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"The Shape of Trouble to Come"Das Schauspiel Leipzig öffnet mit Performance von Sandra Hüller

Performance "The Shape of Trouble to Come"

Glückliche Tage: Sandra Hüller am Schauspiel Leipzig

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Stand: 21. Juni 2021, 14:13 Uhr

Das Schauspiel Leipzig meldet sich auf der Bühne zurück. Dort ist Sandra Hüller in einer Performance zu erleben, die aus dem 24. Jahrhundert einen Blick auf die Zeit nach Klimakatastrophen, Kapitalismus und Patriarchat wirft. Auf das Ende des Anthropozäns. Ein sehenswerter, tröstender Abend und eine Erinnerung an den Klassiker "Glückliche Tage" von Samuel Beckett. Eine Theaterkritik.

Zum Schluss, nach eineinhalb Stunden, hätte ich mir lieber eine Pause gewünscht, und danach wäre es dann weitergegangen. Mit dem Klassiker von Samuel Beckett, der mit den Worten endet: "Oh, dies ist ein glücklicher Tag, dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein!". Das hätte super gepasst. Denn die Performance "The Shape of Trouble to Come" (deutsch: Die Form der Unruhe, die da kommen wird) ist quasi, 60 Jahre später, eine Weiterdichtung des Stücks "Glückliche Tage", das im September 1961 uraufgeführt wurde.

Beiden Stücken wohnt im Kern dieselbe Botschaft inne, die besagt, dass eine Katastrophe letztendlich auch Ruhe und Frieden auslösen kann. Man muss nur eine jeweils individuelle Form finden, damit umzugehen. Wenn der Mensch sein eigenes Ende erst einmal vor Augen hat, steht jedenfalls Trauerarbeit an. Die kann, dialektisch betrachtet, in totaler Ignoranz (Beckett) bestehen, aber auch in intensiver Auseinandersetzung wie hier in diesem Stück, das im Untertitel wohl auch deshalb "ein posthumanes Ritual" heißt.

Von Menschen und Mischwesen

Zu Beginn sitzt Sandra Hüller am Tisch rechts am Bühnenportal in schwarzer Hose und lila Blumenbluse und hört einfach nur zu, wie wunderschöne Klaviermusik von Bach aus einem alten, analogen Tonbandgerät erklingt. Spult nach dem Titel immer wieder zurück. Auf der anderen Seite am Bühnenportal links steht ein zweiter Mensch – oder ist er wegen seiner orange-schwarz gefleckten Haut schon ein Mischwesen? Es ist Christoph Müller aus dem Leipziger Schauspielensemble, der sich um Pflanzen in kleinen Anzuchttöpfen auf einer Blumenbank kümmert.

Hauptdarstellerin Sandra Hüller lauscht Klaviermusik von Bach. Bildrechte: Andreas Schlager

Dann geht er in die Bühnenmitte und holt Erde, riecht daran, ob die Erde als Mutterboden schon wieder geht, denn in ihr steckt noch der ganze Müll des Menschenzeitalters: Computer, Autoteile. Wie alte Knochen. Es ist der Humus, auf dem das Neue wachsen muss. Und folgerichtig wird dieser Humus im Verlauf des Stückes auf der Bühne ausgebreitet. Ein Ikea-Beutel und ein Bildschirmgehäuse eignen sich als Tragetaschen. Mit einem riesigen Heurechen wird der Humus dann verteilt. Das "posthumane Ritual" wirkt teilweise auch wie eine Reise in die Vergangenheit, als es noch keine Traktoren gab.

Mit Texten von Heiner Müller

Die Texte, die die beiden "Performer" Hüller und Müller vortragen, stammen vor allem von Donna Jeanne Haraway, Ursula Kroeber Le Guin und Heiner Müller. Hüller zitiert zu Beginn einen Text von Kroeber Le Guin, der den Beutel rehabilitieren will. Vom Urmenschen angefangen, der gerne Jäger und Sammler genannt wird, wäre entwicklungsgeschichtlich betrachtet viel zu oft der phallische Speer betont worden; Beutel und Tragetasche seien zu kurz gekommen. Diese Kritik, dass Zivilisationsgeschichte aus männlicher Sicht erzählt wird, ist natürlich evident – Hüller geht es um zwei andere Fragen: Gibt es eine zweite Chance, weil man auf der Straße der Sieger, die am Ende eine Sackgasse war, nicht rechtzeitig abgebogen war? Und hat diese zweite Chance etwas mit den verpassten Abfahrten zu tun?

