Uraufführung Staatsschauspiel Dresden Dresden: Neues Stück von Jaroslav Rudiš über neurechte Männer

Jaroslav Rudiš ist ein Star der Literaturszene, zuletzt mit "Winterbergs letzte Reise". Der Grenzgänger zwischen Deutschland und Tschechien schreibt auch Theaterstücke. Sein neuestes mit dem Titel "Anschluss" wurde nun im Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt. Unser Kritiker ist begeistert über das "große, wichtige Stück", dass den "Teufel an die Wand malt" und an Kafka, Bernhard und Beckett erinnert.

"Anschluss" steht hier vor allem für Bahnhof und eine neue, rechte Verbrüderung. Die ganze Handlung spielt in der Bahnhofskneipe der Stadt Teufelsberg, auf dem Erzgebirgskamm gelegen, direkt an der Grenze zu Tschechien. Wobei Rudiš immer nur "Böhmen" schreibt. Böhmen und Sachsen statt Tschechien und Deutschland. Da oben, in der Bahnhofskneipe warten vier Männer acht Szenen lang auf Gäste, die zu der Konferenz "Böhmen in Sachsen, Sachsen in Böhmen" anreisen. Zentral geht es in diesem sehr politischen Stück, das erstmal gar nicht so aussieht, darum, ein neues Land zu gründen: Ein Erzgebirgsland, weil die Gemeinsamkeiten der Sachsen und Böhmen größer sind als die Gemeinsamkeiten mit den jeweiligen Hauptstädten Prag und Berlin.

Jaroslav Rudiš malt mit diesem Teufelsberg also den Teufel an die Wand, stellt eine These in den Raum: Was wäre wenn? Er kommt selbst aus diesem Grenzland und kennt sich dort aus, sein Roman "Nationalstraße", dessen Theaterfassung 2017 ebenfalls am Staatsschauspiel uraufgeführt wurde, spielt auch in dieser Region.

"Anschluss" als Dystopie ernstnehmen

Das Stück maskiert sich als absurdes Drama, klingt im Ton nach Kafka oder Thomas Bernhard. Es erinnert auch an Elfriede Jelineks "Winterreise", diesem Ort im Nirgendwo ganz weit oben, wo seltsame Menschen zusammentreffen, wie auf einem Zauberberg. Hier bei Jaroslav Rudiš sitzen auch vier seltsame Gestalten herum: Zwei haben deutschklingende Namen, Charlie und Sacher – Sacher wie Torte; zwei heißen Havlík und Ferenc. Alle sind "ehemalig": ein ehemaliger Briefträger, ein ehemaliger Eisenbahner, ein ehemaliger Förster und ein ehemaliger Rockmusiker. Und weil letzterer Sacher heißt, kommt er vielleicht sogar aus Wien – auch so ein Anschlusskandidat. Er ist Musiker, der für die Gäste spielen soll, und derjenige in der Runde, der hier von außen kommt.

Schauspieler auf einer Bühne
Szene aus "Anschluss" von Jaroslav Rudiš: Der Raum schwebt einen Meter über dem Boden - der (AfD-blaue) Lebensraum hat kein Fundament. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Seltsame Gestalten nennen sich "ehemalig"

Schauspieler auf einer Bühne
Moritz Dürr und Sven Hönig als "ehemalige" Briefträger und Eisenbahner - Szene aus "Anschluss" von Jaroslav Rudiš Bildrechte: Sebastian Hoppe

Interessant ist, dass das hier "ehemalig" heißt und nicht etwa: in Rente. Denn "ehemalig" lässt natürlich das Warum offen: Haben die das Handtuch geworfen? Sind sie arbeitslos? Dadurch bekommt das Stück atmosphärisch eine größere Spannung, eine Bedrohung, unter dieser Maske eines absurden Theaterstücks, das zuletzt auch noch an Beckett erinnert. Denn es gibt hier auch eine Szene, in der von einem "Langhaarigen" erzählt wird, der hier oben aus dem Wald auftaucht und sagt: "Ich bin der Weg". Von hier aus betrachtet ist also auch "Warten auf Godot" im Spiel. Pointe hier: Diese Jesus-Figur wird erschossen. Es sei ein Jagdunfall, wie beim Skilehrer aus dem ungeliebten Prag, erschossen wie Sacher am Ende, weil sich beim Reinigen der Waffe aus Versehen ein Schuss löst.

Hat sich hier wirklich ein Schuss gelöst? Oder war das ein Mord? Teufelsberg sei in Wahrheit auch ein Friedhof, heißt es mehrfach im Stück. Teufelsberg also ein friedlicher Hof. Friedlich, weil alle, die von außen kommen, erschossen werden?! Auch wenn die vier Männer hier auf Gäste warten, auf den "Anschluss" – in Wahrheit ist es wohl das Gegenteil: die Abkopplung vom Rest der Welt.

