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Maskenball mit Abstand: Das Schauspiel Leipzig ist mit einer ungewöhnlichen Uraufführung von Anke Stellings "Schäfchen im Trockenen" wieder in den Spielbetrieb gestartet. Bildrechte: Rolf Arnold

Premiere von "Schäfchen im Trockenen"Gefangen in der Corona-App: Schauspiel Leipzig zeigt Trostlosigkeit der Pandemie

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Stand: 20. Januar 2022, 14:12 Uhr

Das Schauspiel Leipzig ist wieder in den Spielbetrieb gestartet: Mit "Schäfchen im Trockenen" wurde der Roman von Anke Stelling uraufgeführt, für den sie 2019 den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat. Während sich das Buch um die prekären Lebensverhältnisse einer Schriftstellerin dreht, stellt die Leipziger Inszenierung die existenzielle Bedrohung von Theatern in den Vordergrund. Der Saal bleibt symbolisch weiterhin leer – das Publikum sitzt mit auf der Bühne. Eine grandiose Inszenierung, findet unser Kritiker.

Die Uraufführung findet nicht statt. Das Stück ist Nebensache. Hauptsache ist die Kritik an dem inzwischen dritten, vierten – wer weiß das noch – Lockdown für die Kultur. Oder besser: gegen die Kultur. Es gibt auch keine Zuschauer hier. Sie werden Mitspieler und Teil einer Performance, die unser Leben im Lockdown auf den Punkt bringt.

Es gibt da nur noch zwei Lebensräume. Der eine ist das Homeoffice, in dem wir alle "Rücken" haben. Der andere ist das Leben in oder hinter dem QR-Code der Corona-App. Was macht das beides mit uns? Was macht das mit dem Theater? Das sind hier die Fragen.

Lockdowns haben die Uraufführung geprägt

Ursprünglich war die Uraufführung schon für den 13. März 2021 geplant und wurde wegen des Lockdowns verschoben. Jetzt im Dezember wurde geprobt, wieder im Lockdown. Dabei sicherlich die Frage wie ein Damoklesschwert: Wann kann die Inszenierung endlich auf die Bühne kommen? So muss es wohl gewesen sein. Schauspieler- und Regieteam werden sich irgendwann auch gefragt haben: Wie erzählen wir diesen Roman, der das pralle Leben zum Thema hat?

Die Schreibkammer der Hauptfigur Resi hat sich am Schauspiel Leipzig in einen QR-Code-Käfig verwandelt. Bildrechte: Rolf Arnold

Junge Familie mit vier Kindern. Wohnung im Prenzlauer Berg, die gekündigt ist. Prekäre Verhältnisse. Aber auch alte Freunde, die Geld für ein Bauprojekt hatten. Deren finanzielle Basis: reiche Eltern im Westen, aus Stuttgart. Was der Protagonistin, Resi, fehlt. Sie ist Schriftstellerin und erzählt aus der Ich-Perspektive.

Tolles Buch! Wirklich lesenswert! – Wie aber sollen Regie- und Schauspielerteam dieses pralle Leben jetzt erzählen? In dieser Situation auf die Bühne bringen? Dann muss die Entscheidung gefallen sein, den Text "nur" zu benutzen, um die aktuelle, geradezu gegensätzliche Situation vorzustellen. Und das gelingt grandios.

Publikum auf der Bühne statt im Saal

Beim Betreten des Schauspielhauses habe ich schon das Gefühl einer merkwürdigen Leere: nur eine Garderobiere, nur eine Programmheftverkäuferin. Ansonsten alles tot im Foyer, weil sich die 30 Zuschauer irgendwie vertanzen. Dann der Einlass auf die Hinterbühne. Das Publikum betritt einen rechteckigen Raum mit etwa vier Meter hohen, weiß gemalten Wänden. Nach dem Einlass dann kein Ausgang mehr.

Statt im roten Samtsessel sitzt das Publikum auf dem Klo. Bildrechte: MDR/Stefan Petraschewsky

Fünf Reihen mit je sechs Toiletten. Typ Stand-WC. Auf den Boden geschraubt. 1,50 Meter mal 1,50 Meter Abstand. Später wird klar: Das ist die Toilette als Zuspitzung von Homeoffice. Privater geht’s nicht. Mehr "Rücken" auch nicht. Ein Bürostuhl könnte auch noch rollen. Ein verschraubtes Stand-WC nicht mehr.

