Interview mit Intendant Arauner Loriot statt Komödie: Wie das Theater Görlitz-Zittau die neue Spielzeit plant

Das Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz-Zittau – Vierspartenhaus mit Musiktheater, Schauspiel, Tanz und Konzert – musste seine Spielzeit schon im April Corona-bedingt beenden, am Donnerstag wurde in Görlitz die neue Spielzeit vorgestellt. Klaus Arauner, Generalintendant und Leiter des Musiktheaters, erklärt, was Corona alles verändert hat und stellt die Pläne für die Spielzeit 2020/21 vor, zum Beispiel Stühle raus aus dem Saal, das Orchester in den ersten Rang und Loriot-Abend statt Komödie.

Theater Görlitz
Bildrechte: Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau

MDR KULTUR: Sie sind ja ein erfahrener Theatermacher und haben wahrscheinlich eine solche Situation auch noch nicht erlebt. Wie ist das Theater bisher durch den erzwungenen Stillstand und durch die Publikumsabstinenz gekommen?

KLaus Arauner: Ja, das war natürlich für alle eine sehr unschöne Situation, wenn man so plötzlich abrupt mitten aus dem Produktionsprozess herausgerissen wird. Es gab erstmals anderthalb Monate, wo tatsächlich gar nicht möglich war. Und wir haben dann verschiedene Szenarien durchgespielt, wie wir die neue Spielzeit vorbereiten können. In der Zwischenzeit gab es hier eine Lockerung, die es uns jetzt erlaubt hat, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen. Wir haben das mit ganz kleinen Produktion gemacht, in Zittau im Freien, im Klosterhof, mit szenischen Lesungen und in Görlitz mit Miniaturen, ganz wenigen Zuschauern im Saal und einer ganz, ganz kleinen Besetzung. Wir haben uns gefreut, dass diese Angebote auch so gut angenommen wurden vom Publikum. Und jetzt setzen wir alles daran, die kommende Spielzeit mit einer großen Palette aus allen Bereichen zu planen und vorzubereiten. Und auch die räumliche Situation in den Theatern so umzugestalten, dass sich das Publikum wohlfühlt und nicht den Eindruck hat, hier sitzen ganz wenige Menschen zwischen vielen leeren Stühlen.

Wie sieht das genau aus? Wie bereiten Sie sich jetzt auf die neue Spielzeit vor, wo ja noch so vieles im Wagen ist hinsichtlich der Hygienebestimmungen und der allgemeinen Entwicklung?

Klaus Arauner
Klaus Arauner Bildrechte: dpa

Also wir gehen erst einmal davon aus, dass wir im Herbst die Situation vorfinden, die vergleichbar ist mit der jetzigen, mit den aktuell geltenden Abstandsbestimmungen. Und wir sehen natürlich auch die Gefahr, die möglicherweise bestehen könnte, wenn sehr viele aus dem Urlaub wiederkommen, möglicherweise auch das Virus noch im Gepäck ist und dann alle Schulen und Kitas öffnen – dass es sich auch wieder verschlechtern könnte. Aber wir sind hoffnungsvoll und gehen davon aus, dass es so ist wie jetzt und dass wir damit bis zum Jahresende auf jeden Fall zu rechnen haben. Für das kommende Kalenderjahr sind wir voller Hoffnung, dass wir auch wieder zu einem ganz normalen Spielbetrieb zurückkehren können, sowohl was die Situation im Zuschauerraum angeht, als auch die Option für den Spielplan. Für die Zuschauer haben wir jetzt erstmal geplant, dass wir in den Häusern im Parkett die Stühle ausbauen, das wir darüber Platten und kleine Tische und Stühle stellen, sodass die Atmosphäre für die Zuschauer viel angenehmer sein wird – wie in einem kleinen Varieté – und wir auch in der Lage sind, auf sich möglicherweise verändernde Abstandsbestimmungen reagieren zu können, indem wir Tische etwas zusammenstellen oder auseinandernehmen und zudem nicht das Problem haben, dass wir nicht wissen, wie wir den Publikumsstrom in der Pause lenken können, und parallel dazu auch bedienen und kleine Gastronomie an den Tischen machen können. Das wird, glaube ich, für die Zuschauer sehr schön sein.

