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'Die Ermüdeten' als Stream vom Schauspiel Leipzig

Die letzte Party

Wie funktioniert "Die Ermüdeten" vom Leipziger Schauspiel im Netz?

von Thilo Sauer, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Stand: 05. März 2021, 04:00 Uhr

Der Lockdown hat die Spielpläne erneut vollkommen durcheinandergebracht, die Theater in Sachsen sollen noch bis Ende März geschlossen bleiben. Neue Produktionen stauen sich, während andere Stücke nicht mehr hygienekonform sind. Gleich drei Produktionen des Leipziger Schauspiels passen nun nicht mehr ins Repertoire, im Internet feiern sie jetzt ihre letzten Aufführungen. Doch wie unterscheiden sich die Produktionen in der digitalen und analogen Welt voneinander?

Nach dem ersten Lockdown hat sich das Leipziger Schauspiel schnell eine digitale Bühne aufgebaut: Regelmäßig wurden unentgeltlich Mitschnitte von Produktionen zur Verfügung gestellt, es gab eine Webshow sowie die bemerkenswerte Zoom-Performance "k." nach Texten von Franz Kafka. Beim zweiten Lockdown wollte sich das Theater zunächst auf die Proben konzentrieren, doch nun zeigt es doch einige Produktionen aus der Nebenspielstätte Diskothek wie zuletzt die Inszenierung der Uraufführung von Bernhard Studlars Stück "Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind".

Weil der Gedanke dabei ist, die Autorinnen und Autoren mit Tantiemen zu unterstützen – und weil es inzwischen auch andere Häuser so machen – kostet der Stream inzwischen "Eintritt". Ein Gedanke hinter dem neuen Online-Spielplan ist, das Repertoire auszudünnen, aber ältere Inszenierungen digital noch ein letztes Mal zu zeigen: Denn viele neue Produktionen drängen in den Spielplan und Stücke wie "Fluss, stromaufwärts" lassen sich wegen ihrer Nähe zum Publikum in der Pandemie nur schlecht spielen.

Im letzten Drittel gibt es einen Stimmungswechsel. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Die Party am Abgrund

Auch "Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind" von Bernhard Studlar setzt auf Exzess. Alles scheint aus einer anderen Zeit zu stammen: Auf einer Dachterrasse in irgendeiner Großstadt treffen sich mehrere Leute für eine Party. Vielleicht ist es auch eher eine Soiree. Die Gäste scheinen allesamt aus der gehobenen Klasse zu stammen. Sie freuen sich über das tolle Buffet vom Caterer und sind ganz besonders begeistert davon, dass das alles Bio ist. Natürlich unterhalten sie sich auch: über die neue Beförderung, über Probleme in der Beziehung – die sich vielleicht mit einem Urlaub lösen ließen –, über Familienplanung und manchmal sogar über Politik.

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Dann bricht die Stimmung plötzlich: Eine Frau ist in die Wohnung eingedrungen, die sich scheinbar von der Dachterrasse stürzen will. Der Gastgeber kann sie davon abhalten und lädt sie auf die Party ein – doch dann bedroht sie ihn mit einer Waffe. Für die anderen Gäste scheint die Welt zusammenzubrechen und die Bühne verwandelt sich in eine (post-)apokalyptische Szenerie.

Ein anderer Blick auf die Corona-Gesellschaft

Bereits bei der Uraufführung 2015 war "Die Ermüdeten" eine wunderbare Gesellschaftssatire. Mit den sich immer wiederholenden Phrasen zeigte das Stück, wie hohl und selbstbezogen Besserverdienende sein können. In der Zeit des Lockdowns bekommt die Produktion noch einmal eine andere Bedeutung: Letztlich ist es nämlich auch dekadentes Verhalten, das die Pandemie vorantreibt. Statt etwa über die eigene Beziehung zu reden, fahren die Figuren in den Urlaub. Sie reden über bewussten Konsum, wollen aber vor allem konsumieren.

Vermutlich sind es auch diese Leute, die laut darüber klagen, dass sie gerade nicht feiern oder verreisen dürfen, während der Nachbar im Erdgeschoss, der vielleicht ein sonst gut gehendes Restaurant betreibt, um seine Existenz bangt. Dieses Gefühl einer Party am Abgrund verstärkt sich angesichts der aktuellen Situation.

Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Viele Details gehen im Netz verloren

Die Hausregisseurin des Leipziger Schauspiels, Claudia Bauer, hat das Drama in der für sie typischen Ästhetik mit Masken und Wiederholungen inszeniert. Ihr Ausstatter Andreas Auerbach hat den Boden mit Kacheln in Marmoroptik ausgelegt und den Bühnenraum mit einem rosafarbenen, Falten schlagenden Vorhang umgeben. Alle Personen tragen bodenlange Abendkleider – nur die Masken, die an Klischee-Männer und -Frauen aus dem Amerika der 60-Jahre erinnern, lassen ein Geschlecht erahnen. Ihre Bewegungen sind übertrieben und wiederholen sich ständig. Diese Gestalten wirken wie Marionetten. Claudia Bauer verstärkte diesen Effekt noch einmal, indem sie Stimme und Körper voneinander trennt: Während ein Teil des Ensembles spielt, steht der andere Teil an der Seite und spricht den Text in Mikrofone. 

An diesem Stück – oder Stream – zeigt sich, warum Theater im Netz das Theater auf der Bühne nur schwer ersetzen kann. Gerade die Trennung von Stimme und Körper lässt sich in der Aufnahme nur schwer nachvollziehen, vor allem weil keine Kamera-Perspektive die Sprechenden in den Fokus nimmt. In dem Video fehlt die Freiheit, dahin zu schauen, wohin man möchte. Zudem bleibt die Distanz zum Geschehen größer: Wo Sound und Licht das Publikum mit auf die Party geholt haben, bleiben nun nur Bildschirm und Laptop-Lautsprecher. 

Ein Teil des Ensembles spricht den Text von der Seite. Bildrechte: Rolf Arnold/Schauspiel Leipzig

Dennoch gibt es auch gute Gründe, den Stream trotzdem zu sehen: Zum einen, um das Theater und die Kunstschaffenden zu unterstützen. Zum anderen ist "Die Ermüdeten" ein so unterhaltsames Stück, dass man es schon deshalb nicht verpassen sollte. Aber es bleibt ein aus der Not geborener Ersatz für das richtige Theatererlebnis.

Weitere Informationen"Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind" von Bernhard Studlar feierte am 25. September 2015 seine Uraufführung am Schauspiel Leipzig.

Regie: Claudia Bauer
Bühne & Kostüme: Andreas Auerbach
Musik: Jonas Schmid
Video: Gabriel Arnold
Dramaturgie: Matthias Huber
Mit: Wenzel Banneyer, Sophie Hottinger, Tilo Krügel, Dirk Lange, Annett Sawallisch, Katharina Schmidt

Weitere Termine: 8., 12., 21., 22., 27. März
Der Stream steht diesen Tagen ab 20 Uhr für 24 Stunden zur Verfügung.
Der Zugang kostet 5 Euro bzw. 3 Euro mit Ermäßigung.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 05. März 2021 | 12:40 Uhr