Das Publikum überlegt, wie es sich setzt: Deckel unten – dann kantiges Eisenrohr direkt im Kreuz. Deckel oben – dann die Peinlichkeit, wie auf einer richtigen Toilette zu sitzen. Mit dieser Entscheidung werden die Zuschauer zu Mitspielenden. Wenn man's ganz genau nimmt, sogar im doppelten Sinn. Denn der wirkliche Zuschauersaal im Großen Haus bleibt leer. Die Uraufführung findet mit Publikum auf der Bühne ohne Publikum im Saal statt.

QR-Code als Metapher und Kulisse für Bühne und Leben

Der richtige Zuschauerraum verbirgt sich hier hinter einem etwa sechs mal sechs Meter großen Quadrat, einem weißen Vorhang, auf den schwarze Striche und ganz kleine Quadrate gezeichnet sind. Der Vorhang erinnert an einen QR-Code, wie wir ihn benutzen, wenn wir Kaufhäuser und Kneipen betreten. Dann geht es los. Es macht: Zzziiisch! Und der Vorhang wird nach hinten sekundenschnell weggezogen.

Hinter dem Vorhang ist aber genau das gleiche zu sehen: Striche, Quadrate, QR-Code. Nur jetzt als dreidimensionaler Bühnenraum, ein Trichter, der sich zu uns Mitspielern und Mit-Performern öffnet. Unser neuer Horizont ist jetzt nicht mehr, wie eben noch, die digitale 2D-Welt in Übergröße, die wir täglich auf dem Handy hin und her wischen, sondern ein dreidimensionaler Raum mit einem Unendlichkeitspunkt im Trichterhals, in den diese 2D-Welt gerade verschwunden war.

Das Publikum als Installation: Die Sitzplätze auf der Hinterbühne sind am Boden festgeschraubte Toiletten – im Abstand von 1,50 Metern. Bildrechte: MDR/Stefan Petraschewsky

Rilkes "Der Panther" als Allegorie für Kultur-Lockdown-Feeling

Oder sind die Striche im Bühnenraum Stäbe? 1.000 Stäbe wie im Gedicht von Rilke? Denn jetzt treten die vier Schauspieler auf. Von der Seite, hinten im Trichter, von links und rechts. Treten auf, streichen sich das Kostüm glatt und laufen durch den Raum. Man könnte auch von Herumtigern sprechen, wenn hier nicht "Der Panther" gemeint wäre. Die Schauspieler tigern rum, treten ab, kommen wieder. Beachten sich nie. Weichen einander aus. Der Gang ist rhythmisiert. Die Worte des Romans, die dann erklingen, passen sich diesem Gang an. Sind leise, monoton, mechanisch. Der Ton ist offenbar vom Vorübergehn der Stäbe so müd' geworden, dass er nichts mehr hält. Keinen Ausdruck mehr, keinen Sinn.

Einmal liegt die Schauspielerin Anne Cathrin Buhtz auf dem Boden, atmet schwer, versucht zu schmecken. Ist das die Delta-Variante? Oder schon Omikron?

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur über das Stück "Schäfchen im Trockenen"

Es ist, als ob es den Roman nicht mehr gäbe. Und hinter den Stäben dieses Corona-Zoos auch keine Welt. Betäubt steht der Wille der Schauspieler vor uns, diesen großartigen Text von Anke Stelling vernünftig, dem Theater angemessen, uraufzuführen. Nur manchmal schiebt sich noch ein Satz aus dem Roman ins Bewusstsein, passt dann zur hier dargestellten Kultur-Lockdown-Homeoffice-Situation. "Zum Mittag mache ich mir ein Fertiggericht oder eine Tütensuppe", ist so ein Satz. Oder auch: "Ich will nicht so allein sein. Will auch die anderen sehen!"

So ein Gedanke geht dann nicht nur durch den rhythmus-trainierten Kopf, sondern durch die Glieder, trifft ins Herz. Hört da aber nicht auf zu sein, sondern dringt in die Seele. Die vier Schauspieler fassen sich dann an. Verknoten sich fast. Musik erklingt. Mit Hall, wie aus einer fernen Welt. Schöne Erinnerung. Einmal liegt die Schauspielerin Anne Cathrin Buhtz auf dem Boden, atmet schwer, versucht zu schmecken. Ist das die Delta-Variante? Oder schon Omikron? – Jedenfalls schüttelt Tilo Krügel ganz erschrocken und sehr aufgesetzt, künstlich wirkend, die Hände.

