Debatte Wo ist der Platz für Inklusion im Theater?

Das Theater soll ein Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung sein. Doch vor allem marginalisierte Gruppen finden oft nicht den Weg ins Theater: Weil sie nicht so lange sitzen können, sind sie im Publikumssaal verpönt, auf der Bühne können sie dem Leistungsdruck nicht standhalten. Im Zukunftslabor "Divers! Connect." der Servicestelle Freie Szene Sachsen wurde mit Akteurinnen und Akteuren diskutiert, welche Formate funktionieren und was sich noch ändern muss. MDR KULTUR hat die Ideen zusammengefasst.

Frau im Rollstuhl und Tänzerin 4 min
Bildrechte: dpa

Das Thema Inklusion wird im Theaterbereich auf drei Ebenen diskutiert: es geht um Menschen mit Behinderungen auf der Bühne, hinter der Bühne und vor der Bühne, so Helge-Björn Meyer. Dabei mag der Leiter der Servicestelle Freie Szene in Sachsen das Wort "Inklusion" eigentlich nicht. Er spricht lieber von Diversität, weil Menschen mit Behinderungen nicht in die Gesellschaft geholt werden müssen, sondern bereits Teil sind. Wenn das Theater also die gesamte Gesellschaft abbilden will, müsse auch hier der Zugang erleichtert werden. Dafür reichen Blindenleitsysteme oder Rollstuhlrampen oft nicht aus, wie es die Landesregierung in der Vergangenheit finanziert hat.

Auf Bedürfnisse eingehen

"Es entspannt die Zuschauer, entscheiden zu können, was sie in dem Moment brauchen." erklärt Wagner Moreira, der seit der Spielzeit 2020/21 Leiter der Tanzcompagnie der sächsischen Landesbühnen Radebeul ist. Moreira hat bereits in der Vergangenheit mit Mixed-Abled Companys gearbeitet, also Tanzensembles, in denen Menschen mit und ohne Behinderung mitwirken. Auch in Sachsen will er sich für mehr Teilhabe einsetzen.

Jan Meyer, Künstlerischer Leiter der Freien Bühne München, gibt Schauspielunterricht
Schauspielunterricht für Schauspieler mit Behinderungen an der Freien Bühne München Bildrechte: dpa

Moreira entwickelt derzeit Konzepte für sogenannte "Relaxed Performances" für Besuchende mit besonderen Bedürfnissen. Das bedeutet zum Beispiel: Licht anlassen, Liegen statt Stühle, Plätze am Ausgang reservieren und immer auf das Publikum achten. Für eine Relaxed Performance müssen auch mal Inszenierungen angepasst werden, um Reize wie laute Geräusche oder Lichtblitze zu vermeiden. Wenn die Zuschauerinnen und Zuschauer unruhig werden oder die Konzentration verlieren, muss die Vorstellung spontan unterbrochen werden.

Wagner Moreira
Wagner Moreira Bildrechte: Sylvio Dittrich

Allein im Dunkeln zu sitzen oder nicht die angemessene Reaktion im richtigen Moment zu zeigen, ist schon Stress. Oder dass man sich für eine längere Zeit nicht konzentrieren kann, dass man nicht lange sitzen kann, weil man Schmerzen im Körper hat und am besten liegen oder sich bewegen würde, bedeutet auch Stress.

Wagner Moreira über die Anforderungen an einen Theaterbesuch für behinderte Besuchende

Für einen barrierefreien Zugang braucht es aber auch eventuell Audiodeskription oder Dolmetscher für Gehörlose. Gegebenenfalls müsse auch die Sprache vereinfacht oder die Inszenierung verkürzt werden.

Die Bühnen für Behinderte öffnen

Personen in einem großen Raum
Die Leipziger Forward Dance Company bei einer Probe mit Choreografen Nir de Volff (links) Bildrechte: Dirk Lienig/Lofft

Auch auf der Bühne sollen Menschen mit Behinderungen von ihrer Lebenswelt berichten können. An der Leipziger Produktionsstätte Lofft – Das Theater wurde erst im Oktober 2020 ein Ensemble gegründet, in dem behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammen tanzen.

Mit dabei ist auch Lisa Zocher, die aufgrund einer Tetraparese, der Lähmung von Armen und Beinen, im Rollstuhl sitzt. Sie erzählt, dass sie vorher immer in ihrem Zimmer getanzt hat und die Arbeit bei der Forward Dance Company eine Professionalisierung ihrer Leidenschaft bedeutet. Die Tätigkeit im Probenraum der Leipziger Spinnerei unterscheidet sich dabei maßgeblich von anderen Companys:

Eine junge Frau tanzt auf dem Boden
Lisa Zocher bei einer Probe der Forward Dance Company Bildrechte: Dirk Lienig/Lofft

Wir können jetzt nicht zu der Person sagen 'mach mal den Sprung genauso wie die andere Person' – sondern wir müssen gucke, wie kannst du das für die übersetzen.

Lisa Zocher zur Arbeit mit behinderten Tanzenden

Es gelte, eine eigene Ästhetik zu finden, die zu den Fähigkeiten und Möglichkeiten passt. Die Tänzerin Tamara Rettenmund und die Choreografin Jo Parkes heben dabei die Bedeutung von Mentorinnen und Mentoren hervor – Menschen mit Behinderungen, die Hilfestellungen für den Weg auf die Bühne geben können.

Ich habe mich wirklich gestützt gefühlt. Und nicht nur von den Menschen mit gesunden Beinen, sondern auch von denen, die mich auf andere Weise inspirieren.

Tamara Rettenmund, Tänzerin

Auch Kunsthochschulen sind gefordert

Den Gedanken der Normalisierung verfolgt auch Jeffrey Döring, der als Regisseur unter anderem am Deutschen Gehörlosentheater gearbeitet hat. Gemeinsam mit der tauben Schauspielerin Athina Lange, die an der Leipziger Theaterhochschule ausgebildet wurde, zeigt er, welcher ästhetischer Wert in der Gebärdensprache liegt, die eine tänzerische, körperliche Komponente besitzt und die Figuren dazu zwingt, sich anders anzusehen.

Theaterszene 'Der nackte Wahnsinn'
Aufführung des Theaterstücks "Der nackte Wahnsinn" Bildrechte: Andi Weiland | RambaZamba Theater

Doch die Szene will sich nicht nur selbst organisieren, sich selbst überlassen bleiben. Sie fordert, dass sich auch die Kunsthochschulen öffnen und Menschen mit Behinderung ausbilden. Dabei geht es auch um Normalisierung, so Zocher:

Was ich mir wünschen würde, wäre, dass Mixed Abled Dance oder Behinderung und Tanz selbstverständlicher werden. Dass es nicht immer als besonderes Projekt hervorgehoben werden muss, sondern dass es einfach mit dazu gehört.

Lisa Zocher, Tänzerin im Rollstuhl

Mehr Diversität

Theaterlandschaft

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Dezember 2020 | 16:10 Uhr

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MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei