Theaterperspektive 2032 Alles erhalten, um jeden Preis? Thüringen diskutiert über die Zukunft der Theater

Es sind schwierige Zeiten für die Theater: Explodierende Heizkosten und Rohstoffpreise lassen bisherige Kalkulationen nicht mehr aufgehen, durch eine Erhöhung der Mindestgagen kommt das Lohngefüge insgesamt in Bewegung. Ausgerechnet jetzt wird in Thüringen über die Theaterfinanzierung ab 2025 verhandelt. Kann das gutgehen?

Bühne des Staatstheaters Meiningen 8 min
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Vor dem Hintergrund explodierender Energiekosten und steigender Gagen wird in Thüringen über die Theaterfinanzierung ab 2025 verhandelt. Von Strukturdebatten will die Politik nichts wissen – kann das gutgehen?

MDR KULTUR - Das Radio Di 22.11.2022 06:00Uhr 07:39 min

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Wer am Theater Rudolstadt arbeitet, der tut es bislang oft aus Überzeugung. Denn wer hier auf der Bühne steht, Requisiten bastelt oder Eintrittskarten verkauft, bekommt dafür bis zu 30 Prozent weniger Gehalt als etwa an den Theatern in Weimar oder Erfurt. "Rückkehr zum Flächentarif", so lautet in Rudolstadt deswegen das Zauberwort.

Nicht nur aus Gründen der Fairness solle man die Lohnangleichung unbedingt anstreben, sagt Intendant Steffen Mensching. Es gehe hier vielmehr um die Existenz: "Wir kämpfen mit einem extremen Fachkräftemangel, vor allem im technischen Bereich. Wenn das so weitergeht, können wir irgendwann einpacken, weil wir kein Personal mehr haben, um das Programm zu stemmen."

Theaterpauschale muss noch vom Landtag beschlossen werden

Doch Mensching weiß auch – der Wunsch nach höheren Gagen ist schwierig zu erfüllen. Rund zwei Millionen Euro pro Jahr würden zu Buche schlagen, rechnet er vor. Geld, dass die kommunalen Träger, die Städte Saalfeld und Rudolstadt und der sie umschließende Landkreis bislang nicht haben.

Ein Mann mit Mütze
Steffen Mensching wünscht sich eine ehrliche Debatte über die künftige Thüringer Theaterlandschaft. Bildrechte: imago/VIADATA

So hofft der Intendant, dass sich ab 2025 die Grundvoraussetzungen ändern werden. Denn Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff will eine sogenannte Theaterpauschale einführen: Alle Kommunen sollen künftig mehr in den Kulturlastenausgleich einzahlen, so der Plan. Und nur die theatertragenden Städte und Kreise sollen im Anschluss davon etwas herausbekommen. Auf diese Weise schaffe man es endlich, Kreise in die Pflicht zu nehmen, die sich der Theaterfinanzierung bislang entzögen, sagt der Minister: "Das ist ein fairer Deal. Alle geben einen Teil ab, damit die, die mehr Lasten auf ihren Schultern tragen, ein Stück weit erleichtert werden."

Zehn Millionen Euro sollen über die Theaterpauschale im Land verteilt werden – angesichts der jüngsten Kostensteigerungen wird dieser Betrag längst nicht alle Finanzlücken stopfen können.

Etwa beim Theater Altenburg-Gera, dort wird ab 2025 ein zusätzlicher Finanzbedarf von sieben Millionen Euro jährlich prognostiziert. "Wir erwarten, dass der Freistaat seine 60-prozentige Förderung ab 2025 um zehn Prozent erhöht", fordert deswegen Uwe Melzer, Landrat des Kreises Altenburger Land. Sonst könne man das Theater nicht mehr in seiner jetzigen Form erhalten – was aber ausdrücklicher Wunsch aller Gesellschafter sei.

Musiktheater „Die Passagierin“
Aufführung der Oper "Die Passagierin" am Theater Altenburg-Gera Bildrechte: Theater Altenburg Gera

Vor Strukturdebatten schreckt man zurück

So pokern Land und Kommunen bereits seit dem Frühjahr hinter verschlossenen Türen über die künftige Finanzierung der Häuser. Große strukturelle Veränderungen würden nicht diskutiert, heißt es von beiden Seiten. Alle Kommunen bekennen sich in einer Umfrage von MDR Kultur zu ihren Häusern.

Und für Kulturminister Hoff ist es nicht an der Zeit, kurz nach der Coronapandemie die Substanz infrage zu stellen: "Monatelang mussten die Theater Veranstaltungen streichen, ständig neu planen. Aktuell sind die Häuser damit beschäftigt zu schauen, wo sie Energie einsparen können. Und abseits dessen wird in Rudolstadt, Nordhausen und Altenburg gebaut, wir stemmen gerade das größte Theaterinvestitionsprogramm seit Anfang der 90er-Jahre. Da müssen wir jetzt nicht das große Rad noch mal drehen."

Woher soll das Geld kommen?

Doch woher wird das Geld kommen, das es braucht, um die aktuelle Theaterstruktur zu erhalten? Dazu gibt es in der öffentlichen Debatte bislang keine konkreten Ideen. Theaterintendant Steffen Mensching wirft der Politik denn auch eine "vorgetäuschte Naivität" vor:

Letztlich wissen alle, dass das System dringend reformiert werden muss. Und das heißt, dass es zu strukturellen Veränderungen kommen sollte. Und auch – da bin ich Realist – kommen wird in den nächsten Jahren."

Steffen Mensching, Intendant am Theater Rudolstadt

Derzeit werde ein Schwarzer-Peter-Spiel gespielt, so Mensching. Das Land trage den Kommunen auf, die Zukunftsfähigkeit ihrer Theater zu überprüfen. Diese aber schöben die Verantwortung eher zurück ans Land, oder hin zu den Intendanten. "Und die Intendanten stehen natürlich mit dem Rücken zur Wand und sagen – wir verteidigen erst mal die Substanz unserer Häuser."

Der Wunsch: ein Runder Tisch zu den Problemen

Ein Mann im Anzug mit grauen Haaren, Bart und Brille steht an einem Rednerpult
Nachdem Benjamin-Immanuel Hoff bei der letzten Finanzierungsvereinbarung ans Eingemachte ging, möchte er diesmal "das große Rad nicht noch mal drehen." Bildrechte: IMAGO/Jacob Schröter

Mensching wünscht sich eine Art Runden Tisch, an dem offen und ehrlich über die Zukunftsfähigkeit der Thüringer Theaterlandschaft debattiert wird. Es müsse um die Frage gehen, wie Sparmaßnahmen durchgeführt werden könnten, ohne dass das kulturelle Angebot in Stadt und Land verloren gehe. "Diese Bereitschaft zu diskutieren ist derzeit aber leider nicht vorhanden. Alle verteidigen ihre Pfründe. Und deswegen kommt es zu keinen Veränderungen."

So glaubt Mensching nicht, dass am Ende der Verhandlungen überraschende Ergebnisse stehen werden. Kulturminister Hoff will die neue Finanzierungsvereinbarung bis spätestens Juni 2023 öffentlich vorstellen. Von 2025 bis 2032 soll sie den Theatern im Land dann Planungssicherheit geben.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. November 2022 | 08:40 Uhr

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