75 Jahre Theater der Jungen Welt Wie Kinder- und Jugendtheater in Sachsen und Sachsen-Anhalt gewachsen sind

Das Theater der Jungen Welt in Leipzig wurde am 7. November 1946 gegründet. Es war nicht die einzige Gründung. Kinder- und Jugendtheater gab es hierzulande auch in Halle und Dresden. Eine Erziehungsmaßnahme für Humanismus und Völkerverständigung. Und heute?

Kinder am Eingang, 1946
Kinder strömen aus dem Theater der Jungen Welt, Leipzig 1946 Bildrechte: Theater der Jungen Welt

Als Deutschland 1945 wieder zur Besinnung kommt, spielen Goethe, Kinder und Jugend eine Hauptrolle. Aus Ruinen steht das zerbombte Deutsche Nationaltheater in Weimar auf: 1948, als erstes im ganzen Deutschland.

Das Jubiläumsjahr 1949 mit Goethes 200. Geburtstag wird quasi schon mit den Osterglocken eingeläutet. Mit einer "Weltjugendwoche" im März. Auf der Bühne eine Goethe-Büste zwischen Lorbeerbäumen. Dazu ein Haydn-Streichquartett und eine Rede, in der sich der Redner bei der Sowjetunion bedankt. Die Jugend dieses großen Landes habe willig alle Opfer auf sich genommen, "um die Kultur der Menschheit vor dem Kommissstiefel und den Vergasungsöfen von Auschwitz und Majdanek zu retten; um das deutsche Volk von seinem Verderber zu befreien". Umso mehr habe man heute die Verpflichtung, sagt der 1. Vorsitzende der Freien Deutschen Jugend Erich Honecker, "die klassischen Werke Goethes, seine humanistische Geisteshaltung, und seine Gedanken der Völkerverständigung der gesamten deutschen Jugend nahezubringen, auf das sie das Vermächtnis Goethes übernimmt und für seine Verwirklichung kämpft".

Junge Welt, Junge Garde, Junge Generation

Spielszene aus "Emil und die Detektive", 1946
"Emil und die Detektive" am Theater der Jungen Welt, 1946 Bildrechte: Theater der Jungen Welt

Wenn man hier von Pathos, Ideologie, und Person absieht, bleibt der Wunsch, dass die Jugend künftig humanistisch in einer Gemeinschaft der Völker aufwachsen soll. Und genau dieser Punkt ist zentral bei der Gründung der damaligen Kinder- und Jugendtheater. Sie sollen ein Erziehungsinstrument sein. Dazu wird bereits 1946 das Theater in Leipzig gegründet, 1949 das Theater der Jungen Generation in Dresden und 1952 das Thalia Theater in Halle, das damals noch Theater der jungen Garde heißt. Und wenn wir uns die drei Theater vom Namen her anschauen: Junge Garde, Junge Generation, Junge Welt – da geht es offenkundig immer um etwas Neues, um "Junges", um einen Neustart Kultur, wenn man es mit heutigen Worten ausdrücken wollte: Um die Idee eines guten Deutschlands nach dem Krieg und nach dem "Dritten Reich".

Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn!

Und Goethe war ja auch Thema in der Schule: im "Faust", im "Osterspaziergang". Nicht nur Ruinen wie das DNT stehen auf. Aus der "Enge der Nacht" wird der Mensch hier wieder "ans Licht gebracht". Faust blickt sich im Osterspaziergang um, zurück zur Stadt, sieht, wie aus einem hohlen finsteren Tor ein "Gewimmel" hervordringt; und genau dieses Gewimmel –  positiv gewandelt – möchte Faust am Ende noch einmal vor sich sehen: als freies Volk auf freiem Grund, das sich die Freiheit und das Leben, täglich neu erobern muss. Das sei seiner Weisheit letzter Schluss.

Und das ist der Zusammenhang und die simple Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet diese beiden Stellen auswendig gelernt werden mussten: Der Schlüssel ist das Wort "Gewimmel", das exakt zwei mal im gesamten "Faust"-Text fällt; einmal verbunden mit dem Blick in den Rückspiegel; und einmal verbunden mit einem Blick nach vorn. Dieser Blick nach hinten und nach vorne ist quasi das generelle Programm für die Kinder- und Jugendtheater, die sich nach dem Krieg gegründet hatten.

Winnie Karnofka 9 min
Winnie Karnofka - Intendantin Theater der Jungen Welt, Leipzig Bildrechte: Tom Schulze

Neue Wege – Hotel Neustadt und "Ultras"

Zeitsprung: Spätestens seit den Neunziger Jahren nehmen die Kinder- und Jugendtheater hierzulande dann ganz unterschiedliche Entwicklungen; passen sich lokalen Gegebenheiten an und werden –  knapp 50 Jahre alt – quasi erwachsen. In Halle gab es mit Peter Sodann einen Schauspiel-Intendanten, der auf klassisches Stadttheater und vor allem Volkstheater gesetzt hatte. Damit blieben bestimmte Theaterformen außen vor.

Diese hat Annegret Hahn genutzt, die Intendantin vom Thalia Theater. Sie ist aus dem Theatergebäude raus in die Neustadt gegangen, hat hier ein "Hotel Neustadt" als Projekt veranstaltet, bei dem es um die Frage ging, wie dieser Stadtteil weiter genutzt und belebt werden kann. Durch die abgewickelte Chemie- und Braunkohleindustrie waren nämlich viele Mieter weggezogen. Das ist ein Theateransatz, der stark an OFF- oder Projekttheater erinnert, und nicht so sehr an das klassische, erziehende Kinder- und Jugendtheater. Trotzdem war es eine spannende Sache.

