Uraufführung "Herscht 07769" am Theater Rudolstadt: eine großartige Ensembleleistung

Am Theater Rudolstadt fand am 26. November die Uraufführung von "Herscht 07769" statt, nach dem 2021 erschienenen Roman von Laszlo Krasznahorkai. Ein formal sehr spezieller Roman, der gänzlich ohne Punkte auskommt und eine Herausforderung für Leser und auch für das Theater ist. Er spielt in einem fiktiven Ort namens Kana, der in Wahrheit aber Kahla sein dürfte, Kahla bei Rudolstadt. Wie führt man ein Stück auf, das vor der Haustür spielt?

Ein großer junger Mann im Blaumann, daneben ein älterer kleiner Mann mit Brille, Baskenmütze und Fernglas schaut zu ihm hoch
Franz Gnauck (l.) spielt "Herscht", Eigenbrötler und Muskelpaket mit kindlicher Seele: Als Gebäudereiniger fährt er mit seinem Boss durch Thüringen, um Graffitis zu beseitigen. Bildrechte: Theater Rudolstadt / Foto: Anke Neugebauer

Die erste Aufgabe löst das Rudolstädter Team bravourös: Es galt, den einen, nicht enden wollenden Satz, aus dem Krasznahorkais punkt- und kapitelloser Roman besteht, in eine bühnentaugliche Handlung zu übersetzen. Funktioniert hervorragend. Inszeniert hat Regisseur Alejandro Quintana die Spielfassung in weiten Teilen als "Heimspiel": Die regionale Zeitung wird auffallend oft erwähnt, dazu die wichtige Bundesstraße B88, mit der bei den neuen Nazis als Symbol beliebten Doppel-8. Genau wie im Roman, und doch ist, was auf der Bühne des Rudolstädter Stadthauses zu erleben war in großen Teilen sehr nah an den Zuschauern der thüringischen Stadt dran – näher als der Roman, manchmal zu nah.

Vom guten Menschen zum Jäger

In "Herscht 07769" geht es um eine gewaltbereite Gruppe von Nazis in Kana, die von der Stadtgesellschaft geduldet werden. Erzählt wird die Geschichte von Florian Herscht, mit dem Krasznahorkai einen dieser Protagonisten erfunden hat, deren Anderssein einen klareren Blick auf die Welt ermöglichen.

Szene aus "Herscht" am Theater Rudolstadt
Mit "Herscht 07769" schrieb der preisgekrönte ungarische Autor László Krasznahorkai einen Deutschland-Roman, der nun in Rudolstadt auf die Bühne kommt. Bildrechte: Theater Rudolstadt/Anke Neugebauer

Florian ist ein bärenstarker, aber geistig etwas zurückgebliebener junger Mann, eine Mischung Chief Bromden aus "Einer flog über das Kuckucksnest" und Forrest Gump. Er schreibt Briefe an Angela Merkel, weil er etwas vom Urknall gehört hat und das als nahendes Ende der Welt missversteht. Er arbeitet beim "Boss", einem Kleinunternehmer und Bachliebhaber, der Chef der Nazi-Bande ist, und im Laufe der Handlung begreift Florian, dass der Boss und seine Kumpels eben keine harmlosen Heimat-Liebhaber sind, sondern Gewalttäter.

Florian ist der gute Mensch von Kana, der – nachdem er sieht, dass diese Nazis zu den Waffen greifen, die Tankstelle anzünden, den brasilianischen Pächter und seine Frau töten – im wahrsten Sinne zu einem wilden Tier wird, das die Nazis jagt.

Hält die Rudolstädter Inszenierung der Stadt einen Spiegel vor?

Dabei beginnt alles ganz harmlos. Auf der Bühne nimmt eine 21-köpfige Kleinstadt-Gesellschaft Aufstellung und verklärt den Ort Kana: als Heimatidylle, in der man gut und gerne lebt. Dass das nicht ganz stimmt, ist schon an den Kulissen zu erkennen: verwitterte Säulen umranden die Bühne. Der Lack ist ab, sozusagen, der Ort hat bessere Zeiten gesehen. Ein Akkordeonspieler gibt die Stimmung vor – gespielt von Uwe Steger als "ramponierter Engel", der, obwohl er oft mit seinem Instrument am Rande sitzt, der eigentliche Star des Abends ist – herausragend!

