Über Post-Kolonialismus und Privilegien "sklaven leben" in Meiningen: Erst unterhaltsame Show, dann Agit-Prop

Konstantin Küsperts Stück "sklaven leben" ist weniger Drama als theatralische Abhandlung über Ausbeutung, Globalisierung und weiße Privilegien. Juliane Kann inszeniert das zeitgenössische Stück am Staatstheater Meiningen als große Show. Das hat gerade zu Beginn viel Humor und Energie, wird am Ende aber fad und belehrend, meint unser Kritiker.

Szene aus dem Theaterstück "sklaven leben" in Meiningen
Katharina Walther in "sklaven leben" Bildrechte: Staatstheater Meiningen/Marie Liebig

Das Stück "sklaven leben" macht sich auf die Suche nach den Spuren der Kolonialgeschichte, die bis ins Heute reichen. Autor Konstantin Küspert geht davon aus, dass die Sklaverei bis heute andauert: in den Textilfabriken, auf den Kakao-Plantagen, sogar in den Fußballstadien für die nächste Weltmeisterschaft. Der Zugang zu diesem Thema ist sehr sympathisch. Man wolle unterhaltsam mit einem so gar nicht unterhaltsamen Thema umgehen, heißt es. In dieser Weise begann der Abend am Meininger Staatstheater auch: Regisseurin Juliane Kann inszeniert eine Show mit vier Showmastern in weißen Kostümen, die Scherze darüber machen, dass die meisten Theatertexte in Fernost von Billiglöhnern geschrieben würden. Ironie und Leichtigkeit herrschen vor, kleine Video- und Tonschnipsel unterbrechen die Sätze der Protagonisten. Das ist wie "Dalli, dalli", nur schneller, das ist schlagfertig. Man liest auf der Leinwand: "Timing ist keine chinesische Stadt, schmunzelt und freut sich darauf, wie dieser wilde Ritt weitergeht.

Szene aus dem Theaterstück "sklaven leben" in Meiningen
Matthias Herold in "sklaven leben" Bildrechte: Staatstheater Meiningen/Marie Liebig

Reden über Privilegien

Der Autor stellt die Verhältnisse auf den Kopf. Er lässt Afrikaner in feinstem AfD-Vokabular klagen, dass immer mehr Europäer den Kontinent fluten, sich dabei weder um Sprache noch um Kultur scheren, Kinder kriegen ohne Ende und die Kriminalität sei auch sehr angestiegen. Eine Idee, die sofort verfängt. Man nimmt Vorurteile ins Visier.

Dann gibt es eine Sklavenauktion: Sklaven präsentieren sich potenziellen Käufern. Umgekehrt preisen Verkäufer Sklaven an. Alle sind weiß, also es ist – das ist der Witz daran – eine verkehrte Welt. Im Laufe des Abends schminken sie sich noch weißer, was den Effekt verstärken soll, aber schon nicht mehr so richtig aufgeht. Es bleibt ein Insider-Effekt für Interessierte zum Thema "Blackfacing", das in den vergangenen Monaten und Jahren viel diskutiert wurde: Es ging darum, ob sich weiße Menschen schwarz anmalen dürfen um Schwarze Menschen darzustellen. Letztlich geht es auch um die Frage, ob sich Menschen der "privilegierten weißen Mehrheitsgesellschaft" überhaupt in das Thema Rassismus und Kolonialismus hineinversetzen können und darüber sprechen können. Hier bekommt der Abend einen ersten Knacks bekommt, auch weil der unterhaltsame Anfangs-Furor mehr und mehr verloren geht.

Szenenfolge statt Handlung

"sklaven leben" hat keine Handlung im eigentlichen Sinn, sondern ist eher eine Szenenfolge, die sich allerdings um die immer gleichen Aussagen drehen. Es gibt zum Beispiel eine Ebene, die an H.G. Wells Roman "Die Zeitmaschine" angelehnt ist: Das Ensemble ist in einem "Land am Ende der Zeiten", in der die Welt in ein "Oben" und ein "Unten" geteilt ist. In der ersten Welt leben die "Eloi" dekadent in Saus und Braus. In der zweiten Welt werden die Morlocks, die Sklaven, wie Tiere gehalten. Als die Eloi die Morlocks zum ersten Mal sehen, bekommen sie einen Schreck: Sollten wir dafür verantwortlich sein, scheinen sie sich zu fragen. Darauf zielt die Inszenierung: Wir sind das, die "weiße Mehrheitsgesellschaft". Das ist eine schöne Analogie und entspricht dem Brecht-Dialog vom armen und vom reichen Mann, nur dass er jetzt globalisiert gedacht wird. Leider wird aus dem anfänglichen "wie unterhaltsam!" immer mehr ein "wie ermüdend!".

