Vorbericht Wie das Schauspiel Leipzig Günter Grass' "Die Rättin" ins Heute holt

Was kommt eigentlich nach der Apokalypse? Ratten lernen sprechen und bauen eine neue solidarische Gemeinschaft auf – zumindest nach Günter Grass. Doch wie bringt man seinen 500-Seiten-Wälzer aus dem Tschernobyl-Jahr 1986 auf die Bühne, und warum? Claudia Bauer, renommierte Hausregisseurin am Schauspiel Leipzig, verlagert die Handlung in eine Weltraumkapsel, erzählt von Apokalypse, aber auch von Märchen und Fridays for Future-Initiatorin Greta Thunberg. Das Stück feiert am 8. Oktober Premiere.

"Die Rättin" am Schauspiel Leipzig, Probe 3 min
Bildrechte: MDR / Pia Uffelmann

Claudia Bauer inszeniert Günther Grass' Roman "Die Rättin" am Schauspielhaus Leipzig. Pia Uffelmann hat die Proben besucht.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 08.10.2021 06:00Uhr 03:26 min

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Mit der Inszenierung "Die Rättin" der renommierten Hausregisseurin Claudia Bauer startet das Leipziger Schauspiel am Freitag in die neue Spielzeit. Vorlage für das Stück bildet der gleichnamige Roman des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass. Darin gehe es um eine "post-apokalyptische Vision", sagt Bauer, die mit ihren Arbeiten bereits dreimal zum Berliner Theatertreffen eingeladen war.

Eine post-apokalyptische Vision erzählt aus einer Raumkapsel

Claudia Bauer
Regisseurin Claudia Bauer Bildrechte: Schauspiel Leipzig / Sandra Then

Ein Ich-Erzähler kreist in einer Raumkapsel um die zerstörte Erde und führt ein Zwiegespräch mit einer Rättin. Dabei würden zwei Realitäten aufgemacht, so die Regisseurin.

Auf der einen Seite der Ich-Erzähler, der behaupte, es gebe die Menschheit noch und sie sei zu retten und auf der anderen Seite die Rättinnen, die dagegenhalten: Den Menschen gebe es nicht mehr und nur sie, die Rättinnen, könnten die Welt retten – wenn es überhaupt jemand könne.

No-Future-Punk: Grass' Roman wieder aktuell

Schriftsteller Günter Grass
Schriftsteller Günter Grass (1927-2015) Bildrechte: dpa

Der Roman wurde 1986, wenige Monate vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl veröffentlicht. Darin erzählt Grass träumerisch-verrückt über das Waldsterben, Umweltzerstörung und von Endzeitgefühlen.

Es ist ein Roman, von dem Claudia Bauer sagt, er habe ihr Lebensgefühl als "No-Future-Punk" im Westdeutschland der 80er-Jahre geprägt – und er sei heute wieder aktuell, da es momentan eine ganz ähnliche Weltuntergangsstimmung gebe.

Der einzelne Mensch ist im Moment extrem überfordert.

Claudia Bauer Regisseurin Schauspiel Leipzig

Die Gebrüder Grimm übernehmen die Macht

Die Rättin - nach dem Roman von Günter Grass für die Bühne bearbeitet von Claudia Bauer und Matthias Döpke, Regie: Claudia
Andreas Auerbach schuf den Bühnenraum im Leipziger Schauspiel Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Diese Überforderung sei in dem Roman schon immanent. Einen knapp 500-seitigen Roman auf die Bühne zu bringen, ist gleichzeitig eine ziemliche Herausforderung. In ihrer Unersättlichkeit habe sie versucht, ein ähnliches Panorama wie Grass aufzumachen, berichtet die Regisseurin, was zwischenzeitlich einen Strudel von viel zu vielen Grass'schen Themen, Motiven und Bildern bedeutet habe. Sie habe versucht, die Inszenierung ein bisschen klarer als die Welt mit all ihren Überforderungen zu machen, erzählt Claudia Bauer.

