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Das Theaterhaus Jena wurde vier jahre lang vom Kollektiv Wunderbaum geleitet. Nun verabschiedet sich das Kollektiv. Bildrechte: dpa

Nach vier JahrenAm Theaterhaus Jena: So machte Wunderbaum Theater für die Zukunft

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Stand: 06. Juli 2022, 11:34 Uhr

Theater in Deutschland erinnern oft eher an Königreiche, in denen ein oder zwei Menschen das Sagen haben. Am Theaterhaus Jena hatte Wunderbaum die Leitung inne. Das Theaterkollektiv mit Standbeinen in Rotterdam, Mailand und Jena begann vor vier Jahren, im Herbst 2018. Zwei Jahre für die Kunst, aber auch zwei Jahre Coronazeit mit Theaterlockdowns und drängenden Fragen. Die haben es aber in sich, weil es um ein Theater der Zukunft geht. Das Theaterhaus Jena kann hier Vorbild sein.

Das Stück "Miniathüringen" macht etwas klein, was als Thema umso größer ist: Kleingärten – spießig einerseits, andererseits ein Ort der Anarchie, wenn es um tüftlige Alltagslösungen geht und die DIN-Norm außen vor bleibt. Diesem Terrain gilt nun die letzte Recherche von Wunderbaum, und mit dem daraus entstandenen Stück wird die Theatergruppe auch die Kulturarena Jena eröffnen, die schon traditionelle Open-Air-Saison direkt auf dem Platz vor dem Theater.

"Miniathüringen" will laut Homepage "ein Musiktheater über den Zusammenhang von Gemeinschaft, Grillen und Gemüse" sein: Ein Kleingarten bedeute, eine kleine Oase inmitten der Stadt für sich zu haben – "wenn da nicht die Anderen in ihren Schrebergärten wären". Theater als Gesellschaftserkundung. Der Mikrokosmos Kleingarten stellvertretend für den Makrokosmos Welt.

Wunderbaum erkundet Thüringen

Für Wunderbaum sind solche Recherchen und Erkundungen Kern ihrer Arbeit. Es geht ihnen nicht um die x-te Interpretation klassischer Theatertexte. Selbstgestricktes kommt auf die Bühne. Neben den Gesellschaftserkundungen spielen Ort und Landschaft eine Hauptrolle. Der Thüringer Wald kann das sein, aber auch die Kneipe an der Ecke, die "Zur Wartburg" heißt. Das Material scheint dabei unerschöpflich, reicht vom Komponisten Herbert Roth bis zum NSU.

In Stücken wie "Zur Wartburg" versuchte Wunderbaum, die Menschen in ihrem Alltag zu erreichen. Bildrechte: Joachim Dette

Eine erste Erkundung im Dezember 2018 hieß "Thüringen Megamix". Ort der Handlung: ein Vergnügungspark, der Thüringen zum Thema macht, allerdings, war auch ein Backstagebereich zu sehen, der eine zweite Ebene – eine Kommentarebene – eröffnet. Wo eben noch das Volk (im Off) mit Thüringenklischees unterhalten, kommt die Schauspielerin nun im Kloß-Kostüm in die Garderobe und ist gar nicht mehr lustig, redet Tacheles mit den Kollegen. Das ist dann die andere Seite, ein Perspektivwechsel und die Kritik an den Verhältnissen. Und – dramaturgisch betrachtet – der Moment, der Dialektik ins Spiel bringt. In Variationen taucht eine solche zweite Ebene bei Wunderbaum immer wieder auf, beispielsweise beim ersten Kulturarena-Spektakel "Hätte hätte Fahrradkette", wo die europaweite Reiseerkundung (erste Ebene) als Sitcom aufgezeichnet wird (zweite Ebene).

Neue Aufgaben für das Theater?

Reisen spielen überhaupt eine große Rolle. Wie kann es auch anders sein bei einem Theaterkollektiv, das in Italien, Deutschland und den Niederlanden arbeitet. Sitten und Gebräuche der Einheimischen sind ein Thema, das auch gerne mit den Menschen vor Ort angegangen wird. Man nennt das partizipatives Theater, weil hier gewissermaßen das Publikum selbst auf die Bühne kommt. Dieses (man darf es als Begriff neuerdings wieder großschreiben) Partizipative Theater ist eine Spezialität von Wunderbaum, die sogar eine eigene Form entwickelt haben, die nicht ganz so ernsthaft daherkommt und Elemente des Zirkus’ aufnimmt: den Clown als Spielmacher beispielsweise oder Musik von einer Kapelle live gespielt.

Üblicherweise kommt Partizipatives Theater ernst daher. Verhandelt Problemlagen. Die Theatergruppe Rimini-Protokoll hat diese Arbeit mit den "Experten des Alltags" (wie sie es nennt) zu meisterlicher Form entwickelt. Am Staatsschauspiel Dresden heißt dieses Format "Bürgerbühne" oder "Montagscafé" und erschließt – zum Beispiel wenn hier ein Begegnungsort für Geflüchtete und Einheimische entsteht – neue Aufgabenfelder für das Theater.

