Debatte um Wiedereinführung des Schauspiels Alles neu am Theater Erfurt?

Das Erfurter Theater steht vor einem tiefgreifenden Veränderungsprozess. Angestoßen durch eine Debatte, die im Sommer rund um die Vertragsverlängerung von Theaterintendant Guy Montavon hochkochte: Die Freie Szene kritisierte damals, dass Montavon nicht offen für neue Formate sei, einige Lokalpolitiker warfen ihm zudem selbstherrliches Verhalten vor. Der Vertrag wurde am Ende verlängert, gleichzeitig aber beschlossen: Die Ausrichtung des Hauses soll auf den Prüfstand gestellt werden.

Guy Montavon, Intendant des Theaters Erfurt, steht nach einer Pressekonferenz zum Programm des Philharmonischen Orchesters im Treppenhaus. 3 min
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Debatte um Wiedereinführung des Schauspiels Alles neu am Theater Erfurt?

Alles neu am Theater Erfurt?

Trotz einiger Kritik bleibt Guy Montavon Intendant am Erfurter Theater. Die Stadt will allerdings einen Transformationsprozess auf den Weg bringen: "Ohne Scheuklappen" soll über eine Neuausrichtung diskutiert werden.

MDR KULTUR - Das Radio Di 15.12.2020 06:00Uhr 03:29 min

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Guy Montavon spricht nicht mehr mit der Presse. Nachdem ihm ein Zeitungsinterview vor einigen Wochen wieder einmal Kritik einbrachte, schweigt er, lässt nur darauf verweisen, dass er sich am anstehenden Transformationsprozess als Gast beteiligen werde. Ein Prozess, der vom Stadtrat als Format für alle angedacht wurde, erklärt Steffen Präger, Vorsitzender des Werkausschusses Theater: "Dort sollen nicht nur politische Entscheidungsträger beteiligt werden, sondern auch Experten, Bürgerinnen und Bürger. Dieser Anspruch ist erheblich!"

Steffen Präger
Steffen Präger vertritt die Initiative "Mehrwertstadt" im Stadtrat. Bildrechte: Mehrwertstadt

Dass die Zukunft des Theaters in einer städtischen Debatte besprochen werden soll, ist nicht nur Prägers Wunsch, sondern der vieler junger Stadtratsmitglieder. Seit der letzten Kommunalwahl hat der Rat sich deutlich verjüngt, in der Theaterdebatte hat das für frischen Wind gesorgt. Der Erfurter Kulturbeigeordnete Tobias Knoblich freut sich darüber, er will im kommenden Frühjahr ein Gremium berufen, das den Veränderungsprozess vorantreiben soll: "Man merkt eben, dass bestimmte Dinge fehlen. Der Zeitgeist hat sich verändert. Weil neue Ansprüche adressiert werden, neue Akteure an das Theater Erwartungen herantragen und sich möglicherweise auch Publikumserwartungen verändern."

Es geht auch ums Geld

Tobias Knoblich, Kulturdezernent der Stadt Erfurt
Tobias Knoblich ist seit 2019 Kulturbeigeordneter der Stadt Erfurt. Bildrechte: imago images/VIADATA

Es gibt einen ganzen Berg an offenen Fragen, der in den kommenden Jahren laut Knoblich angegangen werden soll: Wie soll das Theater in die Stadt hineinwirken? Wie politisch soll es sein? Und vor allem: Sollte es nicht endlich wieder Schauspiel zeigen? Am Ende wird es auch ums Geld gehen, 2024 läuft die aktuelle Finanzierungsvereinbarung mit dem Land aus und eine neue muss erarbeitet werden.

Da es sehr wahrscheinlich nicht mehr Mittel geben wird, steht eine Umverteilungsdebatte an. Tobias Knoblich wünscht sich eine Diskussion ohne Scheuklappen: "Ich bin da sehr offen und hoffe, dass auch Visionen entwickelt werden. Natürlich müssen wir gucken, was wir uns perspektivisch leisten können, hier liegen harte Jahre vor uns. Aber Transformation heißt ja auch, innerhalb bestehender Finanzierungsgrenzen Dinge anders zu machen."

Langsame Annäherung

Auch jetzt werden am Theater schon vereinzelt Dinge anders gemacht, als das jahrelang der Fall war: Die kleine Bühne etwa, derzeit zum Café Cactus umfunktioniert, darf nun immer häufiger auch von der Freien Szene genutzt werden. Gerade erst hat ein Kulturnetzwerk das Online-Video-Format "Don't Panic" dort aufgezeichnet. Für Björn Schramm, Sprecher der Ständigen Kulturvertretung, sind das positive Signale: "Vom Ansatz geht es in die richtige Richtung. Dennoch wird es wohl mehrere Jahre brauchen, bis diese neue 'Ermöglichungskultur' und die Niedrigschwelligkeit wirklich ankommen."

Das Theater hat kürzlich eine Stabsstelle für den Kontakt zur Freien Szene eingerichtet, deren Mitglieder aber bislang auch nicht mit MDR KULTUR sprechen dürfen. Man streckt also – hinter verschlossenen Türen – langsam die Fühler zueinander aus. Auch wenn der große Wurf wohl noch einige Jahre auf sich warten lässt.

Kultur in Erfurt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Dezember 2020 | 08:10 Uhr

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