In Grass' Roman wie in Bauers Inszenierung denkt der Ich-Erzähler sich zur Rettung der Welt Geschichten aus: Märchengeschichten beispielsweise mit Dornröschen und Rapunzel oder mit den Gebrüdern Grimm, die zeitweise die Macht übernehmen.

Das Bühnenbild auf der großen Bühne im Leipziger Schauspiel ist auf die Raumkapsel fokussiert. Sie steht in der Mitte als ein großer, weißer Würfel auf dünnen Metallbeinen. Der Würfel befindet sich wiederum auf einer Drehbühne, die sich permanent langsam im Kreis bewegt. Unten am Boden wuseln die Märchenfiguren und mehrere Rättinnen herum. Bauer hat die Rolle auf mehrere Schauspielerinnen aufgeteilt, während der Ich-Erzähler von nur einer Person, Tilo Krügel, gespielt wird. Insgesamt sind annähernd 20 Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne, zu denen neben Ensemblemitgliedern wie Amal Keller, Patrick Isermeyer und Julia Berke auch Schauspielstudierende gehören. 

"Die Rättin" am Schauspiel Leipzig, Probe
Szene aus dem Stück "Die Rättin" am Schauspiel Leipzig unter der Regie von Claudia Bauer Bildrechte: MDR / Pia Uffelmann

Assoziatives Kaleidoskop aus Stimmen und Bildern

Der weiße Würfel auf der Bühne dient nicht nur als Raumkapsel: Gleichzeitig ist er Leinwand für Live-Videoaufnahmen: Groß werden die Gesichter von Darstellerinnen und Darstellern gezeigt, die ihre Visionen, Geschichten und Zukunftsängste vortragen. Eine Vielzahl an Monologen, die sich überlagern. Sie schaffen einen mehrstimmigen Klang, aber auch Verwirrung. Ein assoziatives Kaleidoskop, so nennt es Regisseurin Bauer. Für sie symbolisieren die Märchenfiguren Protagonisten der Fridays for Future-Bewegung wie Greta Thunberg: In ihrer Inszenierung sage Gretel, dass wir jetzt die Notbremse ziehen müssten, weil es in ein paar Jahren zu spät sei.

Die Rättin - nach dem Roman von Günter Grass für die Bühne bearbeitet von Claudia Bauer und Matthias Döpke, Regie: Claudia
Claudia Bauer greift Zukunftsgedanken und aktuelle Debatten auf. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Keine leichte Kost am Schauspiel Leipzig

Die Kostüme der Rätinnen sind vor allem – bunt. Vanessa Rust hat sie farbenprächtig und im Stil der Hochrenaissance geschaffen, wie Bauer berichtet. Eigentlich erinnerten nur die Rattenschwänze und mausähnlichen Masken daran, dass sie Ratten seien. Dagegen komme der Ich-Erzähler in Grau daher.

Die Spielzeiteröffnung des Schauspiels Leipzig wird sicher keine leichte Kost, sondern ein Abend mit großen Bildern, sich überlagernden mehrstimmigen Monologen und einem Anstoß zum Nachdenken darüber, ob die Welt noch zu retten ist – oder eben nicht.

Die Rättin - nach dem Roman von Günter Grass für die Bühne bearbeitet von Claudia Bauer und Matthias Döpke, Regie: Claudia
Claudia Bauer arbeitet mit allen Mitteln des Theaters. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Angaben zum Stück Schauspiel Leipzig
Bosestraße 1
04109 Leipzig

"Die Rättin"
Premiere: 8. Oktober, 19:30 Uhr
(Restkarten)

Weitere Termine:
So, 10.10.
Do, 21.10.
Sa, 30.10.
So, 14.11.
Sa, 18.12.
Jeweils 19:30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Oktober 2021 | 06:15 Uhr