Online-Premiere am Schauspiel Leipzig "Widerstand" von Lukas Rietzschel: Ein Stück über die Risse zwischen Stadt und Land

Nach seinem Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" hat Lukas Rietzschel mit "Widerstand" einen faszinierenden Text für das Schauspiel Leipzig geschrieben. Erneut beschäftigt ihn die Frage: Wann schlägt Frust in Gewalt um? Das Stück handelt von der Zerrissenheit der Gesellschaft und stellt die zunehmende Entfremdung zwischen Menschen in der Stadt und auf dem Land fest. Aufgrund der Pandemie-Situation wurde das Stück als Theater-Film erarbeitet und auch zur Premiere per Stream aufgeführt.

Tilo Krügel auf der Bühne
Wie schon im Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" geht Lukas Rietzschel der Frage nach, warum und wie bei manchen der Frust in Gewalt umschlägt, in rechtes und verqueres Denken. Bildrechte: Schauspiel Leipzig

Vom Romanautor zum Dramatiker

Nach seinem Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" hat Lukas Rietzschel jetzt mit "Widerstand" einen faszinierenden Text für das Schauspiel Leipzig geschrieben. "Widerstand" handelt von der Zerrissenheit der Gesellschaft. Das Stück stellt eine zunehmende Entfremdung fest zwischen denen in den Städten, wozu auch die Politik gehört, und denen auf dem Lande, wo das Leben stagniert, wo der alte Bahnhof geschlossen ist und verfällt.

Autor Lukas Rietzschel
"Widerstand" ist der erste dramatische Text des in Görlitz lebenden Romanautors Lukas Rietzschel. Bildrechte: Ullstein-Verlag

Es spielt in einem Dorf bei Leipzig und eine junge Frau, Isabell, kehrt aus der Stadt dorthin zurück. Nur um ihre Eltern zu besuchen, natürlich. Dabei werden die Risse sichtbar, zwischen Stadt und Land, Ost und West, zwischen Steaks grillenden Biertrinkern und veganen Start-up-Gründern. Immer mehr Menschen, vor allem eben auf dem Lande, haben das Gefühl, tatsächlich in sehr verschiedenen Welten zu leben.

Dialoge voller Witz und Melancholie

Da ist zum Beispiel Sebastian, der das Dorf nie verlassen hat und Isabell seit der Schulzeit - ohne Aussicht auf Erfolg - verehrt. Er erzählt ihr, er könne aus den alten Eisenbahnschwellen der stillgelegten Bahnstrecke Möbel bauen und an die Städter verkaufen. "Auf sowas steht ihr doch!", sagt er. In Leipzig könne man sich auf den Markt stellen und Leute würden einem das Zeug aus der Hand reißen: "Aus dem wurmstichigsten Holz, das du hier nur noch zum Verfeuern verwenden würdest, machen die sich dort Regale und Schränke. Aber wir sind die Hinterwäldler!"

Eigentlich ein guter Witz, aber er zeigt eben auch, dass es diese Entfremdung zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen gibt. Das ist in der von Rietzschel bekannten Melancholie beschrieben, in knappen Beschreibungen, in wunderbaren Bildern, in diesen Riss pointiert beschreibenden Sätzen. Isabells Vater zum Beispiel sagt im Stück:

Ist ein Mensch in der Stadt doppelt so viel wert? Weil er keine beständigen Beziehungen hat, verschiedene Kinder von verschiedenen Partnern, weil er Ausländern begegnet, weil er fleischfrei isst, weil er in irgendwelchen Start-ups arbeitet?

Vater Frank (Tilo Krügel) in "Widerstand" am Schauspiel Leipzig

Teresa Schergaut und Tilo Krügel am Tisch. Dahinter: Dirk Lange, Annett Sawallisch, Denis Grafe
Isabell (Teresa Schergaut) ist aus Leipzig zu Besuch bei ihren Eltern auf dem Land. Ihr Vater (Tilo Krügel) klagt über den Lebensstil der Menschen in der Stadt: "Ich verstehe es nicht. Aber auf einmal ist das mehr Wert. Auf einmal ist das die Norm." Bildrechte: Schauspiel Leipzig

Die Atmosphäre des Theaters fehlt

Die Inszenierung von Enrico Lübbe versucht, Rietzschels Text in das Medium des Online-Streamings zu übersetzen. Herausgekommen ist eine Stunde Bildschirmtheater, der man die Abstriche anmerkt, die es formal machen musste. Ein bisschen mehr Zeit - und natürlich die Atmosphäre im Theater - hätten dem Ganzen sicher gutgetan.

