"Das Schicksal stellt mich auf eine Nadelspitze" Lenz in Isolation – Wie das Stendaler Theater den Lockdown übersteht

Eigentlich sollte das Stück "Das Schicksal stellt mich auf eine Nadelspitze" über den Dichter und Goethe-Zeitgenossen Jakob Michael Reinhold Lenz bereits im November Premiere im Stendaler Theater der Altmark Premiere feiern. Wegen der Corona-Pandemie und des Lockdowns musste die Produktion verschoben werden. Stattdessen wurde nun ein Film inszeniert, um das Stück überhaupt zu zeigen. Das Ensemble war vor allem froh wieder spielen zu können. Ein Bericht aus dem Theaterschnittraum.

"Das Schicksal stellt mich auf eine Nadelspitze" vom TdA Stendal
Für Kathrin Berg geht es in der Lenz-Collage um die Freiheit. Bildrechte: Nilz Böhme/Theater der Altmark

Jochen Gehle und Peter Bräunig sitzen vor einem kleinen Monitor. In einem Vorschaufenster ist zu sehen, wie der Schauspieler Hannes Liebmann sich langsam, fast schon rituell, Handschuhe und Maske abstreift. Jochen Gehle schaut in sein Regiebuch und nach einer kurze Absprache ordnet Cutter Peter Bräunig die Spuren neu. In wechselnden Einstellungen sind nun auch die anderen Ensemblemitglieder zu sehen: Kathrin Berg und Sebastian Hammer.

Vier Tage haben Bräunig und Gehle, um den Theaterfilm "Das Schicksal stellt mich auf eine Nadelspitze" zu schneiden. "Das ist schon sportlich, aber kein Problem", versichert der Cutter. Jochen Gehle, der bisher nur selten mit Film zu tun hatte, glaubt ihm.

"Das Schicksal stellt mich auf eine Nadelspitze" vom TdA Stendal
Peter Bräunig und Jochen Gehle versuchen Theater in Film zu verwandeln. Bildrechte: Thilo Sauer/MDR

Der Vorteil sei, dass alles chronologisch aufgenommen wurde. Regisseur Jochen Gehle hatte seinen Abend über den Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz bereits im November 2020 fertig geprobt. Weil sich abzeichnete, dass eine Premiere vor Publikum nicht mehr stattfinden wird, beschloss das Theater der Altmark in Stendal das Stück als Theaterfilm zu produzieren. Für 20 Stunden konnte Gehle noch einmal mit den Darstellern und der Darstellerin arbeiten. Dabei ging es nicht um filmische Perfektion. "Ihr habt nicht von jeder Szene 20 Takes gemacht. Das sind Theaterschauspieler, die leben auch im Moment", beobachtet Peter Bräunig

Lange Zeit Stille in Stendal

Lange Zeit passierte wenig im Stendaler Theater. Nach den letzten Proben im November wurde das Ensemble in Kurzarbeit geschickt. Kathrin Berg hat die Zeit für Hobbys genutzt. "Ich stricke einen Pullover nach dem anderen, übe ständig neue Klavierstücke und lerne neue Sprachen." Die Schaupielerin ist fest angestellt und wurde auch in die nächste Spielzeit übernommen. "Es geht mir besser als vielen freien Kollegen", sagt Berg.

Sie beobachtet aber auch, dass nicht jeder mit der ungewohnten Menge an freier Zeit umgehen kann, dass vielen der Alltag am Theater einfach fehlt. "Wenn du nie zum Spielen kommst, ist das maximal frustrierend", stellt auch Jochen Gehle fest. Deswegen war es wie eine Befreiung, endlich wieder im Theater, auf der Bühne aktiv zu werden.

"Das Schicksal stellt mich auf eine Nadelspitze" vom TdA Stendal
Bildrechte: Nilz Böhme/Theater der Altmark

Es war einfach großartig, weil ich vorher gar nicht das Gefühl hatte, ich würde groß etwas vermissen, aber in dem Moment, wo es da war, doch gemerkt habe, was das mit mir macht. Es gab ein Aufatmen, ich glaube, bei fast allen. Wir können uns mal wieder sehen, wir spielen tatsächlich wieder.  

Kathrin Berg, Schauspielerin in Stendal

Lenz in Isolation

Wie an vielen Theatern waren die Theatermacherinnen und Theatermacher in Stendal enttäuscht von den Schließungen. Auch die Inszenierung von "Das Schicksal stellt mich auf eine Nadelspitze" hatte ein sehr umfassendes Hygienekonzept. Regisseur Jochen Gehle sah diese Beschränkungen als kreativen Ansporn: Er wollte nicht, dass die Schauspielerin und die Schauspieler mit Masken, Berührungsängsten und Handschauen über die Bühne laufen. Also hat er sich von seiner Bühnenbildnerin Sofia Mazzoni drei Kästen bauen lassen, die wie Museumsvitrinen nebeneinander stehen.