Ein Mann in weißem langen Hemd steht mit Akkordeon auf der Theaterbühne, daneben ein großer junger Mann im Blaumann mit aufgerissenen Augen, der ein Angela-Merkel-Plakat in die Höhe reckt.
Uwe Steger als "ramponierter Engel" ist mit seinem Instrument der eigentliche Star des Stücks "Herscht 07769" am Theater Rudolstadt. Bildrechte: Theater Rudolstadt / Foto: Anke Neugebauer

Die Stimmung ist leicht melancholisch, Bach klingt an, das DDR-Lied "Uns‘re Heimat". Das verspricht poetisches Theater, eine Stilisierung, etwas, das dem sehr kunstvollen Roman entspricht. Aber es kommt zunächst anders: Es wird ziemlich naturalistisch vorgeführt, was in einer Kleinstadt in Thüringen an der Tagesordnung sein könnte: klischeehafte Nazis und zumeist wegschauende Bürger. Zu erleben ist ein abgründiger Heimatschwank, der phasenweise seine didaktische Ausrichtung ziemlich plakativ vor sich herträgt – etwa wenn ein "Kana ist bunt"-Plakat gen Publikum gehalten und in den Raum gefragt wird, "und du, wo warst du?"

Szene aus "Herscht" am Theater Rudolstadt
Florian Herscht ist der gute Mensch von Kana, der – nachdem er sieht, dass die Nazis zu den Waffen greifen – im wahrsten Sinne zu einem wilden Tier wird, das die Nazis jagt. Bildrechte: Theater Rudolstadt / Foto: Anke Neugebauer

Das wirkt, als halte die Inszenierung der Stadt einen Spiegel vor. Dass am Ende nach über drei Stunden großer Jubel steht, ist sicher einerseits der Kraft des Ensembles geschuldet, das chorisch spricht, das singt, das alles gibt. Und Frank Gnauck als Florian! Ihm dabei zuzuschauen, wie er sich am Ende in ein Monster verwandelt, ist erschreckend und großartig zugleich. Überhaupt wird der Abend nach der Pause künstlerisch interessanter und kommt Krasznahorkais Buch, das seinen Realismus hinter Poesie und verrätselten Bildern versteckt, deutlich näher, indem er selbst eine Form sucht für die Dramen, die in der Kleinstadt stattfinden.

Düster-beklemmende Stimmung im Theater

Gleich nach der Pause erklingt der Song "Damals" von Bärbel Wachholz, einer der Hits der jungen DDR, und die bis dahin nur als Stereotypen agierenden Stadtbewohner zeigen jetzt im Grunde zum ersten Mal wirklich Emotionen. Sie leiden an Kana, sie vereinsamen in Kana, das, wie Florian sagt, "nachts nicht den Eindruck eines Ortes (macht), an dem die Menschen schön ruhig schliefen, sondern den eines, aus dem man schon weggezogen war".

Die Tristesse ostdeutscher Kleinstädte wird spürbar, und dass nun alle (auch die Nazibande) Paare bilden und zu diesem Song miteinander tanzen zu lassen, ist ein großartiges Bild dafür. Später tauchen auch auf der Bühne immer aggressiver werdende Wölfe auf und sorgen für eine düster-beklemmende Stimmung in Kana und im Saal.

Rudolstadt zeigt große Ensembleleistung

Es ist toll, dass sich die Rudolstädter diesen Stoff zur Uraufführung geholt haben. Es ist richtig und auch wichtig, das Thema zu besprechen, kein Zufall, dass es zurzeit an vielen Theatern geschieht. In Meiningen mit Christoph Heins "Guldenberg", in Leipzig zuletzt in Lukas Rietzschels "Widerstand". Die Theater suchen nach Gründen dafür, warum der Osten so tickt.

Gleichzeitig sind die didaktischen Momente nicht die stärksten Bilder des Abends. Laszlo Krasznahorkais Buch ist komplexer: Es ist wie Tübkes "Bauernkriegspanorama", ein facettenreiches Sittengemälde, ausgebreitet anhand eines kleinen, abgehängten Ortes. Der überall liegen könnte und überall inszeniert werden, vielleicht sogar freier als hier, wo die Stück-Wirklichkeit direkt vor der Theatertür beginnt. Diesen Zauber, die Raffinesse des Romans, strahlt die Uraufführung in Rudolstadt nur begrenzt aus. Was sie alle Male ist – eine große Ensembleleistung, wie sie in Rudolstadt nicht oft zu erleben sein dürfte.

Angaben zum Stück "Herscht 07769"
nach dem gleichnamigen Roman von László Krasznahorkai

Regie: Alejandro Quintana
Bühne und Kostüme: Andrea Eisensee
Musik und Arrangements: Uwe Steger
Choreografie: Catalina Tello Aranguiz
Dramaturgie: Michael Kliefert

Theater im Stadthaus
Platz d. Opfer des Faschismus 1
07407 Rudolstadt

Weitere Aufführungen:
29. November, 15 Uhr
3. Dezember, 19:30 Uhr
16. Dezember, 19:30 Uhr

Redaktionelle Bearbeitung: Cornelia Winkler

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. November 2022 | 13:10 Uhr

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