Deutschland-Premiere Zeitreise in Leipzig – Das steckt hinter "1984: Back to No Future"

In den vergangenen Jahren wurde der Roman "1984" von George Orwell wieder sehr populär. Wegen Nachrichten zu Überwachungsskandalen und Fake News wähnten sich viele Menschen in der Dystopie, die der englische Schriftsteller bereits 1948 ersann. Auch das deutsch-britische Theater-Kollektiv Gob Squad wollte sich mit dem Buch beschäftigen. Entstanden ist nun eine Zeitreise in die alten Kinderzimmer und eine Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerung. Am 24. Juni hat das Stück "1984: Back to No Future" am Schauspiel Leipzig Deutschlandpremiere.

Mensch vor Videoinstallation auf der Bühne
Die Performer versuchen, mit einer Zeitreise einen neuen Blick auf die Zukunft zu finden. Bildrechte: Dorothea Tuch

Bereits seit einigen Jahren beschäftigt sich das deutsch-britische Theaterkollektiv Gob Squad mit der Weltliteratur. So entstanden unter anderem gemeinsam mit dem Schauspiel Leipzig die Produktionen "War and Peace" nach Tolstoi und "Creation (Pictures for Dorian)" nach Oscar Wilde. Nun haben sich die Performer mit "1984" von George Orwell beschäftigt. Gob Squad erzählt jedoch nicht einfach die Geschichte nach oder verlegt sie ins Heute. Ihnen reicht der Titel als Inspiration, erzählt Performer Bastian Trost, für eine Reise zurück ins Jahr 1984 – dabei behalten sie Orwell jedoch immer im Hinterkopf.

George Orwell
Schriftsteller George Orwell Bildrechte: dpa

Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.

aus: "1984" von George Orwell

Die Idee zur Zeitreise

Die Performer stehen auf der Bühne und versuchen, sich ihr altes Kinderzimmer in Erinnerung zu rufen. Sie überlegen, welche Bücher dort im Jahr 1984 lagen, was sie dort gemacht haben und was sie umgetrieben hat. Die Mitglieder von Gob Squad wollen ihrem damaligen Ich begegnen und so hinterfragen, warum sie heute so denken, wie sie denken. Sie wollen den Ursprung der Debatten um Identität, ständige Selbstoptimierung, sexuelle Orientierung oder weiße Privilegien ergründen.

Mensch zwischen Videoinstallationen auf der Bühne
Die Performer erzählen von ihrem Kinderzimmer und versuchen, ihr jüngeres Ich zu treffen. Bildrechte: Dorothea Tuch

Perspektiven erweitern

Gob Squad hat das Projekt zu "1984" als Chance gesehen, mit Menschen aus aller Welt ins Gespräch zu kommen. Daher haben die Künstlerinnen und Künstler sogenannte Residenzen in New York, Mumbai, Shanghai und Leipzig abgehalten, wobei verschiedene Werke entstanden sind, wie der Audio-Walk "Tempus-Wow" in Leipzig. Bei diesen meist virtuellen Besuchen in den verschiedenen Ecken der Welt stellten die Künstlerinnen und Künstler überraschende Gemeinsamkeiten fest. "Eine Erkenntnis war, dass alle, egal wo, Micheal Jackson kannten. Das war eigentlich sofort der kleinste gemeinsame Nenner", erinnert sich Berit Stumpf.

Die Autorin Annett Gröschner war damals Anfang 20 und besuchte in Leipzig oft Freunde. Wenn sie an die Messestadt von damals denkt, erinnert sie sich an Nebel und wie schwer es ihr fiel, die giftstoffhaltige Luft zu atmen. Zu dieser Zeit führte sie bereits ein Traumtagebuch, erzählt sie: "Im Nachhinein war ich erstaunt, wie stark die Realität in den Träumen vorhanden ist. Ich habe auch viel von staatlicher Gewalt geträumt, die gar nicht so stark war, aber die Ängste waren natürlich da." Auf Grundlage ihrer Traumtagebücher entwickelte Gröschner einen Stadtrundgang durch Leipzig. Bei der Residenz in Leipzig wird auch die damalige Stimmung in der DDR deutlich: "Dystopien haben uns eher interessiert und nicht so sehr die Utopien. Weil die Utopien hatten sich erschöpft und als 'Kein Ort. Nirgends' erwiesen", erklärt Gröschner.

