auswertung des Gesehenen. Für Julia Raab ist das der Schlüssel, in einer Zeit Geld zu verdienen, in der die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen zum Warten verdammt sind – und über fehlende Einnahmen klagen. Ein "besonderes Geschenk" sei das, berichtet die Figurenspielerin im Gespräch mit MDR KULTUR.

Bildungsangebote sind in Sachsen-Anhalt erlaubt

Nun sollte man an dieser Stelle erklären, warum Julia Raab tun darf, was sie tut: Anders als noch im Frühjahr, als Schulen geschlossen waren und das komplette Leben lahm gelegt war, ist der Betrieb sogenannter Bildungsangebote im Corona-Herbst in Sachsen-Anhalt erlaubt. Das betrifft nicht nur Schulen: Auch Bibliotheken durften in den vergangenen Wochen geöffnet bleiben und dürfen dies auch weiterhin. Die Gesundheitsministerin und der Ministerpräsident hatten explizit darauf hingewiesen, als sie Ende Oktober die neuerlichen Beschränkungen ankündigten. Es ist, wenn man so will, eine kleine Einschränkung all der Einschränkungen.

Das ist ein besonderes Geschenk.

Julia Raab Puppenspielerin aus Halle

Julia Raab kommt diese Einschränkung zugute – ebenso wie das breite Repertoire, das sich die Wahl-Hallenserin in den vergangenen Jahren aufgebaut hat. Die Künstlerin spielt klassisches Puppentheater für kleine Kinder wie für Erwachsene. Sie hat allerdings auch Produktionen im Programm, die gesellschaftliche Tabus thematisieren – darunter das Stück "Der schwarze Hund", in dem es um den Kampf erkrankter Menschen gegen Depressionen geht. Und: Julia Raab thematisiert mit ihrem Figurenspiel "...im Frühling hat man keine Lust zu sterben" die Gräueltaten der Nationalsozialisten. In einer szenischen Lesung erzählt sie von Frauen, die, in einer Todeszelle sitzend, einen letzten Abschiedsbrief verfassen. Es braucht nur einen Blick in die Beschreibung der Inszenierung, um deren Dramatik zu erahnen. Mit "...im Frühling hat man keine Lust zu sterben" wird Julia Raab im Dezember auch vor Gefangenen der Justizvollzugsanstalt Roter Ochse in Halle auftreten.

Auftreten mit Abstand und Mund-Nasen-Schutz

In Corona-Zeiten laufen die wenigen Gastspiele aktuell nach einem festen Schema ab: Pro Auftritt maximal eine Schulstunde, anschließend theaterpädagogische Auswertung. Das Ganze mit einer festen Kohorte – in diesem Fall einer Schulklasse. Julia Raab trägt Mund-Nasen-Schutz, hält Abstand. Wer also geglaubt hat, Julia Raab habe sich einen Hauch von Normalität erhalten, der irrt. Das Gegenteil ist der Fall. Denn wenn Schulen Julia Raab buchen, dann tritt sie für gewöhnlich vor mehreren Klassen gleichzeitig auf. Sie steht dann in den Turnhallen vor Hunderten Schülerinnen und Schülern. In Zeiten einer Pandemie undenkbar.

Das ist Julia Raab

Julia Raab kommt gebürtig aus Hessen, lebt nun aber schon seit vielen Jahren in Halle an der Saale. Dort hat sie sich nach ihrem Studium der Theaterpädagogik und als Puppenspielerin eine Existenz als Selbstständige aufgebaut. Raab tritt beispielsweise in Schulen als Puppenspielerin auf, in Sachsen-Anhalt und anderen Bundesländern. In Halle betreibt die 38-Jährige ihr eigenes Atelier mit Puppenwerkstatt.

Und natürlich sind auch Julia Raab reihenweise Auftritte weggebrochen. Zehn waren es allein im November. Zwischen den Terminen, die sie auf ihrer Website auflistet, prangt immer wieder auch ein groß geschriebenes "Abgesagt". Und doch sieht die Figurenspielerin keinen Grund zu klagen – und ruft Kolleginnen und Kollegen auf, die Pandemie zum Umdenken zu nutzen. "Ich verstehe den Unmut und die existenziellen Ängste", sagt sie. Und doch findet Julia Raab: Wer die Wahl hat zwischen dem andauernden Klagen über fehlende Einnahmen und dem kreativen Blick nach vorn, der sollte sich für letzteren entscheiden.

Nun gehört zur Wahrheit auch, dass dies ganz gewiss nicht von heute auf morgen geht – und ganz sicher kaum denjenigen hilft, die aktuell Existenzängste haben. Julia Raab ruft aber auch diese Kolleginnen und Kollegen auf, nach vorn zu schauen. Sie will Mut machen, erzählt sie am Telefon. Neue Perspektiven aufzeigen. "Wer nicht spielen kann, kann auch in diesen Wochen arbeiten", sagt sie. "Und sich künstlerisch mit der aktuellen Situation auseinandersetzen."

"Frederick" am Theater der jungen Welt in Leipzig: "Sehr gut gelungen"

Die Corona-Pandemie zwingt viele zum Umdenken. Julia Raab hat das im Frühjahr selbst erlebt. Damals stand sie auf einer Bühne in einem leeren Raum – und spielte für Publikum, das am Livestream zuhause zusah. Es waren neue Wege – Wege, von denen Raab nach eigenen Angaben kein besonders großer Fan ist. Theater für ein Publikum, das am Livestream zusieht – das gefällt ihr nicht, sagt sie. Umso mehr erkennt sie an, wenn Kolleginnen und Kollegen in Situationen wie dieser eine künstlerische Weiterentwicklung gelingt: Die Inszenierung "Frederick" am Theater der jungen Welt in Leipzig sei das beste Beispiel, findet die Freiberuflerin. "Dort haben die Akteure umgedacht und ein digitales Format entwickelt. Das ist theater- und medienpädagogisch sehr gut gelungen", lobt sie.

Julia Raab gehört nicht zu denen, die in diesen Tagen darüber klagen, all die staatlichen Hilfen seien kaum etwas ändert. Danach gefragt sagt sie, da habe sich viel getan. Raab selbst hat nach eigenen Angaben Fördermittel über den Fonds darstellender Künste des Bundes beantragt. "Die Hemmschwelle, das zu beantragen, ist deutlich gesenkt worden", lobt sie. Das Antragsformular? Klar strukturiert und so aufgebaut, dass es ein jeder versteht. Ohnehin hat die Freiberuflerin festgestellt: "Es gibt da draußen viele Menschen, die in dieser Zeit an uns denken."

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