Wie der Panther in Rilkes Gedicht sind auch die Figuren im QR-Code-Käfig scheinbar sehr müde. Bildrechte: Rolf Arnold

Alte Kostüme aus dem Theaterfundus geholt

Welches Kostüm passt zu einer Uraufführung, die man gar nicht spielt? Welches Kostüm passt zu einer Performance, in der sich unsere gesellschaftliche Situation im Lockdown spiegelt, und speziell die des Theaters? Christoph Ernst, der Kostüm- und Bühnenbildner, verständigt sich mit dem Ensemble auf die große theatrale Geste: Buhtz erinnert an Ophelia als Wasserleiche, Bettina Schmidt an die "Enkelin" aus Bernhards "Macht der Gewohnheit". Tilo Krügel könnte ein Mackie sein, dem das unsichtbare Messer in der Hosentasche am Bein runtergerutscht ist und dabei den Stoff aufgeschnitten hat.

Thomas Braungardt sieht aus wie einer, der die halbfertige Uniform des Tambourmajors aus dem "Woyzeck" einfach mitgenommen hat. Kostüme also, wie aus dem großen Theaterfundus zusammengesucht. Allen gemeinsam ist der Schleier über dem Kopf – eine Maske, die nicht nur Mund und Nase, sondern auch Augen und Ohren bedeckt und vielleicht bedeutet, dass nur noch Sinn-loses Agieren möglich ist.

Alte Kostüme von Ophelia als Wasserleiche oder Büchners Woyzek: Das Schauspiel Leipzig vermisst die alten Vor-Corona-Tage. Bildrechte: Rolf Arnold

Grandiose Regiearbeit von Thirza Bruncken

Als ich diese Kritik am Morgen nach der Premiere schreibe, sitze auch ich in meinem Homeoffice. Ich habe mir einen Bürostuhl gekauft. Marke Sedus wie im Funkhaus, nur bei mir in Dunkelrot. Aber ziemlich bequem. Ich kann mich über den VPN-Rechner im Büro einloggen. Habe mir im Dezember 2020 schon ein Mikrophon gekauft und werde später über die ARD-Mupro-App meine Kritik mit dem Moderator Thomas Bille aufnehmen. Die Tagesschau meldet "Inzidenz steigt erstmals auf Wert über 500" und "Djokovic muss Australien verlassen". Es gibt wieder mal bundesweit Demonstration gegen und neuerdings auch für die Corona-Maßnahmen. Es gibt "Partygate in Downing Street". Und es gibt hier KEINE Uraufführung von "Schäfchen im Trockenen".

Was es gibt, ist eine Performance, die sich verschlüsselt hat, dann doch zu erkennen ist. Mir klingt die Botschaft so: Wenn es weiter so geht, werden wir Theatermacher alle nur noch wie Rilkes Panther sein. Werden verlernt haben, zu spielen. Weil wir auch diesen Widerspruch nicht mehr aushalten, den wir täglich erleben, wenn Menschen im Alltag fast wieder normal zusammenkommen, und wir hier im Theater weiter diesen absurden Maskenball veranstalten. Trotz bester Hygienekonzepte. Denke ich jedenfalls. Und ich denke dabei auch an Carena Schlewitt, die Intendantin im Festspielhaus Hellerau, die im MDR KULTUR-Interview noch gesagt hatte, dass die Theaterhäuser mittlerweile fast "Hochsicherheitstrakte" geworden seien. Sicher wie der Käfig im Zoo.

Wie lange wird Rilkes "Tanz von Kraft" noch aufschiebbar sein? Wann dürfen Theater wieder das sein, was sie sind: ein kritischer Spiegel und Begleiter der Gesellschaft? Thirza Bruncken ist eine grandiose Regiearbeit gelungen. Anke Stelling möge ihr verzeihen.

Angaben zum Stück"Schäfchen im Trockenen"
nach dem Roman von Anke Stelling

Besetzung:
Thomas Braungardt, Anne Cathrin Buhtz, Tilo Krügel, Bettina Schmidt

Team:
Regie: Thirza Bruncken
Bühne & Kostüme: Christoph Ernst
Tanz: Romy Avemarg
Dramaturgie: Marleen Ilg
Theaterpädagogische Betreuung: Amelie Gohla

Premiere am 15. Januar 2022

Weitere Aufführungstermine soll es im Februar geben. Die genauen Termine wurden noch nicht bekannt gegeben.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 17. Januar 2022 | 08:10 Uhr