100 Jahre Frauentag TdJW-Intendantin Karnofka: "Gleichberechtigung ist ein beständiger Kampf"

Am Theater der Jungen Welt Leipzig (TdJW) hat zur vergangenen Spielzeit ein Wechsel auf dem Chefposten stattgefunden. Jürgen Zielinski hat sich nach 18 Jahren Intendanz in den Ruhestand verabschiedet. Nun leitet Winnie Karnofka die Geschicke des Kinder- und Jugendtheaters. Sie ist die erste Frau in dieser Position. Mit MDR KULTUR hat sie zum Frauentag über die Bedeutung ihrer Intendanz und über Gleichberechtigung in der Theaterwelt gesprochen.

Winnie Karnofka, Intendantin des Theater der jungen Welt Leipzig
Bereits seit 2013 war Karnofka am Theater der Jungen Welt als Dramaturgin tätig. Seit vergangenem Jahr ist sie Intendantin. Bildrechte: Tom Schulze

Als Intendantin Winnie Karnofka über Gleichberechtigung spricht, erzählt sie stolz, in ihrem Haus arbeiteten etwa gleich viele Frauen wie Männer. Karnofka ist seit Spielzeitbeginn Intendantin am Theater der Jungen Welt in Leipzig. Sie hatte sich gegen 43 weitere Bewerberinnen und Bewerber durchgesetzt.

Gleichberechtigung: Es muss noch viel passieren

Dass eine Frau ein Theaterhaus leitet, ist hierzulande immer noch selten. Einer Studie des Deutschen Kulturrates zufolge waren noch vor wenigen Jahren rund 80 Prozent der Intendanzen in Deutschland männlich besetzt. Karnofka sagt, in den vergangenen Jahren sei zwar einiges passiert, aber auch heute gebe es beim Thema Gleichberechtigung in der Theaterwelt noch viel Luft nach oben.

Das Theater der Jugend Welt (TdJW) am Lindenauer Markt.
Das Theater der Jungen Welt wird erstmals von einer Frau geleitet. Bildrechte: dpa

"Die Gleichberechtigung ist noch lange nicht da, wo sie sein sollte. Ich glaube, dieser Kampf darum, dass wir gleichwürdig miteinander umgehen, ist ein beständiger, ein stetiger", so die Intendantin. Manche Ideen seien auch diskutabel. Chancengleichheit aber überhaupt immer wieder konstruktiv zu diskutieren und Dinge auszuprobieren, sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Sie sei durch ihr Großwerden in der ehemaligen DDR zumindest vom ideellen Gedanken stark geprägt, dass alle Menschen gleich sind.

Mit emanzipiertem Frauenbild großgeworden  

Winnie Karnofka wurde 1978 in Mühlhausen in Thüringen geboren. Ihr Großvater war Intendant. Aufgewachsen sei sie mit ihm zwar einerseits in einem klassischen Patriarchentum, erzählt sie. Auf der anderen Seite aber auch mit einem Frauenbild, das sie in nichts eingeschränkt hat. "Die Frauen in meiner Umgebung – aber auch die Männer – haben mir immer vermittelt: Du kannst alles werden. Deswegen habe ich nie darüber nachgedacht, ob es irgendwas gäbe, das mir das verbietet."

Winnie Karnofka, Intendantin des Theater der jungen Welt Leipzig
Bildrechte: Tom Schulze

Die Gleichberechtigung ist noch lange nicht da, wo sie sein sollte. Ich glaube, dieser Kampf darum, dass wir gleichwürdig miteinander umgehen, ist ein beständiger, ein stetiger.

Winnie Karnofka, Intendantin

Von diskriminierenden Erfahrungen verschont geblieben

Dass das TdJW mit Winnie Karnofka jetzt eine Intendantin hat, ist auch ein Signal nach außen. Sie selbst sieht in der Stelle eine wichtige Position auch mit Breitenwirkung für andere Frauen. Vor ihrer Intendanz habe das Thema Frau in der männergeführten Theaterwelt für sie nie groß eine Rolle gespielt, sagt Karnofka, die bereits seit 2013 an dem Theaterhaus im Leipziger Stadtteil Lindenau tätig ist. Sie habe sich damit auch nicht groß auseinandersetzen müssen.

Benachteiligt gefühlt als Frau habe sie sich in ihrem Berufsleben bisher nicht. "Natürlich hat es auch mal kritische Situation gegeben, das aber sowohl mit Männern als auch mit Frauen. Das hatte nichts mit dem Geschlecht zu tun", sagt sie und erklärt das mit dem generellen Führungssystem, das sich an Theaterhäusern etabliert habe.

Bevor es Karnofka ans TdJW verschlagen hat, hat sie als Dramaturgin an Theaterhäusern in Weimar, Gelsenkirchen und Göttingen gearbeitet. Diskriminierende Erfahrungen, die auf ihr Frausein zurückgehen, sind Karnofka auf ihrem beruflichen Weg glücklicherweise erspart geblieben. Das sei aber ihre persönliche Erfahrung, sagt sie. Von Kolleginnen kenne sie durchaus negative Erzählungen – sowohl über Machtmissbrauch, aber auch über die Probleme, die Arbeitsbedingungen der Theaterwelt mit der Familie zu vereinbaren.

Mehr Frauen an Kinder- und Jugendtheatern

Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie stehe an Kinder- und Jugendtheatern häufig mehr im Fokus als an anderen Schauspielhäusern, sagt die TdJW-Leiterin. Auch seien Frauen in Führungspositionen in dieser Theatersparte keine so große Seltenheit. Das liegt Karnofka zufolge aber nicht nur an den Versuchen, die Arbeit familienfreundlicher zu gestalten. Frauen würden sich häufig einfach mehr mit der Form des Theatermachens im jungen Theater identifizieren, die sich vom Erwachsenentheater fundamental unterscheide, lautet ihre Erklärung.

Das Theater der Jungen Welt leitet Winnie Karnofka nun seit September 2020. Seit ihrer Intendanz beschäftige sie sich erstmals intensiver mit ihrer Rolle als Frau am Theater. Wie sie sagt, vor allem damit, wie sie ihre Rolle als weibliche Führungskraft ausüben möchte: "Welche Erwartungen werden jetzt – auch unausgesprochen – an mich herangetragen? Und möchte ich diese Erwartungen erfüllen? Und warum, wenn ich sie nicht erfüllen möchte, ist das so? Das ist schon etwas, was mich gerade umtreibt."

Wenn ein junger Mensch zu uns kommt, wollen wir ein Umfeld bieten, das – egal, ob ich Mädchen oder Junge bin – sagt: Suche deinen Weg, finde deinen Weg und probiere dich aus.

Winnie Karnofka, Intendantin

Dem jungen Publikum ihres Hauses jedenfalls möchte sie die Werte vermitteln, die ihr in ihrem eigenen "befreiten Großwerden", wie sie es nennt, mit auf den Weg gegeben wurden. "Wenn ein junger Mensch zu uns kommt, wollen wir ein Umfeld bieten, das – egal, ob ich Mädchen oder Junge bin – mir sagt: Suche deinen Weg, finde deinen Weg und probiere dich aus. Und alles, was du ausprobierst, solange du niemand anderem in irgendeiner Form wehtust, ist legitim." Das Theater der Jungen Welt sieht sie dabei als einen sogenannten Safe Space, eine inklusive Umgebung frei von jeglicher Diskriminierung.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. März 2021 | 18:05 Uhr

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