"Das Schicksal stellt mich auf eine Nadelspitze" vom TdA Stendal
Das Bühnenbild bietet möglichst viel Hygieneschutz. Bildrechte: Nilz Böhme/Theater der Altmark

"Das ist spannend, weil es auch so die Pandemie erzählt", erklärt Jochen Gehle. Er hat das Stück zusammen mit seinen Spielerinnen und Spielern entwickelt, um Jugendlichen im Gymnasium (wo die Inszenierung aufgeführt werden sollte) mal einen anderen Dichter des Sturm und Drangs vorzustellen – nicht nur "Die Leiden des jungen Werthers" und Schillers "Räuber". In seinem Setting sitzen drei Menschen seit Ewigkeiten in der Isolation und suchen sich eine neue Unterhaltung (so wie die meisten von uns). Also beschäftigen sich die Drei mit dem Dichter J.M.R. Lenz. Ein Mann in der Mitte darf aus dem Glaskasten und bringt den anderen Briefe, Requisiten und Kostümteile. Doch je länger sie sich mit dem außergewöhnlichen Leben des Schriftstellers auseinandersetzen, desto mehr entwickeln diese drei Menschen eigene Manien: Einer hält sich plötzlich selbst für Lenz, die andere macht sich den Freiheitsgedanken so zu Eigen, dass sie Revolutionärin wird und der Dritte will unbedingt wissen, was mit "Lenzens Eselei" gemeint ist – ein Zwischenfall, nach dem Lenz von Goethe verstoßen wurde und Weimar verlassen musste.

"Das Schicksal stellt mich auf eine Nadelspitze" vom TdA Stendal
Sebastian Hammer spielt einen Mann, der sich für Lenz. Bildrechte: Vivien Gottschall/Theater der Altmark

"Die Empfindungen, die Sehnsüchte lassen sich eins zu eins übersetzen", erklärt Jochen Gehle seine Faszination für Lenz. Nachdem er diese Collage aus Gedichten, Briefen und Dramenzusammenfassungen entwickelt hat, will er unbedingt ein ganzes Stück des Dichters inszenieren. In dieser Produktion lässt er immer wieder den Bogen ins Heute spannen. Im Stück wird der Vergleich vom damaligen Ständewesen und heutigen Einkommensklassen gezogen, über gesellschaftliche Isolation reflektiert (was muss ich tun, um in die Gesellschaft zu passen?) und es wird die Frage gestellt, ob Goethe nur ein opportunistischer Karrierist und Lenz vielleicht ein missverstandenes Genie war.

Der Kontakt fehlt

"Das Schicksal stellt mich auf eine Nadelspitze" vom TdA Stendal
Die Kamera wurde zum wichtigen Spielpartner. Bildrechte: Theater der Altmark

Die Enge der Isolation erzählt sich dabei vor allem über die Wände der Glasvitrinen: Die Kathrin Berg schreibt ihre Ideen mit Kreide an die Scheiben, Sebasian Hammer klebt alles mit Bildern voll. Immer wieder scheinen sie sich an den Grenzen ihrer Behausungen zu stoßen. Das will auch die Kamera zeigen. Der Film "Das Schicksal hat mich auf eine Nadelspitze gestellt" will Lust auf Theater, aber auch als Film Spaß machen.

"Das Schicksal stellt mich auf eine Nadelspitze" vom TdA Stendal
Bildrechte: Saskia Allers

Wir können den Zuschauer:innen etwas zu zeigen, was sie sonst eben nicht erleben, indem wir nah an die Darsteller:innen rangehen, in die reinkriechen und uns teilweise mit den mit den Leuten bewegen. Gleichzeitig haben wir darauf geachtet , immer wieder Passagen zu drehen, die möglichst lange dauern, dass man wirklich Menschen im Spiel sieht.

Jochen Gehle, Regisseur

Das Spielen unterscheidet sich jedoch massiv von dem Spielen auf der Bühne, erklärt Kathrin Berg: "Es ist etwas ganz anderes, als für Publikum im Theaterraum zu spielen. Man spricht anders, atmet anders, muss viel weniger machen, weil die Kamera er vielmehr einfängt." Bei aller Freude darüber wieder spielen zu können, vermisst die Darstellerin den Austausch mit dem Publikum, das einen Theaterabend immer maßgeblich mitprägt.

Vor allem in einer kleinen Stadt wie Stendal ist das Verhältnis zum Publikum noch viel inniger, erklärt Kathrin Berg: "Das heißt, wir kriegen auch das Publikum mit, die uns sagen, dass es ihnen fehlt, dass sie so sehr vermissen, mal wieder ins Theater zu gehen." Genau wegen dieser Beziehung oft die Schauspielerin, dass sie nach dem Stream mit Zuschauerinnen sich doch noch über das Stück austauschen zu können.

Weitere Informationen "Das Schicksal stellt mich auf eine Nadelspitze"
Theaterfilm mit Texten von J.M.R. Lenz

Die Premiere ist am 24. April, 19.30 Uhr für 24 Stunden abrufbar.
Weitere Termine: 28. April, 1. Mai, 5. Mai, jeweils ab 19.30 Uhr für 24 Stunden.

Konzept und Regie: Jochen Gehlen
Ausstattung: Sofia Mazzoni
Dramaturgie: Tristan Benzmüller
Schnitt: Peter Bräunig
Mit Kathrin Berg, Hannes Liebmann und Sebastian Hammer

Theater im Lockdown

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. April 2021 | 12:15 Uhr

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