Theaterkritik "Tartuffe" am Staatsschauspiel Dresden: erst amüsant, dann dröge

Das Staatsschauspiel Dresden versetzt Molières Komödie "Tartuffe" ins Westberlin der 80er-Jahre. Die Komödie "Tartuffe oder Kapital und Ideologie" von Soeren Voima nach Molière und Thomas Piketty (Regie: Volker Lösch) ist eine höchst amüsante Mischung aus Trash und Kapitalismuskritik – leider mit ärgerlichem Schluss, wie unser Theaterkritiker findet.

Dem Begriff der Überschreibung begegnet man neuerdings öfter im Theater. Was steckt dahinter? Verkürzt kann man sagen: Da denkt sich jemand nichts Neues aus, sondern greift auf einen altbekannten Text zurück, schreibt den, auf die Gegenwart bezogen, um.

Im Fall der aktuellen Dresdner Produktion "Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie" hat diesen Job Soeren Voima übernommen. Jahrgang 1972, in Wittgensdorf bei Chemnitz, das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß, geboren und offenbar ein Spezialist für solche Sachen. Ein Mann mit Witz und dem Vermögen, den guten alten Tartuffe aus dem 17. Jahrhundert in die jüngere deutsche Gegenwart zu verlegen. Will heißen, in die Zeit von den 1980ern bis in unsere Gegenwart.

"Der Tartuffe oder Kapitel und Ideologie" am Staatsschauspiel Dresden
"Der Tartuffe oder Kapitel und Ideologie" am Staatsschauspiel Dresden: Theater mit überdrehten Kostümen und viel Tempo Bildrechte: Sebastian Hoppe

Tartuffe, der Schwindler, der Hochstapler und glänzende Menschen-Manipulierer schleicht sich ein. In eine gutbürgerliche Familie, um sie auszunehmen. Diese Familie besteht hier allerdings nur aus Orgon und seiner Mutter, Madam Pernelle. Wohlhabende Hausbesitzer im Westberlin der 1980er. Doch der Sohn hat keine Lust, Kapitalist zu sein und versucht, nach abgebrochenem Philosophiestudium lieber eine Karriere in der SPD.

Das ist großartiges Schauspiel, dargeboten in herrlich überdrehten Kostümen.

Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Theaterkritiker

"Tartuffe" ist eine Mischung aus Trash und zeitgenössischer Kapitalismuskritik

Und Orgon hat seinen Spaß mit einer wilden Horde junger Aussteiger. Die sein Haus nicht mal besetzen müssen, weil er sie freiwillig einziehen und mietfrei darin wohnen lässt. Die ausbleibenden Mieteinnahmen und fortschreitende Verwahrlosung bringen Madame Pernelle auf die Palme und die Idee, den Sohn zu enterben.

Wovon Tartuffe, sein Freund aus alten Studientagen, Wind kriegt und der Mutter verspricht, den Sohn auf den rechten kapitalistischen Weg zurückzubringen. Und ganz nebenbei die wilde Horde, die das Haus verwüstet und auf dem Dach unter dem Motto "Lieber Porno als Adorno" der freien Liebe huldigt, auch noch zu zähmen und ins kapitalistische Funktionsgefüge zu integrieren. 

Diese Mischung aus Trash und zeitgenössischer Kapitalismuskritik ist eine Steilvorlage für Regisseur Volker Lösch, der es ja politisch und auch sonst gerne krachen lässt auf dem Theater. Zusammen mit dem spielfreudigen Darstellerteam – hier ist die junge Garde des Dresdner Staatsschauspiels am Start – wird ordentlich auf die Tube gedrückt.

Szenenbilder: "Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie" am Staatsschauspiel Dresden

"Der Tartuffe oder Kapitel und Ideologie" am Staatsschauspiel Dresden
"Der Tartuffe oder Kapitel und Ideologie" am Staatsschauspiel Dresden basiert auf dem bekannten Stoff von Molière. Bildrechte: Sebastian Hoppe
"Der Tartuffe oder Kapitel und Ideologie" am Staatsschauspiel Dresden
"Der Tartuffe oder Kapitel und Ideologie" am Staatsschauspiel Dresden basiert auf dem bekannten Stoff von Molière. Bildrechte: Sebastian Hoppe
"Der Tartuffe oder Kapitel und Ideologie" am Staatsschauspiel Dresden
Allerdings spielt die Dresdner Version im West-Berlin der 80er-Jahre. Bildrechte: Sebastian Hoppe
"Der Tartuffe oder Kapitel und Ideologie" am Staatsschauspiel Dresden
Unser Kritiker lobt die "herrlich überdrehten Kostüme". Bildrechte: Sebastian Hoppe
"Der Tartuffe oder Kapitel und Ideologie" am Staatsschauspiel Dresden
Das Bühnenbild gleicht einem offenen Puppenhaus. Bildrechte: Sebastian Hoppe
"Der Tartuffe oder Kapitel und Ideologie" am Staatsschauspiel Dresden
Über weite Strecken kommt das Stück bei seiner Kapitalismuskritik ohne Zeigefinger aus. Bildrechte: Sebastian Hoppe
"Der Tartuffe oder Kapitel und Ideologie" am Staatsschauspiel Dresden
Gegen Ende wird es dann aber doch dröge, so unser Kritiker. Bildrechte: Sebastian Hoppe
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Lebensgeschichten vor dem Hintergrund deutscher Geschichte

Das ist großartiges Schauspiel. Dargeboten in herrlich überdrehten Kostümen von Carola Reuther. Theater rund um eine Immobilie, die die Bühnenbildnerin Cary Gayler als rotierendes, rundum offenes Puppenhaus auf die Drehbühne gepackt hat. Eine Konstruktion, die sich bei Bedarf auch im Bühnenboden versenken oder hoch hinausfahren lässt.

"Der Tartuffe oder Kapitel und Ideologie" am Staatsschauspiel Dresden
Das Bühnenbild von "Der Tartuffe oder Kapitel und Ideologie" am Staatsschauspiel Dresden gleicht einem offenen Puppenhaus. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Darin werden die Lebensgeschichten der Hausgemeinschaft vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte abgespult. Von den "Macht kaputt was euch kaputt macht"-Anfängen bis hin zu ihrer Existenz als kaputtgemachte Mitspieler im finanzkapitalistischen System Tartuffe. Eine höchst amüsante Doppelstunde Gesellschaftskunde, die ohne jeden Zeigefinger auskommt, Polit-Tainment vom feinsten.

So weit, so gut. Und damit kommen wir zum Schluss. Bei dem Tartuffe, der als immer fetter gewordener Finanzhai schließlich allen alles genommen hat, im Fahrstuhlschacht seines Penthouses zu Tode stürzt. Tartuffe ist also tot, doch das System lebt.

Der Schluss überzeugt nicht

"Was tun?", fragt dann Elmire, die inzwischen als linke Investigativ-Journalistin arbeitet, das Publikum. Und tritt als Henriette Hölzl aus ihrer Rolle. Wie alle anderen ihrer Kollegen auch. Und dann zitieren, oder besser gesagt dozieren sie. Jeder für sich im eigenen Solo aus dem Buch "Kapital und Ideologie" des französischen Ökonomen Thomas Piketty.

Das ist im vergangenen Jahr erschienen und erzählt die globale Geschichte der Ungleichheit. Und die wird dann dröge, zeigefingernd und vulgär-materialistisch verkürzt auf dem Theater dargeboten. Und das bis dahin beim Kritiker angehäufte Sympathiekapital so am Ende wieder leichtfertig verzockt.  

Mehr Informationen zum Stück "Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie"
von Soeren Voima nach Molière
und nach "Kapital und Ideologie" von Thomas Piketty

Staatsschauspiel Dresden
Regie: Volker Lösch
Bühne: Cary Gayler
Kostüme: Carola Reuther
Mit Thomas Eisen, Philipp Grimm

Uraufführung war am 3. Oktober im Staatsschauspiel Dresden.

Die weiteren Termine:
Sonntag, 17. Oktober 2021, 19 Uhr
Samstag, 30. Oktober 2021, 19:30 Uhr
Montag, 15. November 2021, 19:30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Oktober 2021 | 08:40 Uhr

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