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MDR KULTUR-Zukunftswerkstatt zu 40 Jahren "neues theater" Halle

7. MDR KULTUR-Zukunftswerkstatt

Das Theater: Gesellschaftliches Vorbild und doch Teil des Systems

von Katja Evers, MDR KULTUR

Stand: 09. April 2021, 14:07 Uhr

Corona, #MeToo und Rassismus – auch an Theatern gehen aktuelle Debatten nicht vorüber. Im Gegenteil: Als Spiegel der Gesellschaft spielen gerade sie eine besondere Rolle. Theater sollen den Diskurs für alle ermöglichen und stecken doch mitten im System. Wie kann das Theater also in Zukunft seiner Rolle gerecht werden, was muss dafür inhaltlich und strukturell passieren? Darüber diskutierten MDR KULTUR-Redaktionsleiter Reinhard Bärenz, die freie Regisseurin Claudia Bauer, Matthias Brenner vom neuen theater in Halle, Peggy Piesche von der Bundeszentrale für politische Bildung in Gera und Kathrin Schrembs vom Thüringer Theaterverband in der MDR KULTUR-Zukunftswerkstatt.

Es ist mittlerweile fast dreieinhalb Jahre her, als der Hashtag #MeToo eine nie dagewesene Öffentlichkeit für das Thema der sexuellen Belästigung und Diskriminierung schaffte. Seither werden Strukturen in Frage gestellt, die vorher schon lange Bestand hatten – auch in den Theatern.

Der Intendant als Alleinherrscher

Denn auch dort herrscht vielerorts ein Machtgefälle. Erst im März war der Interimsintendant der Berliner Volksbühne, Klaus Dörr, aufgrund von Missbrauchsvorwürfen zurückgetreten. Es ist nur einer von zahlreichen Fällen an Theatern, an denen vor allem männlichen Intendanten vorgeworfen wurde, ihre Macht zu missbrauchen.

Man sei jahrelang an dieser Entwicklung beteiligt gewesen, ohne es zu merken, sagt Matthias Brenner vom neuen theater in Halle in der MDR KULTUR-Zukunftswerkstatt. Die Strukturen und Prozesse müsse man nun bewusst brechen und Machtgefälle immer wieder thematisieren, um einen neuen Alltag zu schaffen. Für Halle etwa sei eine mögliche Doppelspitze im Gespräch.

Die Politiker interessieren sich nicht für alternative Modelle, weil es natürlich viel schwieriger ist, mit einem Theater zu kommunizieren, das vielleicht drei Menschen an der Spitze hat.

Claudia Bauer, Freie Regisseurin

Für Regisseurin Claudia Bauer sind hierarchische Strukturen kein Problem der Theater, sondern der Gesellschaft. Bildrechte: Sandra Then

Ein Abbau von Hierarchie, auf den auch die freie Regisseurin Claudia Bauer hofft. Selbst jahrelang Intendantin, wisse sie aber auch, dass das nicht unbedingt gewollt sei: "Ich habe mich an zwei Theatern als Intendantin beworben, und ich habe mich jedes Mal mit einem Team beworben." Das sei aber abgelehnt worden, so die Regisseurin – und zwar aufgrund politischer Entscheidungen: "Die Politiker interessieren sich nicht für diese alternativen Modelle, weil es natürlich viel schwieriger ist, mit einem Theater zu kommunizieren, das vielleicht drei Menschen an der Spitze hat oder mit komplett anderen Modellen arbeitet." Die Hierarchiestrukturen seien kein Problem der Theater, sondern ein gesellschaftliches Problem, das sich in der Politik und schließlich in den Strukturen der Theater wiederspiegele. Ein System, dass auch Diversität erschwert, weiß Peggy Piesche.

Die Frage der Diversität im Theater

Peggy Piesche leitet einen von drei Fachbereichen am neuen Standort der Bundeszentrale für politische Bildung in Gera. Sie analysiert unter anderem, wo sich verschiedene Diskriminierungsformen überschneiden, wie Kolonialgeschichte Machtverhältnisse prägt und wie eine diverse Gesellschaft geschaffen werden kann. Beim Theater etwa müsse man zunächst verstehen, wie es zur Besetzung von Intendantinnen und Intendanten käme, was unser Verständnis von Theaterstücken und den Akteurinnen und Akteuren sei und wer was produziere. Nur so könne ein ganzheitliches Bild aller Einflüsse entstehen und etwas geändert werden, meint Piesche: "Es reicht nicht zu verstehen: 'Wir wollen Diversität und jetzt handeln wir so!' So wird das nicht gelingen. Man muss sich Kompetenzen abholen, dafür ist politische Bildung auch da."

Es reicht nicht zu verstehen: 'Wir wollen Diversität und jetzt handeln wir so!' – so wird das nicht gelingen. Man muss sich Kompetenzen abholen und dafür ist politische Bildung da.

Peggy Piesche, Bundeszentrale für politische Bildung

Peggy Piesche ist in der Bundeszentrale für politische Bildung als Referentin für Diversität, Intersektionalität und Dekolonialität tätig.  Bildrechte: Heinrich-Böll-Stiftung

Die politische Bildung sei eng mit den Theatern verknüpft, denn in ihrer Vermittlung spielten Theater eine große Rolle. Nur müsse eben jeder auch dort abgeholt werden, wo er sich gerade befinde, die Theater also inhaltlich alle ins Boot holen. In der Zukunftswerkstatt bot Peggy Piesche deshalb auch eine Zusammenarbeit der Bundeszentrale für politische Bildung mit den Macherinnen und Machern der Theater an, um dort gemeinsam Diversität in den Strukturen und Inhalten zu schaffen. Nur eine der Baustellen, mit denen sich die Theater in den nächsten Jahren beschäftigen werden.

Das akute Problem der Pandemie

Für Kathrin Schremb vom Thüringer Theaterverband geht es nicht nur um die Frage der Veränderung von bestehenden Strukturen, sondern auch um die Nachhaltigkeit der neu geschaffenen. Seit Beginn der Pandemie habe es zahlreiche Förderprogramme gegeben, so Kathrin Schremb bei MDR KULTUR. Die freie Szene sei momentan entsprechend gut beschäftigt. Ein großes Problem sieht sie aber für die nächsten Jahre:

Was passiert 2022 und 2023, wenn die großen Förderer und das große Fördervolumen nicht mehr da sind?

Kathrin Schremb, Thüringer Theaterverband

Kathrin Schremb hat das Weimarer Theater "stellwerk" mit aufgebaut. In Eisenach plant sie jetzt ein Produktionshaus für die Freie Szene. Bildrechte: Katrin Ribbe

Das sei gerade die große Debatte, die der Verband führen würde und müsse. Ein Thüringer Projekt, das schon vor der Pandemie angestoßen wurde, kommt da gerade recht: In Eisenach soll unter der Leitung von Kathrin Schremb ein Produktionshaus für die Freie Szene entstehen: "Es geht um die Stärkung der Freien Szene. Es geht darum, dass sie überhaupt Arbeitsmöglichkeiten in Thüringen bekommen", so Schremb. Auch ginge es ihr dabei um die Stärkung des ländlichen Raums. Ein Konzept, das mit dem neuen Standort der Bundeszentrale für politische Bildung in Gera umgesetzt werden soll und mit dem Diversität vielleicht auf Dauer nicht nur im Hinblick auf ein Machtgefälle zwischen Mann und Frau oder Menschen unterschiedlicher Herkunft geschaffen werden kann, sondern eben auch beim Thema Stadt und Land.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 06. April 2021 | 07:20 Uhr