Beispielsweise hat der Musiker Peer Baierlein die Musik gemacht, und was der zu leisten in der Lage ist, hat man vor ein paar Jahren in Claudia Bauers Inszenierung "89/90" erleben können. Da hat er mit Chören dem Abend einen Rhythmus gegeben, mal Pathos, mal Ironie – großartig! In dieser coronakleinen 5-Personen-Besetzung ist ihm das nicht gelungen.

Letztlich gilt das auch für die Regie, die versucht, dass alles in Bewegung bleibt. Die Bühne dreht sich ununterbrochen, es gibt Videoeinspiele, was sicher dem Medium gerecht wird, aber nur wenige konzentrierte, stille Momente zulässt, die der Text aber eigentlich ausdrücklich verlangt. Sicher keine schlechte Inszenierung, aber eben eine, die wenig Halt bietet.

Überschminkte, aber glaubwürdige Figuren

Zumal sie, um Rietzschels Figuren ernst zu nehmen, von Anfang an ein realistisches Spielen vermeidet. Es gibt kaum Requisiten: keine Bauernkrüge, keine Oma-Möbel. Kostüm und Maske überzeichnen Isabell, Sebastian und die anderen bis ins Artifizielle. Sie sind überschminkt, tragen schrille Perücken. Man macht quasi Puppen aus ihnen, damit sie nicht zu Karikaturen werden. Dieser Teil des Konzepts geht auf. Denn vor allem darauf zielt Lukas Rietzschel, der das Leben "in der Fläche" gut kennt, der ganz bewusst nicht nach Berlin oder Leipzig gezogen, sondern in Görlitz geblieben ist.

Tilo Krügel auf der Bühne
Die Figuren wie Vater Frank (Tilo Krügel) sind stark überzeichnet. Sie wirken wie Puppen und sind doch authentisch. Bildrechte: Schauspiel Leipzig

Zentral für den Konflikt des Stückes ist Isabells Vater, der nach der Wende Vertreter wurde und in dem sich viel Frust angestaut hat. Er ist ein Willy Loman aus der Ostprovinz, doch im Gegensatz zu Arthur Millers Hauptfigur aus dem "Tod eines Handlungsreisenden" bringt sich Isabells Vater nicht um, sondern rüstet zum "Widerstand". Wie schon im Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" geht Rietzschel der Frage nach, warum und wie bei manchen der Frust in Gewalt umschlägt, in rechtes und verqueres Denken.

Über die Radikalisierung draußen im Land

Isabells Vater wird immer radikaler, er beschafft sich schließlich sogar eine Waffe. Lukas Rietzschel positioniert sich hier deutlich, indem er Isabell die Eskalation durch die Polizei beenden und auch einordnen lässt:

Ich habe alle Augen zugedrückt dabei. Als das losging mit dieser Sprache, mit diesen Hasstiraden und sogar, als die ersten Heime brannten. Aber es reicht. Es reicht schon lange.

Isabell (Teresa Schergaut) in "Widerstand" am Schauspiel Leipzig

Damit versieht Lukas Rietzschel das Stück mit einer klaren Botschaft. Was es aber dennoch leistet, ist ein kenntnisreicher, ein liebevoller Blick auf das Leben "draußen im Land" zu sein, und dafür lohnt es sich alle Male, diese Inszenierung anzuschauen.

Die Aufführung Auftragswerk des Schauspiel Leipzig
"Widerstand" von Lukas Rietzschel

Regie: Enrico Lübbe
Dramaturgie: Torsten Buß
Bühne: Hugo Gretler
Kostüme: Teresa Vergho
Musik: Peer Baierlein
Kamera und Schnitt: Kai Schadeberg, Fabian Polinski
Licht: Thomas Kalz

Besetzung:
Tilo Krügel als Frank
Teresa Schergaut als Isabell
Dirk Lange als Steffen
Annett Sawallisch als Peggy
Denis Grafe als Sebastian

Aufführungen/Streams:
Premiere am 14. Mai 2021
Di, 18. Mai 2021, 20:00 Uhr
Di, 25. Mai 2021, 20:00 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Mai 2021 | 10:15 Uhr

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