Willkommen im 24. Jahrhundert

Sandra Hüller – noch Mensch oder schon Mischwesen? Bildrechte: Andreas Schlager

Haraway wiederum ist Wissenschaftlerin und Feministin und hat 2018 das Buch "Unruhig bleiben" geschrieben, in dem sie die These aufstellt, dass die Welt nur gerettet werden kann, wenn der Mensch sich selbst nicht mehr reproduziert und anstelle dessen symbiotische Beziehungen mit Tieren und Pflanzen eingehen wird. So würden Mischwesen über mehrere Generationen immer wieder neu entstehen und ausprobiert werden. Wenn Hüller dann von der 5. Generation spricht, ist damit auch die Gegenwart der Bühnenhandlung gesetzt: Willkommen im 24. Jahrhundert. Nach der Klimakatastrophe. Nach dem Kapitalismus. Nach dem Patriarchat.

Ein Stück über Leipzig

Interessanterweise ist diese Performance auch ein Stück über Leipzig. Man denkt bei dieser theatralen Feldarbeit an das "Jahrtausendfeld", eine Industriebrache in Plagwitz, auf der im Jahr 2000 Getreide ausgesät und geerntet wurde. Man denkt an den Güterbahnhof in Plagwitz, der aufgegeben ist. Dort sind in den Lagerschuppen neue Wohnungen entstanden. Ganz Mutige versuchen schon, zwischen den öl- und fungizidverseuchten Gleisen neue Gärten anzulegen. Am liebsten in Bio. Weil Sandra Hüller seit ein paar Jahren in Plagwitz lebt, könnte eigenes Erleben also eine Rolle spielen. Dann wäre das hier durchaus eine sehr persönliche Sache. Zumal es in der Performance auch den Moment gibt, wo Hüller aus ihrer Rolle aussteigt und von den Kollegen auch "Sandra" genannt wird. Natürlich ist auch das inszeniert.

Trost am analogen Lagerfeuer

Es zeigt vielleicht, wie die Probearbeit gelaufen ist. Dass man in der Gruppe diskutiert hat, ob das alles elitärer Quatsch ist, was man da gerade macht? Und für wen man das eigentlich spielt? Und ob es überhaupt hilft? Weil die Leute, die sowas gucken, alles sowieso schon wissen. Die Szene wirkt ehrlich, aber auch konstruiert. So gut der Abend auch gemeint ist, an manchen Stellen fehlt eine Regie, die auf den Punkt kommt. Das ist schade, stört dann aber auch nicht weiter.

Sandra Hüller und auch Christoph Müller tragen die Texte wunderbar vor und den Abend über weite Strecken. Und wenn am Ende alle fünf Performer ums analoge Lagerfeuer sitzen, wie schon Adam und Eva und die Poesie der Ameisen, der Kaiserpinguine und am Ende auch die Poesie der Felsen beschreiben, ist man schließlich angekommen, ist getröstet nach geleisteter Trauerarbeit. Ruhig geworden, statt unruhig bleiben. Am Ende vielleicht sogar versteinern! Versteinern?

Bach hat das letzte Wort

Bach, der in Leipzig war, genauso wie das Jahrtausendfeld oder der Güterbahnhof, hat hier sozusagen das letzte Wort. Vielleicht das einzige, was am Ende bleibt. Musik für die Ewigkeit. Sandra Hüller und ihren Mitspielern gelingt ein Abend, der durch die Trauerarbeit, die hier zu sehen ist, wirklich berührt. Fast möchte man sagen: Wenn es mit dem Ende der Menschheit so ist wie hier, ist es ja gar nicht so schlimm.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 21. Juni 2021 | 12:10 Uhr