Doch auch im Theatergebäude ging es nicht immer klassisch zu. Dirk Laucke, ein junger Autor, der seine Stückthemen oft aus prekären, sozialen Milieus entwickelte, brachte 2008 "Silberhöhe gibts nicht mehr" und 2009 "Ultras" auf die Bühne, ein Stück über junge Fußballfans des HFC, die die gegnerischen Fans des FC Carl Zeiss Jena auch mit "Juden Jena" beschimpften. Das sei aber nicht schlimm, nicht politisch und auch nicht antisemitisch, hieß es von der Bühne. Darf man das auf der Bühne sagen? Schrieb der Autor gar ein Stück, das antisemitische Hetze beinhaltete? Nach der Premiere entwickelte sich eine heftige Diskussion in Halle. Dann war alles wieder gut. Annegret Hahn irgendwann weg. Das Thalia als eigenständiges Theater abgewickelt. Heute ist es wie eine Sparte an den Bühnen Halle. Und 2019 gab es einen Anschlag auf die Synagoge.

Zwei-Generationenhaus im einstigen Kohlekraftwerk

Theater Junge Generation in Dresden
Dresdner Theater Junge Generation im Kulturkraftwerk Bildrechte: dpa

Auch in Dresden ging man neue Wege. 2016 zog das Theater zusammen mit der Staatsoperette Dresden in ein ehemaliges Kohlekraftwerk. Sozusagen ein Kohleaustieg vor der Zeit. Samt Zukunftsperspektive. So kann es also gehen. Kreative Energie statt fossiler Brennstoffe. Die Koexistenz mit der Staatsoperette ist obendrein wie ein Zwei-Mehrgenerationenhaus: Großeltern und Enkelkinder, das ermöglicht im wörtlichen Sinn: neue Spielräume. Mal sehen, wie sich diese Gegebenheit in die konkrete Kunst langfristig einschreiben lässt.

Das Theater der Jungen Welt
Das Theater der Jungen Welt (TdJW) am Lindenauer Markt Bildrechte: dpa

Auch das Theater der Jungen Welt in Leipzig hat neue Spielräume und Möglichkeiten. Vor ein paar Jahren war dort das LOFFT, das Leipziger Off-Theater, aus der gemeinsamen Spielstätte am Lindenauer Markt ausgezogen, umgezogen auf das Spinnereigelände im Leipziger Westen. Das Haus am Lindenauer Markt wird seitdem vom Theater der Jungen Welt allein genutzt. Übrigens ist auch dort das Operettenhaus, die Musikalische Komödie der Oper Leipzig, um die Ecke.

Wohin geht die Reise?

Schule des Wetters: Schnee
Szene aus "Schule des Wetters: Schnee" am TdJW Bildrechte: Ida Zenna

Zwei Dinge dürften für die Kinder- und Jugendtheater hierzulande in der Zukunft bewegen. Zunächst wohl eine Durststrecke nach Corona, wenn es darum geht, mit den Finanzen wieder ins Reine zu kommen. Oder wäre hier falsch gespart? Gerade bei den Kinder- und Jugendtheatern? Kulturelle Bildung ist heutzutage ein großes Zukunftsthema. "Während die Regierung in Norwegen im ersten Lockdown einen Kindergipfel veranstaltete, gab es in Deutschland einen Autogipfel" – heißt es pointiert auf der Homepage des Theaters der Jungen Welt. Also muss geredet werden. Beispielsweise bei diesem "Kindergipfel", den das Theater der Jungen Welt am Geburtstag veranstaltet. Ein Thema könnte sein, wie es um Dialog- und Kompromissfähigkeit steht?

In Sachsen hat die Jugend bei der Bundestagswahl auffällig ganz links oder ganz rechts gewählt. Ein Problem? Ein Problem! Dummerweise stehen die drei Kinder- und Jugendtheater hierzulande in den größten Städten. Leipzig, Dresden, Halle besetzen die Plätze 1, 2 und 4, glaubt man den Zahlen, die Wikipedia hier nennt. Aber besonders groß ist das genannte Problem im sogenannten ländlichen Raum.

Wie kommt Theater für junge Leute aufs Land?

Wie kommt das Kinder- und Jugendtheater also auch aufs Land? In Orte wie Riesa und Oschatz, Sangerhausen oder Wittenberg? Da gibt es nämlich keine eigenständigen Kinder- und Jugendtheater. Oft auch kein Theaterleben, was aber wichtig wäre. Also muss man Gastspielreisen dahin machen. Das passiert auch, aber es müssten wohl mehr sein. Glücklicherweise gibt es noch einige Theater, die zum Beispiel eine Puppentheatersparte haben. In Dessau, in Bautzen, in Meiningen beispielsweise. Und diese Theater fahren auch aufs Land, oft mit sogenannten Klassenzimmerstücken.

Dieses Theater, das in die Umgebung und Region wirkt, wird in den kommenden Jahren wohl wichtiger werden. Wichtiger wird, dass das Theater mobil arbeitet, dorthin geht, wo es kaum kulturelle Angebote gibt. Natürlich hilft da der Digitalisierungsschub, der in Folge von Corona kam. Es gilt, einen Teufelskreis zu durchbrechen: Junge Familien ziehen in die Stadt; dann bleiben die alten Leute zurück; dann schließt das Kino; dann fährt kein Bus mehr; dann muss man aber irgendwie gegensteuern, damit am Ende nicht nur ein Land übrig bleibt, in dem der Wolf wohnt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. November 2021 | 18:05 Uhr