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Die Kostüme stammen von Dagmar Morell Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Semperoper Dresden

Beeindruckende "Zauberflöten"-Premiere kurz vor Pandemie-Lockdown

von Michael Ernst, MDR KULTUR-Opernkritiker

Stand: 02. November 2020, 15:53 Uhr

In Dresden kam am Sonntag Mozarts "Zauberflöte" zur Aufführung, der Opern-Klassiker schlechthin. Eigentlich sollte alles wieder im großen Inszenierungsrahmen stattfinden, doch durch die aktuellen Corona-Hygienebestimmungen musste die Aufführung etwas kleiner gefahren werden. Mit dem November-Lockdown kommt nun der Komplettstopp für die Inszenierung. Unser Kritiker hofft, dass es im Dezember weiter geht mit dieser Dresdner "Zauberflöte", die nicht nur durch die erstklassige Gesangsbesetzung glänzt.

Mozarts "Zauberflöte" ist ja das Repertoire-Stück schlechthin. Ein Haus wie die Semperoper in Dresden kann also gar nicht darauf verzichten. Die Aufführung in Dresden ist wahrscheinlich der Versuch der Verbindung einer Art Kundenfang unter Corona-Bedingungen mit einer künstlerisch eigenständigen und wertvollen Inszenierung. Die letzte Premiere liegt ja mit Offenbachs "Die Großherzogin von Gerolstein" viele Monate zurück. Seitdem gab es nur abgespeckte "Variationen". Nun sollte endlich wieder etwas Neues kommen.

"Die Zauberflöte", 1791 (im Sterbejahr Mozarts) in Wien uraufgeführt, kam nur zwei Jahre später erstmals in Dresden heraus. Hier stand sie laut Programmheft inzwischen 1.270 Mal auf der Bühne – am Sonntag gab es nun die 18. Neuinszenierung in Dresden. Sie ist in diesem Corona-Jahr in mehrfacher Hinsicht eine ganz besondere geworden.

Sebastian Kohlhepp als Tamino und Nikola Hillebrand als Königin der Nacht Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Sarglegung des Kulturbetriebs

Es ist die erste Neuproduktion seit dem Lockdown im Frühjahr. Hoffnungsvoll ist sie als "ganz normale" Premiere angesetzt, also mit vollem Orchester, Chor und sogar einer Pause. Das war der Stand vorige Woche Dienstag. Nach jüngsten Hygienevorschriften wurde sie nun wieder umgewandelt, gestrafft, ist ohne Pause – und bleibt vorerst ohne Folgeaufführungen. Die Premiere gestern war zugleich eine Art Sarglegung des Kulturbetriebs. Auf die derzeitige Corona-Situation nahm die "Zauberflöten"-Inszenierung keinen Bezug – wenn man von einigen Masken auf der Bühne absieht und natürlich Abstandsregeln und Kürze der Aufführung.

Eine "Sauberflöte" versprochen

Die musikalische Leitung liegt bei Omer Meir Wellber, dem ersten Gastdirigenten des Hauses, und der hat vorab eine "Sauberflöte" versprochen. Darunter muss man sich eine musikalisch auf Hochglanz geputzte Fassung dieser Oper vorstellen.

Die Inszenierung von Josef E. Köpplinger zielte vor allem auf junges Publikum. Wie blicken Menschen von heute auf diesen Mozart und seinen Librettisten Emanuel Schikaneder?

Das Bühnenbild hat Walter Vogelweider entworfen Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Stummer Tamino

Zeitlos im Bühnenbild und mit den vor allem landschaftlichen Videos von Walter Vogelweider sowie Kostümen von Dagmar Morell, war vor allem der Ansatz, einen jungen Tamino stumm auf die Bühne zu stellen, interessant. Der geistert als Beobachter von Szene zu Szene und entstaubt damit gleichsam die Vorgänge um Sarastro und die Königin der Nacht, die nach wie vor eine sehr männlich geprägte und göttergläubige Sicht auf die Dinge darstellen. Das wechselt zwischen unterhaltsam und albern, ist nicht immer ganz konsequent, verzichtet weitgehend auf stringente Personenführung und lenkt stattdessen mit Videokunst und schrillen Kostümen sowie reichlich Umbauten ab.

Der junge Prinz Tamino (Sebastian Kohlhepp) bleibt in dieser Inszenierung stumm Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Dramatisches Orchesterspiel

Omer Meir Wellber hat auf der musikalischen Seite seine Säuberung der "Zauberflöte" zur "Sauberflöte" konsequent umgesetzt. Auch und gerade in dieser eingekürzten Version. Die Staatskapelle spielt sauber und präzise, schon in der sehr rasch angegangenen Ouvertüre, ohne Verzicht auf musikalische Schönheit. Das ist durch den ganzen Abend ein geradezu dramatisches Orchesterspiel.

Dazu kommt eine erstklassige Sängerbesetzung: René Pape als erwartungsgemäß nobler Sarastro, ist distinguiert in der Haltung und prononciert im Gesang. Nikola Hillebrand gibt ihren Einstand als Königin der Nacht mit ein paar Aufgeregtheiten, aber ansonsten sehr überzeugend. Tuuli Takala als Pamina und Joseph Dennis als kurzfristig eingesprungener Tamino glänzen in ihrer lebevollen Jugendlichkeit, ebenso Sebastian Wartig und Katerina von Bennigsen als Papageno und Papagena.

Sebastian Wartig (Papageno) und Katerina von Bennigsen (Papagena) Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Wenn man so will, ist das eine Luxusbesetzung gewesen, bis hin zu drei Damen mit Roxana Incontrera (einst selbst Königin der Nacht), Stepanka Pucalkova und Christa Mayer sowie den drei Knaben vom Tölzer Knabenchor. Da wird also viel Aufwand betrieben für eine Premiere, die ein Zeichen für künstlerischen Aufbruch setzen sollte – und nun der Sargnagel für voraussichtlich vier Wochen Schließzeit ist.

Sechs Novemberaufführungen gestrichen

Zumindest darf derzeit geprobt werden, immer in der Hoffnung, dass es im Dezember wieder weitergehen wird – das"Weihnachtsgeschäft" ist ja auch für Theater wichtig. Im November war die "Zauberflöte" sechs Mal angesetzt, das ist nun gestrichen. Im Dezember soll sie dann immerhin noch drei Mal auf dem Spielplan stehen. hoffen wir, dass es dazu kommt, denn das Premierenpublikum gestern war sehr angetan von dieser Neuproduktion.

Trotz beeindruckende Premiere geht diese Inszenierung in eine ungewisse Zukunft Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Die AufführungDie Zauberflöte
Wolfgang Amadeus Mozart

Große Oper in zwei Aufzügen
Inszenierung Josef E. Köpplinger
Bühnenbild Walter Vogelweider
Kostüme Dagmar Morell

Premiere am 1. November 2020 um 18 Uhr
Weitere Termine aufgrund des aktuellen Lockdowns frühestens im Dezember.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 02. November 2020 | 10:15 Uhr