Neue Spielzeit Konwitschny, Loy und Thalbach: Semperoper lässt große Namen Regie führen

Die Sächsische Staatsoper Dresden bringt in der neuen Spielzeit 15 Neuproduktionen in den Sparten Oper und Ballett auf die Bühne. Am Donnerstag präsentierte die Oper ihr neues Programm. Es beinhaltet ein breitgefächertes Angebot für Kinder und Jugendliche, u.a. eine "Blues Brothers"-Inszenierung und ein Musical. Chefdirigent Christian Thielemann dirigiert "Aida", wobei Katharina Thalbach Regie führen wird, und das Ballett tanzt erstmals Johan Ingers "Peer Gynt".

Blick auf die Semperoper und das König-Johann-Denkmal auf dem menschenleeren Theaterplatz in Dresden
Blick auf die Semperoper und das König-Johann-Denkmal auf dem menschenleeren Theaterplatz in Dresden Bildrechte: imago images/Andreas Weihs

Seit dem 10. Mai 2021 steht die Opernwelt in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden Kopf: An diesem Tag gab Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch überraschend bekannt, den Vertrag von Staatskapellen-Chefdirigent Christian Thielemann und Semperopern-Intendant Peter Theiler nicht über 2024 hinaus verlängern zu wollen.

Da wird eine Dirigenten-Koryphäe also schlicht vor die Tür gesetzt: Affront oder notwendiger Schritt, um konzeptionell einen echten Neustart zu ermöglichen? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander, zumal Thielemann und Theiler kein besonders inniges Verhältnis nachgesagt wird und es erst im Februar dieses Jahres zu heftigen Auseinandersetzungen über die Corona-Schutzmaßnahmen kam. Nichts von alldem war Thema bei der gemeinsamen Jahres-Pressekonferenz.

Verdi's "Aida" von Regisseurin Katharina Thalbach

Ostentativ freundlich-kollegial präsentierten die beiden Verdis "Aida", die Christian Thielemann erstmals dirigieren wird. Ein nicht zu unterschätzendes Werk, meint Thielemann, das zwischen Kammermusik und Massenszenen changiere und ergänzt, dass er sich mit Regisseurin Katharina Thalbach ganz wunderbar verstehe. Die "Chefproduktion" ist erwartungsgemäß vom Feinsten besetzt: Mit dabei sind u.a. Krassimira Stoyanova, Georg Zeppenfeld, Francesco Meli. Fragen zu seiner Nicht-Vertrags-Verlängerung waren bei dieser Pressekonferenz nicht erwünscht, wurden auch nicht beantwortet – mithin entschwand der Maestro nach knappen 25 Minuten.

Katharina Thalbach
Katharina Thalbach führt Regie bei der neuen "Aida"-Inszenierung an der Semperoper Dresden Bildrechte: IMAGO

Selbstvergewisserung nach der Nicht-Vertrags-Verlängerung

Zuvor aber hatte Intendant Peter Theiler noch mit Nachdruck darauf verwiesen, wofür die Semperoper unter seiner Leitung bis 2024 steht: Für künstlerische Exzellenz, breitgefächerte Regie-Handschriften, für bekannte Namen und Rising-Stars in der SängerInnen-Szene, für zeitgemäßes Musiktheater, Internationalität u.a.m. – das wirkte wie eine Art Selbstvergewisserung, nachdem die sächsische Kulturministerin Barbara Klepsch in der vergangenen Woche bereits seine Nachfolgerin – die Grazer Intendantin Nora Schmid – vorstellte und bei der Gelegenheit gleich noch fünf Thesen zur Zukunft der Oper unter dem Schlagwort "Semper 2030" präsentierte. Im Kern geht es dabei vor allem darum, künftig neue, jüngere Zielgruppen zu erschließen, stärker auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren und intensiver in die Stadt, respektive Region hineinzuwirken.

Von "Madame Butterfly" über "Don Carlo" und "Norma" bis "Rusalka"

Nun also 15 Premieren! Einige der Neu-Produktionen lagen bzw. liegen inzwischen gut geprobt auf Halde. Udo Zimmermanns "Weiße Rose" zum Beispiel und "Die andere Frau" – ein Auftragswerk der Oper an Torsten Rasch und Librettist Helmut Krausser. Endlich kann auch die schon für Mai 2020 vorgesehene "Madame Butterfly" mit Kristine Opolais als Cio-Cio-San und Omer Meir Wellber am Pult der Sächsischen Staatskapelle herauskommen und die Uraufführung von Verdis "Don Carlo" mit dem Prolog von Manfred Trojahn, der den sogenannten Fontainebleau-Akt der französischen Fassung ersetzt.

Semperoper Zuschauerraum
Blick in den Zuschauerraum der Semperoper (vor Corona) Bildrechte: Semperoper / Matthias Creutziger

Eröffnet und beschlossen werden wird die nächste Saison mit Inszenierungen von Altmeister Peter Konwitschny, der zweifelsfrei seine eigene (streitbare?) Sicht auf die politische Dimension von Opern wie Vincenzo Bellinis "Norma" und Dmitri Schostakowitschs "Die Nase" entwickeln wird.

Gespannt sein darf man auch auf die neue "Rusalka" in der Regie von Christoph Loy, der die seelischen Konflikte der Titelfigur gewohnt tiefenpsychologisch ausdeuten dürfte und auf Joana Mallwitz am Pult: Vor wenigen Jahren noch war sie die jüngste Generalmusikdirektorin Deutschlands an der Oper Erfurt.

Joana Mallwitz
Joana Mallwitz steht in der Spielzeit 2021/22 als Dirigentin am Pult der Sächsischen Staatskapelle in der Semperoper Dresden. Bildrechte: Ina Holthaus

"Semper Zwei" – breites Angebot für Kinder und Jugendliche

Wunderbar breitgefächert ist das Angebot der Jungen Szene und auf "Semper Zwei", der kleinen Spielstätte der Semperoper, in der nächsten Spielzeit. Manfred Weiß wagt den Spagat zwischen Kinder- und Jugendoper, bringt mit "Blues Brothers" eine Kult-Film-Bearbeitung auf die Bühne und das Musical "Into the Woods".

Keine einzige Barock-Oper

Was fehlt bei einem Haus dieser Größenordnung und Musikgeschichte ist die Barock-Oper, also Werke aus der Frühzeit der Oper: 2020 war "Orfeo" von Monteverdi geplant, momentan aber ist nicht ein Werk aus der "Vor-Mozart-Epoche" dabei.

Europäisches Spitzenballett

Schlussendlich verfügt die Semperoper über eine Ballett-Company, die Aaron Watkin über 15 Jahre hinweg an die Spitze der europäischen Ballettszene geführt hat. Eine der interessantesten Produktionen der neuen Spielzeit dürfte "Peer Gynt" in der Choreographie des Schweden Johan Inger werden – der "nordische Faust" als eine Art Gesamtkunstwerk aus Ballett, Schauspielmusik von Edvard Grieg, Live-Gesang und Pantomime.

Rückkehr nach den "schlimmsten 15 Monaten"

Große Freude beim Intendanten über all die Vorhaben und viele Begleitveranstaltungen, während der kaufmännische Geschäftsführer Wolfgang Rothe von seinen "schlimmsten 15 Monaten" am Theater sprach. Statt knapp 300.000 BesucherInnen im Jahr 2019, kamen 2020 aufgrund der Corona-Pandemie nur noch 64.000. Statt 17,3 Mill. Euro Eigeneinnahmen 2019, waren es im Jahr darauf nur noch 3,7 Millionen – das tut weh, zumal die Semperoper traditionell einen hohen Eigenanteil erwirtschaftet. Die Botschaft jetzt aber lautet: Es kann und wird besser werden!

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kultur Kompakt | 17. Juni 2021 | 15:30 Uhr

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