Sommertheater im Bärenzwinger "Romeo und Julia" in Dresden: Komödie mit Tiefgang und Altherrenwitz

Die Dresdener Kammerspiele haben für ihr Sommertheater im Bärenzwinger Shakespeares bekannte Liebestragödie für die Gegenwart umgekrempelt. Nach dem bekannten Erfolgsrezept ist Regisseur Peter Förster sehr frei mit dem Stück umgegangen und erzählt bis September eine komische Geschichte über junge Liebe, die sich coronabedingt vor allem an einem Balkon abspielt und in der ein Apotheker– anders als bei Shakespeare – eine große Rolle spielt.

Szenenbild "Romeo und Julia" des Dresdner Sommertheaters
Bildrechte: Sommertheater Dresden

Die Kammerspiele Dresden geben an, dass kein Sommertheater in der sächsischen Landeshauptstadt öfter gespielt wird. Tatsächlich kommt das Privattheater bis Anfang September auf 50 Vorstellungen der Inszenierung von "Die Legende von Romeo und Julia". Da der Spielort, der Bärenzwinger an der Brühlschen Terrasse, überdacht ist, wird es wegen des Wetters auch keine Ausfälle geben. Mit dieser Vielzahl an Vorstellungen versucht das Privattheater, das ohne Subventionen überleben muss, die Ausfälle während der Corona-Zeit auszugleichen.

Denn auch im Bärenzwinger gilt es Abstand zu halten. Doch trotz der besonderen Umstände war die Stimmung locker und entspannt. Das Hygienekonzept baut angenehmer Weise auf das vernünftige Miteinander der Zuschauer und verzichtet auf übereifrige Hinweise durch das Personal – und es funktioniert.

Der historische Schaufelraddampfer «Dresden» und die Salonschiffe der Sächsischen Dampfschifffahrt haben am Abend am Terrassenufer vor der Kunstakademie (l-r), den Brühlschen Terrassen und der Frauenkirche angelegt.
Blick auf die Dresdner Altstadt Bildrechte: dpa

Der Balkon als architektonischer Abstandhalter

 Balkon von Romeo und Julia in Verona
Der berühmte Balkon in der Stadt Verona Bildrechte: Colourbox.de

Eigentlich passt das Thema Abstand und Shakespeares "Romeo und Julia" nicht wirklich zusammen, doch bei den Dresdner Kammerspielen ist es seit 17 Jahren Tradition, sehr frei mit den Vorlagen umzugehen. Der Leiter der Kammerspiele, Peter Förster, den das Publikum meistens am Kassentisch kennenlernt, nimmt sich lustvoll jede Freiheit, um das Original für das Hier und Heute einzurichten. Dabei aktualisiert er den Stoff jedoch noch im Sinne des Regietheaters, sondern arbeitet eher nach dem lustvoll-komödiantischen Modellbaukastenprinzip: Man nehme einen historischen Stoff, stelle die Figuren, die sich immer noch erkennen lassen, in ganz neue Beziehungen.

In diesem Sommer fand Peter Förster für seine "Legende von Romeo und Julia" sogar den richtigen Corona-Zugriff: Für viele spielte der Balkon in den vergangenen Wochen und Monaten eine wichtige Rolle. Beim Dresdner Sommertheater dieser architektonische Abstandhalter als Ort der Begegnung, der gleichzeitig den Körperkontakt vermeidet, in den Mittelpunkt.

Apotheker als zentrale Figur

Als zentrale Figur gewinnt in der Stückfassung von Peter Förster eine Person Bedeutung, die im Shakespearschen Original sonst nur einen kurzen Auftritt hat: Der Apotheker, der Romeo das Gift verkauft, wird zum Dreh- und Angelpunkt des Stücks. Der Arzneiverkäufer hilft eigentlich beim Heilen, handelt aber bei entsprechender Bezahlung auch mit dem Tod oder schüttelt Kokain und K.O.-Tropfen aus dem Ärmel. Bei Peter Förster wird er zum großen Dealer im Hintergrund, bei dem alle Menschen Kunden sind und der so die Geschicke der Welt mit beeinflussen kann.