Für die Darsteller ist die Sache schon ein bisschen komplizierter, vor allem im Musiktheater, weil es natürlich völlig undenkbar ist, dass wir die Musiker in den Orchestergraben setzen. Da ist geplant, dass die Musiker im ersten Rang spielen werden. Der Chor im zweiten Rang im Haus in Görlitz. Und wir müssen natürlich auch den Spielplan so einrichten, dass das mit sehr kleinen Besetzungen möglich ist. Wir haben für die erste Produktion "Im Land des Lächelns" zum Beispiel eine Orchesterfassung erarbeiten lassen für 23 Musiker. Das ist so die maximale Zahl, die im ersten Rang sitzen wird. Das wird im Raum trotzdem sehr schön klingen. Und so sind wir durch die durch die ganze erste Spielzeithälfte gegangen: mit kleineren Produktionen, die den jetzigen Abstandsregeln entsprechen. Und das betrifft alle Sparten. Die Schauspieler beginnen mit einem Loriot-Abend. Das ist natürlich einfacher zu machen, als mit einer mit einer Komödie, die an Nähe und den expressiven Ausdruck viel stärker gebunden ist. Auch für den Tanz ist es sehr schwierig, weil da Abstandsregeln von sechs Metern gelten. Das ist natürlich schwierig. Aber auch da sind die Choreografen darauf eingestellt, bei den ersten Inszenierungen einfach schöpferisch damit umzugehen und das Beste draus zu machen. Wir haben insgesamt weit über 40 Premierentermine für die kommende Spielzeit und hoffen, dass wir das alles realisieren können.

Aber gibt es einen roten Faden für die Spielzeit, eine Art Corona-bedingtes Motto? Oder spielen Sie trotzdem so nach ihrem Gusto und querbeet?

Theater Zittau
Bildrechte: Theater Görlitz-Zittau/Gerhart-Hauptmann

Das kann man jetzt nicht ganz verallgemeinern. Es gibt Titel, die sich durchaus auch an der jetzigen Situation orientieren. Das erste Konzert heißt "Willkommen zurück" und ist natürlich thematisch. Und auch im Schauspiel wird das Thema der Distanz thematisiert in Produktionen aus dem Tanztheater. Im Musiktheater ist es so, dass wir die ersten zwei großen Orchester-Produktionen, nämlich "Land des Lächelns" und "Don Pasquale" ohnehin geplant hatten. Das waren zufälligerweise Werke, die jetzt auch für die kleine Form und die veränderten Bedingungen angepasst werden können. Darüber hinaus gibt es aber noch zwei kleine Produktionen mit Klavier, die schon eher auf diese Situation eingehen, in der wir jetzt gerade sind. Sicherlich werden die Werke auch Bezug nehmen und reflektieren das, was wir jetzt erlebt haben. Im Schauspiel gibt es ein Stück, das heißt "Die Seuche". Es ist vor Jahren geschrieben und beschreibt genau das, was wir jetzt haben. Also da geht es thematisch natürlich auch um das Thema, das jetzt die ganze Welt beschäftigt und beherrscht und natürlich auch von den Künstlern reflektiert wird.

Herr Arauner, für Sie ist es ja nach mehrfacher Verlängerung die letzte Spielzeit als Generalintendant, bevor Sie in den Ruhestand gehen. Daniel Morgenroth ist ab 2021/22 der Neue im Haus. Gibt es einen Inszenierungswunsch, irgendetwas, das Sie unbedingt noch realisieren wollen?

Ja! Ich wollte eigentlich als letzte Inszenierung "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" inszenieren. Die Premiere sollte ja schon jetzt in der letzten Spielzeit sein. Wir waren sehr, sehr weit und stellten drei Wochen vor der Premiere fest: Es ist alles inszeniert. Wir waren also in den Endproben, als uns dann Corona erreichte. Wir haben jetzt für die kommende Spielzeit die letzten drei Produktionen – dazu gehört "Don Giovanni" und "Evita" und eben "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" in die zweite Jahreshälfte gelegt, in der großen Hoffnung, dass die Umstände dann wieder auch eine solche Produktionen ermöglichen. Und mein Herzenswunsch wäre es natürlich, diese Inszenierung zu Ende zu bringen und auch zur Premiere zu bringen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Juli 2020 | 16:40 Uhr