Bahnhofskneipe ganz in (fast AfD)Blau

Die Bahnhofskneipe ist bühnenbildmäßig übrigens fast naturalistisch, fast folkloristisch-niedlich stilisiert. David Hohmann hängt jede Menge Hirschgeweihe an die Wände, dekoriert die Kneipe mit Tischen, Stühlen, Tischdecken, Vasen und sogar Blumen. Von der Decke hängt eine Girlande, da steht ganz groß "Willkommen" drauf. Wohl reiner Zynismus. Die Buchstaben fallen ab. Am Ende bleibt "L OMME" über. Steht das für: Mensch? Mann? Der ganze Raum ist merkwürdigerweise in monochromem Blau gehalten. Dieses Blau ist etwas dunkler als die Farbe der AfD, aber in diesem Ton. Hier kommt die Regie mit ihrer Interpretation ins Spiel. Auch, wo es um die Wände der Kneipe geht: Der ganze Raum schwebt über dem Boden. Es fehlt etwa ein Meter. Dieser blaue Lebensraum hat also kein Fundament.

Schauspieler auf einer Bühne
Szene aus "Anschluss" von Jaroslav Rudiš, Holger Hübner als Charlie Bildrechte: Sebastian Hoppe

Die vier Protagonisten tragen Alltagskleider: der Eisenbahner einen rotorangen schmutzverschmierten Overall, der Förster einen warmen Pullover und Weste, der Briefträger eine Jacke, die nicht ganz Schwarz-Rot-Gold ist, aber Schwarz-Rot-Braun. Und der Briefträger trägt einen Hut, wie neulich der Mann in Dresden, der auf einer Demo nicht gefilmt werden wollte. Es gibt viele kleine Details, ohne konkret zu werden.

Alexander Riemenschneider ist der Regisseur, der hier zum ersten Mal am Staatsschauspiel Dresden inszeniert. Er bleibt ansonsten sehr am Original-Text und inszeniert werkgetreu. Das ist üblich bei einer Uraufführung. Riemenschneider hat aber auch schon Erfahrung mit Texten von Jaroslav Rudiš, mit dem er auch schon an anderen Theatern zusammengearbeitet hat.

"Frauen haben uns vergessen. Und verschrottet"

In den Erzgebirgsregionen heißt es, die jungen Frauen würden weggehen, zur Arbeit in Städte wie München, Köln oder auch Leipzig. Zurückbleiben würden Männer, die natürlich deswegen Frust aufbauen. Im ganzen Stück gibt es keine Frauen auf der Bühne. Von ihnen ist nur die Rede. Charlie, der ehemalige Förster, hat sich in eine Frau verliebt. Er war verloren vor Liebe, sagt er. Und er erinnert sich, dass er dann verprügelt wurde: vom Vater, vom Großvater, vom Urgroßvater. Seitdem weiß er – Zitat: "Liebe ist nur Betrug." Und Sacher, der von außen kommt, fragt ganz direkt: "Wo sind hier eigentlich die Frauen?" Und Ferenc, der ehemalige Briefträger, antwortet: "Sie haben uns vergessen. Und verschrottet." Er sagt das emotionslos. Ohne Ausrufezeichen. So alltäglich ist das schon. Auch die Opferrolle der Herren: "Uns verschrottet." Haben Frauen Schuld?

Am Ende tragen alle lustige Pilzkostüme

Die vier Schauspieler sind ganz wunderbar! Sie gestalten ihr Spiel sparsam und zurückgenommen. Sie haben alle eine sehr genaue Figur, die sie uns vorstellen. Der Text kommt ganz echt über die Lippen. Auch in der Gestik sind alle sehr präzise. Sven Hönig als Eisenbahner ist hier der Chef im Ring, wirkt schon raumgreifend, wie er da breitbeinig herumsitzt. Holger Hübner als Charlie ist ziemlich verklemmt, offenbar wegen eines Kindheitstraumas. Es sieht so aus, als wolle er sich immer erhängen, geht dann aber zum Schluss raus, schießt mehrmals, kommt dann wieder rein, sagt: "Sie sind da. Die Gäste." Aber wo ist "da"? Wieder auf dem Friedhof?

Moritz Dürr, der ehemalige Briefträger, plaudert viel, ist das kommunikative Zentrum, verteilt Schnaps und schießt am Ende auch. Trifft den Rockmusiker. Wieder ein Jagdunfall? Der Rockmusiker von Philipp Lux ist ungeduldig, auch irritiert. Er findet Pilze an der Wand. Pilze spielen am Ende des Stücks auch eine Rolle. Wenn alle vier in Pilzkostümen herumsitzen und die Gäste erwarten. So lustig und grotesk wie das dann aussieht. Pilze bilden Netzwerke im Untergrund: Der NSU darf als bittere Pointe mitgedacht werden.

Schauspieler auf einer Bühne
Szene aus "Anschluss" von Jaroslav Rudiš: Die Protagonisten tragen Pilzkostüme. Pilze bilden Netzwerke im Untergrund: Der NSU darf als bittere Pointe mitgedacht werden Bildrechte: Sebastian Hoppe

Die Maske des Absurden, hinter der hier die ganze Geschichte vorgetragen wird, schafft Raum, um das Unheimliche und Bedrohliche herauszuarbeiten. Vielleicht kann man diesen Aberwitz noch etwas kräftiger zeichnen. Da ist die Uraufführung in Dresden noch etwas zurückhaltend. Aber es werden ja auch noch andere Inszenierungen kommen. Und in jedem Fall ist das hier ein großes und wichtiges Theaterstück. Für diese Zeit der Querdenkereien und neurechten Abkopplungsversuche.

Weitere Aufführungstermine Samstag, 16. Oktober 2021, 19:30 Uhr
Samstag, 30. Oktober 2021, 19:30 Uhr
Montag, 22. November 2021, 19:30 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Juni 2021 | 10:15 Uhr

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