Live statt Konserve Warum sich der Stream vom Puppentheater Magdeburg so nah anfühlt

Das Puppentheater Magdeburg kapituliert nicht vor den leeren Stühlen im Zuschauerraum. Vielmehr nutzt es die Krise als Chance und lässt jetzt auch im Lockdown die Puppen tanzen – sogar weltweit. Allerdings handelt es sich dabei um ein aufwändiges Prozedere. Nach den ersten Online-Vorstellungen, die bereits im Februar über die Internet-Plattform dringeblieben.de gelaufen sind, gibt es nun mit dem "Schimmelreiter" von Theodor Storm die erste Erwachsenenvorstellung.

Inszenierung "Schimmelreiter"
Szene aus "Der Schimmelreiter" im Puppentheater Magdeburg Bildrechte: Viktoria Kühne

Es gibt ziemliche viele Kulturveranstaltungen, die ins Netz verlagert werden. Doch auch im digitalen Kulturraum gibt es Unterschiede, findet Frank Bernhardt, der künstlerische Leiter vom Magdeburger Puppentheater. Die für ihn beste Alternative heißt Direktübertragung: Dabei wird das Stück nicht aufgezeichnet, sondern jedes Mal als Live-Übertragung gezeigt. "Weil das, was gleichzeitig stattfindet, kommt dem gemeinsamen Erlebnis von Theater am nächsten", begründet Bernhardt.

Eine Entscheidung zu treffen, am Sonntag um 15 Uhr ein Ticket zu kaufen, hat unendlich viel von dem Analogem. Die Gewissheit für uns: Wir spielen in dem Moment, wo uns so und so viele Haushalte zuschauen. Und die Leute zu Hause wissen das, was wir gerade tun, tun wir in dem Moment, wo sie schauen! Das schafft so eine Gemeinsamkeit, die mit nichts zu ersetzen ist.

Frank Bernhardt, Künstlerischer Leiter

"Analoges Gefühl" trotz digitalem Theater

Livestream-Vorbereitung
Vorbereitung für die Live-Übertragung Bildrechte: Anjelika Conrad

Ein analoges Gefühl sozusagen, das mit sehr viel Aufwand und auch Kosten verbunden ist. Doch ist es dem Puppentheater gelungen, mit dem Musik und Medienzentrum Gröninger Bad ein Team zu engagieren, das auf Gegenseitigkeit setzt. Für Holly Hoffmann ist das ein Job mit Lerneffekt: "Ich muss gestehen, dass wir uns das viel einfacher vorgestellt haben. Wir müssen wirklich drei Tage einplanen für eine Aufzeichnung oder für den Stream: einen Tag, um das technisch einzurichten mit Mikrofonen und Kameras, den zweiten Tag für die Proben, um das Stück kennenzulernen und dann der dritte Tag für den Livestream."

Livestream-Vorbereitung
Vorbereitung für die Live-Übertragung Bildrechte: Anjelika Conrad

Logistisch und auch künstlerisch ist das eine Herausforderung, sagt auch Freda Winter – sie sei schließlich Puppenspielerin und keine Leinwanddarstellerin: "Ich habe die Ansage bekommen, nicht in die Kameras zu gucken, was schwierig ist, weil diese Linsen haben einen sehr hypnotischen Zug", erzählt die Puppenspielerin. "Vom Regisseur bekommt man Hinweise, dass man beim Agieren mit den Figuren noch genauer sein muss, als man so schon ist, weil die Kamera viel dichter dran ist. Der Zuschauer vor dem Laptop oder dem Fernseher kann viel genauer draufgucken."

Im Chat danach: Reaktionen vom Publikum

Die neuen Anforderungen sensibilisieren das eigene künstlerische Tun noch einmal, wobei immer deutlich wird, wie sehr die unmittelbaren Reaktionen des Publikums fehlen. Die gibt es nun allerdings im Nachklapp, im Chat.

Mir hat es das Herz geöffnet, dass da wirklich um die 130 Leute gesessen, den Stream angeguckt und das echt gefeiert haben. So ein direktes Feedback zu bekommen, ist natürlich großartig. Da waren tolle Fragen von Kids dabei, die sie nach einer Live-Vorstellung nicht direkt stellen können.

Freda Winter, Puppenspielerin

Figurentheater für Erwachsene

Inszenierung "Schimmelreiter"
Szene aus "Der Schimmelreiter" im Puppentheater Magdeburg Bildrechte: Viktoria Kühne

Winter hat bereits in Kinderstücken mitgewirkt und spielt nun im ersten Erwachsenenstück, das als Live-Übertragung gezeigt wird: "Der Schimmelreiter". Eine Wiederaufnahme, die Regisseur Leonhard Schubert sozusagen in ein anders Medium übersetzen musste: "Ich glaube, dass die Inszenierung insofern gut funktionieren kann, als dass sie von den Bildern her schon sehr filmisch gedacht ist. Vieles findet im Schwarz statt, mit so einzelnen Lichtflecken. Das kann im Video sehr schön aussehen."

Nur die Frage, wie man den Ton so hinbekommt, dass der Sturm nichts von seiner Kraft verliert, treibt ihn noch um. "Die Spieler in der Inszenierung sind der personifizierte Sturm, der am Ende das ganze Dorf platt macht und Hauke Haien mit sich in die Fluten reißt", erläutert Schubert. "Diesen Sturm haben wir versucht, musikalisch zu übersetzen. So dass, wenn man das Stück live sieht, ihn tatsächlich körperlich spüren kann. Das ist eine Ebene, die im Stream nur bedingt funktionieren wird."

Sogar in Indien guckt man Puppentheater aus Magdeburg

Am besten also Kopfhörer aufsetzen, oder eine gute Stereoanlage haben! Aber da sind die meisten inzwischen bestens gerüstet – und die Zahlen beweisen hohes Interesse aller Orten, freut sich der künstlerische Leiter. Das kann am Puppentheater selbst im Lockdown Glücksgefühle freisetzen.

"Wir sind national und international unterwegs", sagt Frank Bernhardt: "Berlin, Marburg, Stuttgart, Gifhorn, Frankfurt am Main, auch in Philadelphia, in Boston, in Indien. Keine Ahnung, wie die Leute auf uns kommen. Vielleicht spricht es sich herum. Vielleicht empfiehlt man es weiter. Es ist überwältigend!"

Inszenierung "Schimmelreiter"
Szene aus "Der Schimmelreiter" im Puppentheater Magdeburg Bildrechte: Viktoria Kühne

Informationen zum Stück "Schimmelreiter" von Theodor Storm

Am 13. März 2021, 19 Uhr im Live-Stream
In Zusammenarbeit mit der Plattform "dringeblieben.de"
Stream-Ticket: 7,00 €

Regie: Leonhard Schubert
Ausstattung: Jonathan Gentilhomme
Musik: Bernhard Range
Dramaturgie: Stephanie Preuß
Spiel: Jana Weichelt, Freda Winter, Richard Barborka, Florian Kräuter, Lennart Morgenstern

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. März 2021 | 17:40 Uhr

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