Menschen auf der Bühne
Auf der Bühne wird auch viel mit Popkultur gespielt. Bildrechte: Dorothea Tuch

Diese Art Zukunftsverdrossenheit herrschte auch im damaligen Westen, wo die Angst vor dem atomaren Winter immer weiter wuchs. Doch anders als oft vermittelt, war das kein weltweit allgegenwärtiges Gefühl, wie Bastian Trost bei der Residenz in New York noch einmal feststellte: "Was ein Teenager in England, jemand aus unserer Gruppe, als das Ende der Welt empfunden hat, hat ein schwarzer Teenager in Amerika als die Zeit des Aufbruchs verstanden. Allein diese Unterschiede zu verstehen und wahrzunehmen und dann zu versuchen, das auf die Gegenwart beziehungsweise auf uns anzuwenden, war sehr inspierend."

Die Suche nach dem jugendlichen Selbst

Diese Perspektiven kommen in der Performance nur indirekt vor. Die Performer bleiben bei sich und erzählen von ihren Erinnerungen. Berit Stumpf greift dafür beispielsweise auf ihr Tagebuch zurück: "Ein einziger Monolog von Fragen, von der Suche nach sich selbst", erinnert sich die Theatermacherin. "Das ist auch schmerzhaft, dahin zurückzugehen, weil es eine extreme Einsamkeit hat. Es geht auch um eine Überwindung von Peinlichkeit."

Doch die Reise in die Vergangenheit soll auch nicht nur Spaß machen, Nostalgie soll auf jeden Fall vermieden werden. Deswegen ist auf einer übermenschlich großen Leinwand immer ein riesiges Gesicht zu sehen, dass in Anlehnung an Orwells "Big Brother" die Erinnerungsreise überwacht und die so sicher geglaubten Privilegien hinterfragt. Die Performer versuchen, die eigene weiße Position auszustellen und auf diese Weise aufzubrechen – das erklärt zumindest Bastian Trost.

Menschen vor Videoinstallation auf der Bühne
Jeder Performer schlüpft mal in die Rolle des "Big Brother" oder der "Big Sister" Bildrechte: Dorothea Tuch

Hier kommen wieder die Residenzen ins Spiel: Die Erfahrungen der anderen Menschen ermöglichen Gob Squad einen anderen Blick auf die eigene Vergangenheit. Sowohl Bastian Trost als auch Berit Stump beschreiben die Performance als einen Trip, "um sich aus dieser Vorstellung von binären Strukturen und von Geschichte, wie ich sie erlebt habe und wie sie mir erzählt wurde, zu lösen." Laut Berit Stumpf, sei es mühsam, sich davon zu verabschieden, aber auch bereichernd. Für Bastian Trost ist es sogar notwendig. Denn das Ziel hinter dem Projekt ist es, einen unverstellten Blick auf die Zukunft, die uns heute vor allem durch die Klimakatastrophe bedroht erscheint, zu bekommen.

Wir können überhaupt nur eine Zukunft haben, heute im Jahr 2021, wenn wir zurückreisen an den Punkt, wo wir auch dachten, wir hätten keine Zukunft und wir aber falsch lagen, weil, siehe da, wir hatten eine.

Bastian Trost, Performer bei Gob Squad

Weitere Informationen "1984: Back to No Future"
Schauspiel Leipzig

Konzept und Regie: Gob Squad
Performance: Johanna Freiburg, Sean Patten, Sharon Smith, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will, Damian Rebgetz, Tatiana Saphir
Sounddesign: Sebastian Bark, Catalina Fernandez, Isabel Gonzales Toro
Videodesign: Miles Chalcraft, Noam Gorbat
Kostüme: Ingken Benesch
Bühnenbild: Amina Nouns

Termine: 24. bis 29. Juni jeweils um 20 Uhr

Mehr aus der Leipziger Theater-Szene

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Juni 2021 | 16:10 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei