Umfrage Tun sich Theater mit Streaming-Angeboten einen Gefallen?

In Zeiten von geschlossenen Bühnen scheint das Streaming von Aufführungen ein folgerichtiger Schritt. Aufwändig inszenierte Stücke sollen schließlich ihr Publikum erreichen. Doch tun sich die Theater damit einen Gefallen? Ist das Streamingerlebnis mit einem Theaterbesuch zu vergleichen? Und wie sieht der finanzielle Aspekt aus? MDR KULTUR hat bei den Theatermachern nachgefragt.

Franz Josef Strohmeier mit seinem Soloprogramm Der Kontrabass - Monolog für einen Schauspieler von Patrick Süßkind im Kleinen Theater.
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Deutscher Bühnenverein: Schluss mit Kostenlosmentalität

Es muss Schluss sein mit dieser Kostenlosmentalität bei Streamingangeboten von Theater und Konzerthäusern, das hat der neue Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Carsten Brosda, im Gespräch mit MDR KULTUR gefordert. In der aktuellen Krise, bei der Theater- und Konzerthäuser geschlossen bleiben müssen, sind Onlineangebote oft die einzige Möglichkeit der Kulturschaffenden, mit ihrem Publikum in Kontakt zu treten.

Halle: Nur in Ausnahmefällen

Konzerte, Theaterstücke, Lesungen, Making offs, Schauspieler privat oder hinter der Bühne, Adventskalender und so weiter, all das findet sich zurzeit als neues Kulturangebot auf den Webseiten der Häuser oder in den sozialen Medien. Doch sind das auch Modelle, die Zukunft haben? Nein, sagt der Intendant des Neuen Theaters Halle, Matthias Brenner.

Klaus (Matthias Brenner)
Matthias Brenner Bildrechte: MDR/Christian Trieloff

Gerade hatte Intendant Brenner bekannt gegeben, dass das Hoftheater-Stück "Der Wolf und die sieben Geißlein" in der Adventszeit produziert und ins Netz gestellt werden soll: "Das ist ein Geschenk an unser Publikum. Die Veranstaltung hat Kultcharakter und wird jedes Jahr reich besucht. Wir wollen allen Fans und Familien, egal mit welchem Budget sie ausgestattet sind, ermöglichen, das zu sehen." Darüber hinaus möchte Brenner aber keine Aufführungen streamen.

Wir haben hier sechs oder sieben Premieren auf Halde liegen, die wir alle hätten auch aufzeichnen können, um sie ins Netz zu stellen. Aber das möchte ich nicht. Damit nehme ich den Stücken den Kunstwert. Hinter all diesen Arbeiten steckt ein hoher Aufwand und nicht nur ein ideeller, sondern auch ein kräftezehrender Wert. Und die Theaterkarten kosten nicht umsonst. Wenn jeder die Theaterkarte voll zahlen müsste, dann wäre das das Zehnfache des Eintritts.

Matthias Brenner, Intendant des Neuen Theaters Halle

Thüringer Theaterverband: Theater ist Kontaktkultur

Warum also nicht die Streamingangebote mit Paywalls versehen? Dann müssten interessierte Nutzer dafür zahlen, so wie Carsten Brosda es in seiner Rede forderte. Der Geschäftsführer des Thüringer Theaterverbandes, Mathias Baier, glaubt jedoch nicht, dass es eine Nutzergruppe gäbe, die auch bereit wäre, für Theater-Onlineformate zu bezahlen. Dies widerstrebe der Natur der Theater, sagte er im Gespräch mit MDR KULTUR.

Theater ist eine Kontaktkultur. Sowohl auf der Bühne, wie eben auch in Interaktion mit dem Publikum bedarf es der Begegnung. Und das überträgt sich natürlich niemals über das Medium Video. Natürlich sind wir alle bemüht, in diesen Zeiten andere Wege zu gehen und andere Möglichkeiten auszuprobieren. Das ist jetzt ok, für dieses Jahr nehmen wir das so an. Aber das ist nicht Theater.

Mathias Baier, Geschäftsführer des Thüringer Theaterverbandes

Thüringen Philharmonie: Streaming nützlich bei Musikpädagogik

Michaela Barchevitch
Michaela Barchevitch Bildrechte: imago/Steve Bauerschmidt

Das Streaming von Konzerten, Onlineangebote und Tutorials der Orchesterhäuser könnte aber auch ein wichtiger Baustein in der Musikpädagogik sein, so Michaela Barchevitch, die Intendantin der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach zu MDR KULTUR. Damit könne man aktiv mit den Schulen, den Musikpädagogen und Kinder kommunizieren, sie auf die Konzerte und deren Inhalte vorbereiten. Die Konzerte müsse man dann aber natürlich live spielen. Barchevitch führt fort: "Mit dieser Vorbereitungsphase entsteht noch eine andere Möglichkeit der Interaktion für die Kinder. Sie kommen dann und hören bzw. erleben das Konzert, sind aber bereits auf die Inhalte fokussiert."

Abgesehen davon betont Barchevitch aber, dass Streaming-Angebote das Live-Erlebnis nicht ersetzen können. Onlineangebote der Thüringen Philharmonie sind für sie in der aktuellen Pandemie eine Maßnahme, um mit dem Publikum in Kontakt zu bleiben und eine wichtiges Instrument der Öffentlichkeitsarbeit.

Das ist eine sinnvolle Marketingmaßnahme, um Konzerte zu promoten, neue Hörerlebnisse zu erschließen oder auch die stattgefunden Konzerte und Produktion als eine Erinnerung an ein besonderes Live-Erlebnis festzuhalten, eine Art Dokumentation des Live-Erlebnisses.

Michaela Barchevitch, Intendantin der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach

Chemnitz: Streaming lohnt bei Häusern mit Exklusivcharakter

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Es müsse Schluss sein mit der Kostenlosmentalität bei Streamingangeboten, forderte der neue Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Carsten Brosda. Was sagt Christoph Dittrich, Generalintendant Theater Chemnitz, dazu?

MDR KULTUR - Das Radio Mi 09.12.2020 06:00Uhr 05:47 min

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Ob ein Theater-, Opern- oder Orchesterhaus ein Angebot für kostenpflichtige Streamingangebote schaffen könne, hänge von der Größe und Bekanntheit ab, sagt der Generalintendant der Theater Chemnitz, Christoph Dittrich: "Die digitalen Angebote, die Theater unterbreiten können, überstreichen ein weites Feld. Es gibt mit Sicherheit Angebote, die einer Bezahlwürdigkeit sehr gut entsprechen. Ich erinnere nur an die Dinge, die die MET in die Kinos überträgt, die man auch zu Hause anschauen kann, die Bayerische Staatsoper und viele andere, die einen Exklusivcharakter in sich tragen."

Freischaffende Künstler: Benachteiligung durch Kostenlos-Streams

Große internationale Häuser arbeiten schon lange mit Streamingangeboten, für die man bezahlen muss. Die Wiener Staatsoper zum Beispiel, weiß die Opernsängerin Eleonore Marguerre. Als Vorstandsmitglied von "KreAktiv Musiktheater Stands up", einen Zusammenschluss von Musiktheaterschaffenden beklagt sie aber, dass gerade freischaffende Schauspieler, Sänger und Musiker durch Streamingangebote benachteiligt werden – erst recht, wenn sie kostenlos sind.

Opernsängerin Eleonore Marguerre
Eleonore Marguerre Bildrechte: MDR JUMP

Es ist einfach mittlerweile völlig üblich geworden, dass man die Rechte für das Streaming automatisch mit der Gage für die Vorstellungen inkludiert. Wenn jetzt Vorstellungen 5 oder 6x wiederholt werden, dann sollte man schon die Frage stellen: Warum kann man dann die Künstler nicht auch daran beteiligen.

Eleonore Marguerre, Opernsängerin

Deshalb sei "KreAktiv Musiktheater Stands up"momentan dabei, Mindeststandards in Europa herzustellen, um einen gewissen Mindestbeteiligung festzulegen. Umgekehrt sollten die Künstler jeweils die Möglichkeit haben, Teile dieser Streamings für sich selber zu verwenden, zum Beispiel für Eigenwerbung auf der persönlichen Website. Bisher sei dies verträglich komplett unterbunden.

Theater in Mitteldeutschland

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Dezember 2020 | 07:30 Uhr

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