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Es passiert viel auf der Bühne bei "Luna, Luna", trotzdem schafft es das Stück nicht vollends zu überzeugen. Bildrechte: Rolf Arnold

KritikDurch Musik und All: Schauspiel Leipzig bringt "Luna Luna" auf die Bühne

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Stand: 01. Oktober 2022, 13:30 Uhr

Das Buch "Luna Luna" von Maren Kames lässt sich nur schwer beschreiben: Es ist ein Langgedicht voller Anspielungen, der Befreiungsschlag eines "Mödchens" und eine wilde Reise zum Mond. 2020 war das Buch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Das Schauspiel Leipzig bringt die wilde Sprache als Uraufführung auf die Bühne – mit bunten Kostümen, ein Chor singt Songs von "Life on Mars" von David Bowie bis "Atemlos" von Helene Fischer und faszinierendem Bühnenzauber. Doch voll und ganz weiß das Stück von Regisseur und Intendant Enrico Lübbe nicht zu überzeugen.

Eine Handlung, eine Geschichte im strengen Sinn gibt es nicht. Zwar ist der Text als Buch gut 100 Seiten lang - den Begriff "Mond-Fantasie" eines Kritiker-Kollegen fand ich sehr schön - aber es ist mehr Zustandsbeschreibung, Weltwahrnehmung; gegliedert in drei Kapitel, überschrieben mit: "1 scheiße und eiskaltz"; "2 krieg (wieso)" und "3 Liebe (wohin)". Trotz fehlender Handlung versammelt der Text einige Figuren: eine Geisha, einen Sheitan - also den Teufel, einen Astronomen, eine Mutter, einen Großvater. Am Anfang steht ein lyrisches Ich, es ist "rastlos" und "wild" im Kopf, und daran offenbar "entzweigebrochen und nicht wieder heil geworden". Was dann folgt, ist immer schön rhythmisiert - Rhythmus gibt ja auch Halt, aber als Text ist alles immer auch brüchig wie dünnes Eis.

Maren Kames lieferte die Vorlage in Form eines Gedichtes zu "Luna, Luna". Bildrechte: picture alliance/dpa/Secession Verlag/Mathias Bothor

Im ersten Kapitel heißt es ja "scheiße und eiskaltz". Da ist also bei "eiskalt" hinten einen "z" dran. Diese Brüchigkeit der Worte beschriebt im Kleinen wohl die Brüchigkeit der Welt, und erinnert mich beim Lesen oft an Heiner Müller, an "amletmaschine" oder den "glücklosen Engel". Maren Kames hat nicht die Härte wie Müller, bei ihr ist es einfühlsamer, trauriger - weiblicher auch?! Und ihr Text ist gespickt mit Popsongs, die auch oft zitiert werden. Erstaunt hat mich das Kapitel "krieg (wieso)", darin ein Satz: "DER SOLDAT SITZT IN SEINEM GRABEN UND KRIEGT DIE KRISE UND BEKRIEGT DIE KRISE UND SINGT:" Und dann wird "Forever Young" von Alphaville zitiert mit der Frage: "wird die bombe kommen oder bleibt sie weg?" Da sind wir plötzlich ganz nah am Krieg in der Ukraine, obwohl der Text beim Thema Krieg allgemein bleibt und ja auch schon um 2018, 2019 geschrieben wurde.

Varieté-Theater als Überwältigungsstrategie

Regisseur Enrico Lübbe betont diese Aktualität nicht. Vielleicht geht es ihm am Ende mehr um Form als um Inhalt. Die Form ist eine Art Überwältigungsstrategie. Beim Einlass ist schon der Vorhang auf. Das Portal der Bühne ist vervielfacht zu sehen und in die Tiefe gestaffelt. Hinten ein Vorhang, dahinter dann eine Showtreppe. Der Boden ist eine Spiegelfläche. In diesem Raum treten die vier Protagonisten auf: das lyrische Ich, der Sheitan, Mutter und Großvater. Auch ein A Capella-Chor, sieben Sängerinnen und Sänger, die phantastisch singen. In phantastischen Kostümen; in phantastischem Licht, in phantastischen Sound gebettet – und das alles erschlägt leider, leider den Text.

Vor allem Kostüme, Licht und Sound stechen bei der Inszenierung hervor. Bildrechte: Rolf Arnold

Mit anderen Worten: Lübbe macht den Anfängerfehler, dem schon bildstarken Text noch eine eigene Bild- und Soundwelt hinzuzufügen. Im Ergebnis sehen wir ein Varieté-Theater, eine Pop-Show, die ohne einen Sinn, und ohne Erdung zum Text, einfach nur Bilder und Einfälle versammelt. Gott sei Dank passiert das aber nicht auf der illustrierenden Ebene: das wäre ganz schlimm gewesen. Nein, Lübbe setzt eigene Akzente, an sich auch ganz virtuos, bemüht alles, was das Theater hergeben kann: Nebel, Licht, Puppentheater; macht kleines Groß und Großes klein - ganz so wie im "Faust"-Prolog, wo der Theaterdirektor die Parole ausgibt: "Drum schonet mir an diesem Tag / Prospekte nicht und nicht Maschinen … und schreitet in dem engen Bretterhaus / Den ganzen Kreis der Schöpfung aus."

