Theatererlebnis trotz Corona Warmlaufen – Wie das Theater Naumburg für den Neustart trainiert

Trotz Lockdown wird am Naumburger Theater, Deutschlands kleinstem Stadttheater, fleißig gearbeitet: Theaterspaziergänge gibt es schon länger in der anhaltischen Stadt, die bestimmte Orte mit Geschichten anreichert. Nun haben die Macher das Projekt in der Corona-Krise digital zugänglich gemacht. Das Publikum kann die Tour komplett digital am Computer abgehen oder mit dem Smartphone durch die Stadt spazieren. Gleichzeitig werden schon die nächsten Produktionen für nach dem Lockdown vorbereitet.

Außenansicht Stadttheater Naumburg 4 min
Das Theater Naumburg bietet digitale Theaterspaziergänge an. Bildrechte: Theater Naumburg

MDR KULTUR - Das Radio Mi 24.02.2021 15:30Uhr 03:39 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Gut zu Fuß muss man gelegentlich schon sein, wenn man in Naumburg Theater machen oder auch sehen will. Denn seit Stefan Neugebauer Intendant ist am kleinsten Stadttheater Deutschlands, geht es hier regelmäßig runter von der Bühne und raus aus dem Theater. Das Format nennt sich "Theaterspaziergang" und führt auf ungewohnten Pfaden zu mit Geschichten aufgeladenen Orten, die dann vor Ort erzählt werden. Und diese Idee hat man nun, in Zeiten der zum Leerstand verurteilten Theater, wieder aufgenommen und den aktuellen Theaterspaziergang ins Digitale verlegt.

Treffpunkt Theater-Website

Auf der Webseite des Theaters kann man sich dann mit dem Cursor über einen Stadtplan bewegen und bekommt an den gekennzeichneten Orten Texte und Geschichten geliefert. Am Turm beim Marientor, der Ort im übrigen, wo die Naumburger Theatermacher hoffentlich ihr nächstes Sommer-Open-Air werden spielen können, hört man eine (ein bisschen ins hier und heute geholte) Variante des alten Grimm'schen Märchens vom Rapunzel. Könnte man ja fast schon als Parabel auf das gegenwärtige Eingesperrtsein des Theaters sehen, das sich auf digitalem Wege zu seinem Publikum hin abseilt?

Das Digitale als Ausweg aus dem Eingesperrtsein

Der Intendant des Naumburger Theaters, Stefan Neugebauer, mit dem ich die Stationen des akustischen Theaterspaziergangs ganz leibhaftig und in analoger Wirklichkeit ablaufe, meint: "Ja, im Grunde schon. Wir vom Theater sind ja eigentlich fürs Analoge gemacht, und das fällt ja nun weg. Insofern ist das Digitale der Ausweg aus diesem Turm. Das habe ich noch nie so gesehen, aber es ist so, in der Tat."

Intendant Stefan Neugebauer mit Schauspieler Antonio Gerolamo Fancellu im Hintergrund.
Stefan Neugebauer bei den Aufnahmen für den akustischen Theaterspaziergang mit Schauspieler Antonio Gerolamo Fancellu im Hintergrund. Bildrechte: Torsten Biel

Spaziergang oder harte Wandertour, das ist hier die Frage 

Was das Publikum natürlich auch machen kann und tut. Die entsprechenden Texte kann man sich vor Ort via Smartphone anhören. Wenn man einen auf Sardinien geborenen Kollegen wie Antonio Gerolamo Francellu im Ensemble hat, schallt einem vor dem Domfriedhof schon mal Dantes Inferno im Original entgegen. Eine Übersetzung wird selbstverständlich auch geliefert.

Weitere Stationen sind der Götterbaum am Dom, eine verrauchte Traditionskneipe, das Straßenbahndepot am Ende – und ein Ort des Grauens – weit vor der Stadt: Das Donnerloch, das etwas mit mittelalterlicher Judenverfolgung oder wahlweise einem sagenumwobenen Goldschatz zu tun hat. Klingt interessant und für Nachahmungstäter, sprich Theaterspaziergänger der realen Welt, nach einer echten körperlichen Leistung. Motto: Der Weg ist das Ziel.

Wenn man alle Orte ansteuern will, dann ist das schon eher eine Wandertour, als ein Spaziergang. Das Donnerloch zum Beispiel, liegt weit draußen vor der Stadt, im Blütengrund. Da sollte man am besten das Fahrrad nehmen.

Stefan Neugebauer, Intendant des Naumburger Theaters
Stefan Neugebauer
Intendant Stefan Neugebauer Bildrechte: Kai-Uwe Schulte-Bunert

Bei Theaterintendant Neugebauer sind inzwischen schon erste Vorschläge für weitere Stationen seitens des begeisterten Publikums eingegangen. Vorschläge, denen man gerne nachkommt. Ein Theaterspaziergang auf Zuwachs angelegt ist das.

Wann hebt sich der Vorhang wirklich wieder?

Ganz nebenbei wird natürlich auch noch für die Auferstehung auf der Bühne geprobt. Nicht im eignen Haus, sondern im großen Ratskellersaal soll im April Bram Stokers "Dracula" Premiere haben. Dort hat man mehr Platz für ein wahrscheinlich auch dann auf Abstand zu platzierendes Publikum. Im eigenen Haus, dem kleinsten Stadttheater Deutschlands, kriegt man so gerade mal 30 Leute unter.

Doch auch wenn die Proben auf Hochtouren laufen und die Akteure dabei mit Abstand und Maske alles geben, so richtig will Intendant Neugebauer an die Wiedereröffnung im April noch nicht glauben: "Ich spekuliere eher mit dem Sommer und Open-Air." Wobei das nicht der Ausdruck von einer gewissen Gemütlichkeit sein soll, die am Theater Naumburg eingezogen wäre. "Wenn das 'Go' vom Gesundheitsamt kommt, sind wir innerhalb einer Woche spielfähig." - so der Intendant. 

Mehr Kultur in Sachsen-Anhalt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Februar 2021 | 07:40 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei