Doppelinszenierung Was Shakespeares "Julius Caesar" in Meiningen mit aktueller Politik zu tun hat

Shakespeares Theaterklassiker über den ermordeten römischen Herrscher Julius Caesar kommt am Staatstheater Meiningen zusammen mit dem Stück "Die Politiker" des 1981 geborenen Wolfram Lotz auf die Bühne. Die Inszenierung zeigt erstaunliche Bezüge zur aktuellen Politik. Vor allem die Rolle des Volkes im Verhältnis zu den Politikern wird beleuchtet. Am 8. Oktober 2021 feiert das Theaterstück unter der Regie von Frank Behnke Premiere.

Julius Caesar, Theater, Meiningen, Staatstheater  - Darsteller auf der Bühne 4 min
Bildrechte: Christina Iberl

"Julius Caesar" von Shakespeare und der Monolog "Die Politiker" von Wolfram Lotz im Doppelpack – Marlene Drexler hat die Proben am Meininger Staatstheater besucht.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 08.10.2021 12:00Uhr 04:19 min

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Die grellen Lichtstäbe an der Decke tauchen den Raum in ein ungemütliches Licht, während auf der zum Zuschauerraum hin gekippten Bühne, um Loyalitäten gerangelt wird.

Die Handlung von Shakespeares "Julius Caesar" ist so alt, wie bekannt: die Senatoren rund um Redeführer Brutus verschwören sich gegen Caesar, den tyrannischen Diktator. Weil er eine dauerhafte Alleinherrschaft anstrebte, meucheln sie ihn. Dass der Zweck ihre Mittel heiligt – davon sind die Mörder fest überzeugt. Cäsars Tod zum Wohle des Volkes. Wirkliche Sympathiepunkte können die selbsternannten edlen Ritter damit allerdings nicht sammeln.

Die Meininger Inszenierung: ein Echo der aktuellen politischen Realität

Für Olaf Roth, Dramaturg des Abends, ist es genau diese Ambiguität der Figuren, die den Stoff ausmacht: "Ob die Senatoren, die die Verschwörung anzetteln, nicht vielleicht auch ein Stück weit an der Macht kleben. Sodass es ihnen möglicherweise auch gar nicht nur um die Republik geht, die sie vorgeben, retten zu wollen, sondern ihre eigenen Pfünde, sei dahingestellt. Das wird bei Shakespeare nicht ganz aufgelöst." Die Kehrseite hieße: Machterhalt als Selbstzweck.

Darsteller auf einer Bühne
Szene aus "Julius Caesar": Die Politik wirkt auch optisch distanziert vom Volk. Bildrechte: Jochen Quast

In der Inszenierung in Meiningen tragen die Senatoren glitzernde, weiße Anzüge und Hemden aus schwarzer Spitze – bodenständig und volksnah sieht zumindest anders aus.

Trotz der modernen, teilweise exzentrischen Ästhetik mit Sonnenbrillen, Luftballons und Konfetti steht in der Inszenierung zunächst vor allem der Text im Vordergrund. Immer wieder klingt er, wie ein Echo zur aktuellen politischen Realität. Roth sagt dazu: "Wenn man einmal nach Amerika guckt, was da in den letzten Jahren passiert ist, bis zum Sturm auf das Capitol ... Dann liest sich der Text plötzlich wie ein Gegenwartstext und man bekommt wahnsinnig viele Assoziationen zur derzeitigen politischen Wirklichkeit."

Das Volk zwischen Macht und Manipulation

Julius Caesar, Theater, Meiningen, Staatstheater  - Darsteller auf der Bühne
Das Meininger Staatstheater eröffnet seine Saison mit dieser Doppelinszenierung: "Julius Caesar/Die Politiker". Bildrechte: Christina Iberl

Gesichtslos, nicht greifbar, aber immer mit am Tisch ist das Volk, die Mehrheit, die gesellschaftliche Stimmung. Behnke erläutert dazu: "Julius Caesar gilt als Stück, in dem das Volk die heimliche Hauptrolle spielt. Weil die Politiker sich extrem abhängig machen von der Stimmung und die natürlich auch entsprechend rhetorisch manipulieren. Da werden die Menschen eigentlich extrem wendehalsig, extrem wechselhaft dargestellt. Ja, Shakespeare guckt sehr kritisch auf das Volk, fast verächtlich könnte man sagen."

Warum denn wäre Cäsar ein Tyrann?
Der arme Mann! Ich weiß, er wär kein Wolf,
Wenn er nicht säh, die Römer sind nur Schafe;
Er wär kein Leu, wenn sie nicht Rehe wären.

Aus dem Stück "Julius Caesar" von William Shakespeare

Im Machtvakuum nach Caesars Tod löst sich die Inszenierung vom Text. Spiel und Wirklichkeit verschwimmen. Bevor Marcus Antonius – gespielt von einer Frau – die Herrschaft an sich reißt, tauscht sie ihre flachen Schuhe gegen Highheels und öffnet das bis dahin streng nach hinten gekämmte Haar.

Julius Caesar, Theater, Meiningen, Staatstheater  - Darsteller auf der Bühne
Szene aus "Julius Caesar/Die Politiker" am Staatstheater Meiningen Bildrechte: Christina Iberl

Zweiter Teil: "Die Politiker" von Wolfram Lotz

Der Übergang zum zweiten Teil des Abends, der aus dem zeitgenössischen Text von Wolfram Lotz "Die Politiker" besteht, gelingt überraschend fließend. Lotz bietet knapp hundert Seiten Textfläche, die sich den Politikern als Personen und der Politik als Gebilde widmet.

Roth beschreibt: "Es sind dann im groben Verlauf auch Ansätze zu Figuren entstanden, die aber sofort wieder verwischen. Es geht mehr um diese allgemeine Verunsicherung. Man weiß nicht genau, was die machen. Man weiß nicht genau, wie man zu ihnen steht. Muss sich aber mit diesen Fragen auseinandersetzen, und dabei lernt man ganz viel über sich und wie man zur Welt steht."

Darsteller auf einer Bühne
Die Inszenierung von "Die Politiker" am Staatstheater Meiningen. Das Stück feiert am 8. Oktober Premiere. Bildrechte: Jochen Quast

Entspannterer Umgang mit den Fehlern der Politiker?

Lotz entleert die Worte ihrer Bedeutung. Nur um sie im nächsten Satz wieder auf wundersame Weise mit Sinn zu füllen und ganz praktisch an die Realität anzubinden.

Die Texte von Lotz und Shakespeare sind so unterschiedlich, wie sie nur sein könnten. Für Regisseur Frank Behnke geht es bei dem Abend um einen assoziativen Zusammenhang zur Rolle des Volkes, dem Verhältnis zwischen Volk und Politik. Er sieht auch ein versöhnliches Ende.

Irgendwie finden die beiden Texte zueinander. Nachdem vielen Reden über Politiker ist das wie eine Katharsis, man hat sich das alles von der Seele geredet und vielleicht, hoffe ich, geht man danach etwas entspannter mit den Fehlern der Politiker um.

Frank Behnke, Schauspieldirektor am Meininger Staatstheater

Zur Aufführung Doppelinszenierung:
"Julius Caesar" von William Shakespeare und "Die Politiker" von Wolfram Lotz

Regie: Frank Behnke
Staatstheater Meiningen

Aufführungen:
08.10.2021, 19:30 Uhr, Großes Haus (Premiere)
10.10.2021, 18:00 Uhr, Großes Haus
24.10.2021, 18:00 Uhr, Großes Haus
30.10.2021, 19:30 Uhr, Großes Haus
05.11.2021, 19:30 Uhr, Großes Haus
27.11.2021, 19:30 Uhr, Großes Haus
11.12.2021, 19:30 Uhr, Großes Haus
15.12.2021, 19:30 Uhr, Großes Haus

Bis 31. Oktober gelten für die Aufführungen die 3G-Regeln, Maskenpflicht während der Vorstellung, Kontaktverfolgung.

Theater in Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Oktober 2021 | 17:10 Uhr