"Next Door" Leipziger Installation gibt intime Einblicke in den Alltag von Sexarbeiterinnen

Ein Theaterprojekt in Leipzig ermöglicht intime Einblicke in Sexarbeit. Bei der begehbaren Audioinstallation "Next Door" können Interessierte für etwa eine Stunde lang ins vermeintlich verruchte Rotlichtmileu eintauchen. Mit der Performance will die Theatergruppe Studio Urbanistan mit Vorurteilen gegenüber Prostitution aufräumen.

Studio Urbanistan - "Next Door" Performance Leipzig
Julia Lehmann und Clara Minckwitz vom Studio Urbanistan auf dem runden Bett in ihrer begehbaren Audio-Performance "Next Door" im Leipziger Zentrum-Ost. Bildrechte: MDR/Sabrina Gebauer

Die Theatergruppe Studio Urbanistan beleuchtet mit ihrer aktuellen Performance "Next Door" die Welt der Sexarbeit: Wer an der Leipziger Wohnung unterm Dach klingelt, schlüpft in die Rolle eines Freiers oder einer Sexarbeiterin. Die zwei Theater-Künstlerinnen Julia Lehmann und Clara Minckwitz öffnen die Tür: Dahinter ein Glastisch, den eine Meerjungfrauenskulptur hält, ein rotes, rundes Bett mit lila Kissen, ein Plüsch-Einhorn an der Wand, dunkle Gardinen an den Fenstern – die Performer-Gruppe Studio Urbanistan hat eine Airbnb-Wohnung angemietet und wie eine Sexarbeiter-Wohnung eingerichtet.

Prostituierte erzählen aus ihrem Arbeitsalltag

Studio Urbanistan - "Next Door" Performance Leipzig
In den Performance-Räumen können viele Details entdeckt werden. Bildrechte: MDR/Sabrina Gebauer

Diese Wohnung können Besucherinnen und Besucher erkunden, dabei Performerinnen begegnen und Sexarbeiterinnen zuhören, die über sich und ihren Alltag erzählen. Ganz intim. "Manchmal hört man Sachen über einen Kassettenrekorder, manchmal über den Fernseher, manchmal laut im Raum, manchmal über Hörkissen", erzählt Julia Lehmann. "Man kann sich hinkuscheln und zuhören – kann sich aussuchen, wo möchte ich zuhören, wem möchte man lauschen." Zuhören kann man beispielsweise, wenn eine Sexarbeiterin erzählt: "Bei uns geht es nicht direkt um Sex, vielleicht zu fünf Prozent. Es wird erzählt über Krankheiten, über Politik, über Wirtschaft. Die meisten wollen einfach nur entspannen, eine Massage, aber es geht nicht um Sex."

eine Performerin tanzt an einer Pole-Stange in der Performance "Next Door" von STUDIO URBANISTAN
Für ihre Audioinstallation haben die Theatermacherinnen mit verschiedensten Sexarbeiterinnen gesprochen. Bildrechte: mimski

Julia Lehmann und Clara Minckwitz haben sich für ihre Performance mit verschiedensten Sexarbeiterinnen getroffen, mit einer Stripperin, einer Domina, auch mit einem Freier. Sie haben vor allem mit weiblichen, aber auch einem Transgender-Prostituierten gesprochen, mit älteren und jüngeren, mit Studentinnen, die damit ihr Studium finanzieren, mit Müttern und mit Menschen, die hauptberuflich gesellschaftlich anerkannten Jobs nachgehen, aber diese Arbeit als gar nicht so unterschiedlich empfinden. Um die Stigmatisierung zu durchbrechen, sei es wichtig, die Menschen selbst sprechen zu lassen, erklärt Julia Lehmann: "Dass endlich mal nicht über sie gesprochen wird, sondern sie selbst gehört werden."

Mit Vorurteilen über Sexarbeit brechen

Clara Minckwitz erklärt, wie selbstbestimmte und freiwillige Sexarbeit von Gegnerinnen oft nicht als solche ernst genommen wird, "weil oft Leute sagen, 'das kannst du gar nicht machen in diesem patriarchalen System, du bist auf alle Fälle ein Opfer'".

Studio Urbanistan - "Next Door" Performance Leipzig
Studio Urbanistan - "Next Door" Performance Leipzig Bildrechte: MDR/Sabrina Gebauer

Bei der Arbeit an ihrem Projekt "Next Door", das so viel wie "Nebenan" bedeutet, haben die Künstlerinnen selbst einen ersten Eindruck bekommen, mit welchem Gegenwind Prostituierte zu kämpfen haben. Als die Künstlerinnen versuchten, eine geeignete Wohnung für die Performance zu mieten, erhielten sie Großteils gar keine Antworten oder Absagen – mit der Begründung, man wolle nicht mit Sexarbeit in Verbindung gebracht werden. Dass es am Ende doch geklappt hat, macht "Next Door" so spannend, wie Julia Lehmann betont: "Das macht ja was mit einem – wenn ich an einer Wohnungstür klingeln muss, wenn die Alltags- und Realitätsebene und dieser Kunstraum sich überlagern, diese Reibung, die das erzeugt, die finden wir sehr spannend."

Mehr Informationen "Next Door"
Ein Projekt von Studio Urbanistan in Zusammenarbeiter mit dem LOFFT Theater Leipzig

Premiere: 01. Juli 2021, 16 Uhr
Weitere Termine:
01. Juli, 17:15, 18:30, 19:45, 21:00, 22:15
02. Juli, 16:00, 17:15, 18:30, 19:45, 21:00, 22:15
03. Juli, 14:45, 16:00, 17:15, 18:30, 19:45, 21:00, 22:15
04. Juli, 14:45, 16:00, 17:15, 18:30, 19:45
05.-08. Juli, 16:00, 17:15, 18:30, 19:45, 21:00
09. Juli, 16:00, 17:15, 18:30, 19:45, 21:00, 22:15
10. Juli, 14:45, 16:00, 17:15, 18:30, 19:45, 21:00, 22:15

Maximal zwei Personen können gleichzeitig am Audiowalk teilnehmen.
Voraussetzung ist ein gebuchtes Terminfenster, ein Mund-Nasen-Schutz und der Vorweis eines negativen Coronatests, einer vollständigen Impfung oder der vollständigen Genesung.
Die genaue Adresse erfahren Sie bei der Terminbuchung.

Fachtagung Sexarbeit in Leipzig Am 14. Juli 2021 ab 10 Uhr lädt die Deutsche Aidshilfe und Fachberatungsstelle Sexarbeit "Leila" der aidshilfe zu einer Informations- und Frageveranstaltung ein.

Thema: Austausch zum Thema Sexarbeit und Sensibilisierung zu den sehr unterschiedlichen Beweggründen, Arbeitsbedingungen und Herausforderungen von Menschen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten.

Offen für alle Interessierten am Thema mit sensibler und solidarischer Haltung gegenüber Sexarbeitenden.

Ort:
Bürger*innencafé "heiter bis wolkig"
Röckener Str. 44
04229 Leipzig

Anmeldung bis 9. Juli 2021 unter sexarbeit@leipzig.aidshilfe.de

Offenlegung: Studio Urbanistan-Mitgründerin Clara Minckwitz ist freie Mitarbeiterin der Online-Redaktion von MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Juni 2021 | 06:15 Uhr

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Kultur

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MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei