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In "Tausend Sonnen" an der Bürgerbühne Dresden blicken Zeitzeugen auf die Bergbau-Geschichte der Wismut zurück. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Bürgerbühne Dresden"Tausend Sonnen": Die Geschichte der Wismut als Theaterstück

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR

Stand: 28. November 2022, 19:29 Uhr

Die Wismut AG baute ab 1946 in Sachsen und Thüringen Uran ab und zählte vor ihrem Ende im Jahr 1990 zu den weltweit größten Produzenten des Rohstoffs. In erster Linie lieferte die Wismut Uran an die sowjetische Atomindustrie. In dem Theaterstück "Tausend Sonnen" an der Dresdner Bürgerbühne erzählen ehemalige Wismut-Mitarbeiter von ihren Erfahrungen in dem Unternehmen und vermischen so persönliche Geschichte mit Zeitgeschichte.

Über die Geschichte der Wismut und die Uranförderung im Erzgebirge ist schon viel berichtet worden. Nun fügt die Bürgerbühne Dresden – diesmal in Kooperation mit der des Chemnitzer Theaters – dieser Erzählung ein neues und ganz eigenes Kapitel hinzu. In dem Theaterstück "Tausend Sonnen" wird es von sechs Expertinnen und Experten des Alltags erzählt. Vier Männer und zwei Frauen, die dem Thema Wismut auf unterschiedliche Weise verbunden sind.

Wismut-Zeitzeugen auf der Theaterbühne

Zwei sind echte Bergleute unter Tage gewesen. Der eine, Sven Sczibilanski, war als Hauer unterwegs. Der andere, Alexander Borck, in der Kühlmaschinenabteilung. Wo er dafür sorgte, dass sein Kollege ganz vorne an der Strecke bei Temperaturen von bis zu 60 Grad überhaupt arbeiten konnte.

Weihnachtsstücke

Heinz Richter war offensichtlich ein nicht unwichtiger Mann im Übertage-Mikrokosmos der Wismut, die mit ihren teilweise bis zu 130.000 Beschäftigten als eine Art Staat im Staate funktionierte. Er arbeitete in der Wismut Handelsorganisation (Stichwort akzisefreier Bergmannsschnaps, der berüchtigte Kumpeltod) und später bei der Wismut eigenen Kriminalpolizei, Abteilung Wirtschaftskriminalität.

"Tausend Sonnen" an der Bürgerbühne Dresden thematisiert auch die Folgen einer zivilen Nutzung von Atomkraft – betrachtet aus der fernen Zukunft in vier Millionen Jahren. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Zwei Frauen sind auch dabei. Silvia Weißbach, eine Geologin aus der Perspektivabteilung des Geologischen Betriebs, wie das so schön hieß. Und Christa Härtel, sie kam als kleines Kind mit ihren Eltern nach Johanngeorgenstadt und musste miterleben, wie die Wismut ihr sozusagen die Heimat unter den Füßen und irgendwie auch in der Seele genommen hat. Und – last but not least – Kai-Uwe Ulrich, ein Gewässerkundler aus dem Westen, der sich im Rahmen der Wismut Altlasten-Sanierung mit den, wie man im Stück lernt, "Ewigkeitskosten" dieser Art Bergbau beschäftigt hat. 

Dresdner Bürgerbühne vermischt Lebensgeschichten mit Zeitgeschichte

Die große Kunst der Bürgerbühne besteht darin, solche individuellen Lebenserfahrungen in eine Geschichte des großen Ganzen einzubinden, die mit diesen "Nicht-Schauspiel-Profis" auch auf der Bühne funktioniert. Dafür hat Regisseur Tobias Rausch ein gutes Händchen und eine schöne Spielidee.

Es beginnt mit Silvia Weißbach. Die in einem festlichen schwarzen Kleid aus alter Zeit ganz allein im Scheinwerferlicht steht und sehr atmosphärisch die Legende von einer Bergmannswitwe erzählt, deren Bräutigam als junger Kerl verschüttet wurde. Sie blieb dem Toten Zeit ihres Lebens treu und allein. Nach über sechzig Jahren findet man den nahezu unversehrten Leichnam des jungen Mannes, den sie schließlich an ihr treues Herz drücken kann.

Geschichte der Wismut aus der Zukunft betrachtet

Doch eh auf dem Theater nun alles gar zu rührselig wird, arbeiten sich zwei Gestalten durch die Grubenwand aus Pappe. Kakerlaken sind das, die uns, die Menschheit, lange überlebt haben. Sie melden sich aus einer Zukunft in vier Millionen Jahren und erforschen die menschliche Vergangenheit. Unsere Gegenwart, die Wismut-Geschichte. Stück für Stück, episodenhaft, in spielerischen Szenen wird die erzählt. Ein toller Text, der Historie in all ihren Facetten und ohne Zeigefinger nacherlebbar macht.

Szene aus dem Theaterstück "Tausend Sonnen" der Bürgerbühne Dresden, das derzeit am Staatsschauspiel Dresden zu sehen ist. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Der Blick geht dabei nicht nur zurück. Zum Beispiel, wenn es darum geht, was die scheinbar günstige zivile Nutzung der Atomkraft denn alles so für Neben- oder "Ewigkeitskosten" anhäuft. Die in keiner betriebswirtschaftlichen Rechnung der nuklearen Dauerbrenner auftauchen. Oder wenn thematisiert wird, dass in den russischen Atomsprengköpfen, die dieser Tage nicht nur auf die Ukraine, sondern auch auf uns gerichtet sind, jede Menge altes Uran aus dem Erzgebirge steckt.

Großer Wurf mit handwerklichen Mängeln

Das Grundprinzip des Bürgerbühnenspiels bewährt sich auch bei diesem Thema, stößt hier aber auch an Grenzen. Der Abend dauert pausenlos eine Stunde und 45 Minuten. Das ist lang und auch viel Text, den die Spieler nicht in jedem Fall auswendig können. Und das auch nicht müssen, weil man ihnen Gelegenheit schafft, den auch abzulesen. Aber das lenkt dann vom Spiel ab. Hinsichtlich Rhythmus und spielerischer Lockerheit ist da noch Einiges zu tun. Oder um es auf den Punkt zu bringen: Diese "Tausend Sonnen" stecken voller positiver Energie, müssen aber noch ein bisschen geputzt werden, um die Zuschauer so richtig zu blenden.

Informationen zum Stück

"Tausend Sonnen"
ein Projekt zur Wismut und zur Uranförderung in Sachsen
von Tobias Rausch
Staatsschauspiel Dresden
Uraufführung: 26. November 2022

Weitere Termine:
10. Dezember 2022
5. und 14. Januar 2023

Redaktionelle Bearbeitung: Hendrik Kirchhof

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 28. November 2022 | 08:40 Uhr