Enrico Lübbe ist Regisseur von "Luna, Luna" und Intendant des Schauspiel Leipzig. Bildrechte: dpa

Apropos Schöpfung: Schon im Alten Testament gibt es zu Beginn ja eine Art Regieanweisung: "Und Gott sprach: Es werde Licht!" Mit anderen Worten: Erst das Wort, dann das Bild. Beides gleichzeitig macht sich ohne Not nur Konkurrenz. Das ist der Anfängerfehler, den ich hier unterstellt habe. Kleiner Spaß am Rande.

Entseelte Schauspielerinnen und Schauspieler

Die Schauspieler (inklusive Chor) sind gut und schlecht zugleich. Der schauspielende A Capella-Chor ist musikalisch zum Beispiel perfekt. Hat aber in dieser Perfektion natürlich überhaupt nicht die Brüchigkeit, die dem Text zugrunde liegt. Ein großes Fragezeichen für mich! Ist das Absicht – sozusagen als Gegenpol gedacht, weil es auch die Liederebene ist – oder doch Unachtsamkeit? Ansonsten sind die Schauspieler eher funktionierende Teile einer gut geschmierten Gesamtmaschinerie. Schauspieler als Material, als Dekorelemente sozusagen. Das kann man natürlich so machen, und es hat sich ja auch zu einem ganz eigenen Stil entwickelt (wie bei Robert Wilson), im Endeffekt sind sie dann aber mit einem Wort: entseelt!

Auch ein A Capella-Chor ist Teil der Inszenierung. Bildrechte: Rolf Arnold

Es gibt allerdings eine Stelle, da nimmt sich Schauspieler Tilo Krügel seine Schauspielerseele zurück. Er spielt in dieser Szene den Großvater: weißes, wirres Haar, raues Nachthemd aus Leinen; ein Bild wie Moses aus dem Alten Testament; ein demenzkranker Moses-Großvater vielleicht, der immerzu sucht und spielt: Wo bin ich hier hier eigentlich?! (Vielleicht auch im falschen Film, subtile Inszenierungskritik auf der Metaebene?!). Und dann an die Rampe tritt und ganz leise, so leise, dass es gerade noch zu verstehen ist, singt: "Heile, heile Gänsje, es is bald widder gut", alle drei Strophen, ganz leise, ganz konzentriert: da ist der beseelte Schauspieler für eine Szene auf der Bühne auferstanden und bekommt Szenenapplaus, den einzigen an diesem Abend!

Und es ist ja auch ein Lied, das als Trostlied (Allgemeinwissen) in der bombenzerstörten Stadt Mainz nach dem Zweiten Weltkrieg (Wikipedia-Wissen) gesungen wurde. Und schon beim Trost- und Kinderlied denke ich als Zuschauer natürlich wieder an den aktuellen Krieg und an den Satz: "wird die bombe kommen oder bleibt sie weg" – die gleichzeitig stattfindende Annexionsfeier im und am Kreml lässt grüßen. Aber Lübbe gibt diesen heutigen Parallelwelten in seiner Inszenierung gar keinen Raum. Comic und Manga ist mehr seine Welt. Jedenfalls merke ich in dieser Szene, was möglich gewesen wäre, wenn ein Regisseur den Text in Szene gesetzt und ernst genommen und nicht in der Pop-Art-Schublade entschärft hätte.

Formal weiß "Luna, Luna"zu überzeugen. Was auf der Bühne zu sehen ist, gleicht teilweise einem Spektakel. Bildrechte: Rolf Arnold

"Luna, Luna" als Buch: Papiertheater

Am Ende gab es frenetischen, langanhaltenden Applaus. Insofern muss es den meisten Premierenbesuchern sehr gefallen habe, das muss ich fairerweise hier anfügen. Vielleicht bin ich da inzwischen auch schon zu konservativ, wenn für mich bei einer Uraufführung der Text im Mittelpunkt stehen sollte. Wie beim Eislaufen: Erst die Pflicht, dann die Kür. Nach der Uraufführung kann man gerne zeigen, wieviel tolle Ideen einem zu dem Text noch so einfallen. Bei der Uraufführung finde ich es angemessen, sich in den Dienst dieses Textes zu stellen, erst recht heutzutage bei diesen Bezugspunkten in der Welt: Das ist hier leider gar nicht passiert.

Und weil es gar nicht passiert ist, ein Tipp: Statt Theaterbesuch lieber das Buch kaufen! Zwei Theaterkarten kosten in der mittleren Preisgruppe etwa 40 Euro; das Buch 35 Euro. Graphisch ist es ganz toll gemacht. Komplett schwarz – eben "Luna Luna". Und die weisen, weißen Worte sind wie kleine Sterne; die 100 Seiten dann wie eine Milchstraße. Vorn und hinten ein pinkfarbenes Vorsatzpapier wie Pro- und Epilog. Das Buch ist am Ende selbst schon eine Art (Papier-)theater. Und man wird nicht beim Lesen, beim Vorlesen, mit Bildern zugeschwallt, die den Text stören und am Ende totschlagen. Schade drum.

Weitere Informationen"Luna Luna" nach dem Buch von Maren Kames

Regie: Enrico Lübbe
Musikalische Leitung: Daniel Barke
Bühne: Katrin Nottrodt
Kostüme: Josa Marx
Choreographie: Salome Schneebeli
Video: Kai Schadeberg
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit: Tilo Krügel, Lisa-Katrina Mayer, Christoph Müller, Michael Pempelforth und vielen anderen

Termine:
8. Oktober, 19.30 Uhr
16. Oktober, 19.30 Uhr
Weitere Termine folgen

Redaktionelle Bearbeitung: Florian Leue

Aus der Leipziger Theaterszene

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 01. Oktober 2022 | 13:15 Uhr