In Dresden übernimmt Erik Brünner, den die Dresdner aus seiner Zeit am Staatsschauspiel oder am Theater der jungen Generation kennen könnten, die Rolle des Apothekers. Brünner spielt diesen Strippenzieher mit gekonnter Vielseitigkeit. Da ist die komödiantische Lockerheit und dann die mit eiskaltem Blick nebenbei ausgesprochene Wahrheit, die das wahre Wesen dieser Figur aufblitzen lässt. Auf dieser kleinen Bühne steht ein großartiger Darsteller, der viel zum Erfolg der Produktion beiträgt, die eben nicht nur lustiges Sommertheater sein will, sondern uns und unseren Zeiten den Spiegel vorhalten will.

Doch Erik Brünner überzeugt neben diesen Aufschreck-Momenten auch als komische Alte und die ihren Romeo verhätschelnde Mutter Montague. Alle fünf Darsteller dieser Produktion müssen mehrere Rollen spielen und nehmen diese Herausforderung mit spielerischer Dankbarkeit an.

Ein modernes Teenagerpaar

Szenenbild "Romeo und Julia" des Dresdner Sommertheaters
Eine Szene im Sommertheater der Dresdener Kammerspiele Bildrechte: Sommertheater Dresden

Sandra Eckhardt als Julia entspricht im Gegensatz zu Simon Altmanns Romeo zumindest auf den ersten Blick nicht dem typischen Rollenklischee. Die beiden Darsteller geben ein Teenagerpaar von heute. Er ist der verhätschelte, unentschlossene Hochbegabte, der seinen Weg durch das Leben noch sucht – kurz gesagt: ein Weichei auf einer Tour de Force. Julia hat da eher schon den Durchblick. Sie lässt hoffen, dass aus dieser Generation noch etwas wird und dass sie rettet, was die Alten mit ihrer Geschäftigkeit in den moralischen und ökonomischen Morast gesetzt haben.

Sandra Eckhardt schafft den großen Bogen vom Rollenklischee bis zur Charakterrolle. Zum einen spielt sie die von ihr erwarteten Momente der puren Verliebtheit und verkörpert zum anderen auch eine junge Frau, der man Weltverbesserung zutraut. Der Romeo von Simon Altmann bleibt dagegen fast schon eindimensional, aber auch weil das die Regie von ihm verlangt. Am Ende ergibt sich in dieser wilden Shakespeare-Überschreibung auch eine ganz andere Überlebensperspektive für fast alle beteiligten Figuren.

Gegenwartskritik mit Altherrenhumor

Allerdings bricht sich auch immer ein etwas nicht ganz zeitgemäßer Alt-Herren-Humor Bahn und die Dialoge, gerade in den Mann-Frau-Konstellationen, geraten etwas derb.

Außerdem gibt eine Unwucht zwischen den beiden Teilen vor und nach der Pause. Die erste Hälfte kommt schnell auf Hochtouren. Doch die Inszenierung kann das Tempo nicht bis zum Schluss halten, der dann auch noch unbefriedigend ausfällt. Eigentlich könnte der Abend in dem Moment enden, in dem eine bisher nie gesehene Figur auftaucht. Aber scheinbar war die Regie der Meinung , dass Romeo und Julia in 'ihrem' Stück das letzte Wort gehört und deswegen noch ein entsprechender zweiter Schluss inszeniert werden musste. Die Inszenierung von "Die Legende von Romeo und Julia" der Kammerspiele Dresden bietet Vergnügen mit Tiefgang, bei dem ein Blick durch das historische Mikroskop auf die sezierte Gegenwart geworfen wird. Leider findet die Inszenierung nicht immer die richtige Mitte – manchmal wäre weniger mehr.

Informationen zum Sommertheater im Bärenzwinger "Romeo und Julia"
Sommertheater der Kammerspiele Dresden im Bärenzwinger an den Brühlschen Terrassen

Es spielen: Sandra Eckardt, Pia Noll, Nadine Pirchi, Marie Wolff, Simon Altmann, Erik Brünner und Simon Fleischhacker
Kostüme: Martina Strahl
Licht und Bühne: Roger Kunze
Buch und Regie: Peter Förster

Inszenierung läuft vom 18. Juli bis zum 6. September.
Von Di bis So jeweils um 20 Uhr
Von Fr bis So zusätzlich jeweils 16.30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Juli 2020 | 09:40 Uhr