Die Inszenierung will, wie es im Programmheft heißt, die Leute aus ihrer Selbstgewissheit holen. Das ist ein politisches Theater, wie es ausgestorben schien. Nestlé wird ebenso angegriffen, wie die Kautschukindustrie und insgesamt der offenbar verhasste Kapitalismus. Ein "Kommando John Brown", benannt nach einem amerikanischen Kämpfer gegen die Sklaverei, ruft zu Gewalt auf. "Nehmt euch, was euch genommen wurde", heißt es. Dann fallen Schüsse. Der "alte, weiße Mann" – inzwischen auch eine Marke wie Nestlé und als solche zum Freiwild erklärt – bekommt einen mit. Es ist befremdlich, dass man mit neuen Vorurteilen und Zuschreibungen gegen alte Vorurteile und Zuschreibungen angehen will. Diese Szene ist trotzdem noch einmal sehr witzig. Der "alte, weiße Mann" klagt, er habe seinen "Rucksack voller Privilegien verloren".

Szene aus dem Theaterstück "sklaven leben" in Meiningen
Ulrike Wlather und Björn Boresch in "sklaven leben" Bildrechte: Staatstheater Meiningen/Marie Liebig

Das ist das letzte Aufbäumen der Leichtigkeit, denn am Ende ist der Humor ganz weg. Der Abend begann als unterhaltsame Show, als sympathische "Auf-Rüttelplatte" und endet mit dem Charme einer aktivistischen Presseerklärung: Sobald die Sklaven sehen, wie gut es uns geht, werden sie in unsere Welt kommen. "Es kann keine friedliche Lösung für dieses Problem geben ohne massiven Systemwandel. Wir können froh sein, wenn sie nur Teilhabe und Gleichheit wollen. Und nicht Rache", heißt es wörtlich im Stück. Das könnte das Publikum als eine Drohung verstehen. Auf jeden Fall klingt es erstaunlich anarchistisch für ein Staatstheater.

Positionen statt fühlender Menschen

Leider lernt man in diesem Stück niemanden kennen. In "sklaven leben" gibt es keine Menschen, die wie in alten Dramen aus bestimmten Gründen handeln und mit denen man mitfühlen, die man sogar lieben oder hassen könnte. Bei Küspert gibt es keinen Konflikt, der sich entwickelt, keinen "Othello", an dem man das Thema Rassismus "erleben" kann. Ganz im Gegenteil tragen alle dieselben Kostüme, nuscheln höchstens kurz ihre Namen, wechseln dann auch noch die Rollen und gehen dadurch verloren.

Der Ansatz des Stückes, das Publikum zu sensibilisieren oder sogar aufzurütteln, ist gut und richtig. Aber durch diesen unbedingten, kämpferischen Willen, immer noch einen draufzusetzen – das bedient die Inszenierung nochmal – kriegt der Abend am Meininger Staatstheater am Ende fast einen Agit-Prop-Charakter, der schon wieder kontraproduktiv wirkt: Das ist kein Aufrütteln mehr, sondern fast schon ein Belehren.

Informationen zum Stück "sklaven leben" von Konstantin Küspert am Staatstheater Meiningen
Premiere am 1. Oktober 2020

Regie: Juliane Kann
Bühne & Kostüme: Vinzenz Hegemann
Dramaturgie: Gerda Binder
Videos: Juliane Kann, Sebastian Reiß
Mit: Björn Boresch, Matthias Herold, Katharina Walther, Ulrike Walther

Weitere Termine:
4. Oktober, um 19 Uhr
10. Oktober, um 19.30 Uhr
25. Oktober, um 19.Uhr

Theater in Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Oktober 2020 | 13:10 Uhr

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