Oder sind es die alten, die ganz alten Aufgabenfelder?: Wie war das im antiken Griechenland, als sich die Bürgergesellschaft im Theater traf, um dort die Grundlagen ihres Handelns zunächst spielerisch auszuprobieren? Wie könnte das jetzt sein, wenn die Heizung im Winter kalt bleibt, Corona weiter nervt, Krieg bleibt und das alles die Gesellschaft mehr spaltet. Welches Theater brauchen wir dann? Dieses partizipative wie in Jena oder einen weiteren, schlecht ausgelasteten "Zigeunerbaron"?

Aktuelle Körperpolitik auf der Bühne

Wo ein "Thüringen Megamix" die großen Fragen klären wollte, wer und was Thüringen ist, nimmt "Nackt" ein einzelnes Detail in den Blick. Das Stück nimmt die FKK-Tradition der DDR zum Ausgangspunkt und erforscht heutige Körperbilder in einer Zeit, in der Jugendliche wieder zu Badehosen greifen, die spätestens mit dem Defa-Film "Die Legende von Paul und Paula" im Wäscheschrank ganz hinten gelandet war. Neuerdings gibt es aber Instagram. Achselhaare gehen gar nicht – die Selbstinszenierung hat wieder eine Schamgrenze.

Oder das Thema Schwangerschaftsabbruch: Gerade eben hat der Bundestag den Paragraphen 219a (Werbeverbot für Abbrüche) gekippt. In den USA, dem nach eigenem Selbstverständnis freiesten aller freien Länder, wird die Abtreibung neuerdings höchstrichterlich verteufelt. Am Theaterhaus Jena war das alles schon 2019 Thema, als die Schauspielerinnen Henrike Commichau und Mona Vojacek Koper als Theaterduo hashtagmonike das Stück "Damenwahl" erarbeitet hatten. Im Trailer zur Inszenierung hieß es: "Pflichtberatung zum Thema Schwangerschaftsabbruch – garantiert ohne Werbung."

Feministisches Theater in Jena

Ende Februar 2020 dann "Witch Bitch", das neue Stück des Duos. Thema sind diesmal Hexen und wir lesen: "Frauen, die keine Lust auf Kirche, Küche, Kinder haben, sind noch lange keine Zauberwesen!" Der Theaterabend gibt sich also aufklärerisch und will Begriff und Geschichte ausleuchten.

Das Duo hashtagmonike beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit Feminismus und dem Zusammenleben in der heutigen Zeit. Bildrechte: Joachim Dette

Ein Beispiel: Die Autorin von "Bibi Blocksberg" (Elfie Donnelly wurde 1950 in London geboren) könnte eine 68erin sein, mutmaßen die beiden Schauspielerinnen. So gesehen wäre Bibi vielleicht eine feministische Figur. Aber in den Geschichten kommen alte Rollenmuster ins Spiel, wenn Bibi helfen soll, Abendbrot zu machen, weil der Vater von der Arbeit nach Hause kommt. Die beiden Schauspielerinnen zeigen ein gutes Gespür für die Widersprüche des Themas und die Wirksamkeit patriarchaler Rollen.

Dann kommt Corona, aber das Thema Frau bleibt. Im April 2022 hat ein Stück nach einer wahren Geschichte der Schauspielerin Pina Bergemann Premiere: Weil Bergemann ein Kind bekommt, kann sie nicht auf der Bühne stehen. Um den Karriereknick zu kaschieren, erfindet sie für die Auszeit das Stück "Leaving Carthago" und gibt diese fiktive Produktion in ihrer Biografie an. Warum tat sie das? War es der Druck der Gesellschaft? War es eine "feministische Heldinnentat", wie es auf der Theater-Homepage heißt? Und wieder entsteht ein Recherche-Stück. Diesmal mit einem "Chor der Mütter" als Resonanzraum für die vielen Fragen. Auch hier wieder: Partizipatives Theater. Nah an der antiken Form.

Für "Leaving Carthago" ließen sich Wunderbaum von der Biografie eines Ensemble-Mitglieds inspirieren. Bildrechte: Joachim Dette

Theaterhaus Jena bereit für die Zukunft nach Corona

In Sachsen hat der Kultursenat, der den Freistaat in Kulturfragen berät, jüngst ein richtungsweidendes Papier "für eine Kultur nach Corona" erstellt. Mit Blick auf die künftige Theaterarbeit sei ein wichtiges Ziel "die Stärkung partizipativer, künstlerischer Formate, die Begegnungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen ermöglichen". Ob das gelingt?

Viele Theater beschwören gerade eine Zeit nach Corona, die wie vor Corona sein soll und sich weiter am klassischen Text abarbeitet. Am Theater Nordhausen soll es Schlossfestspiele "endlich wieder wie früher" geben. Auf dem Spielplan stehen "Die drei Musketiere". Im Mittelsächsischen Theater will man die Pandemie hinter sich lassen und sich der "Kunst und Unterhaltung an ihren gewohnten Theaterorten widmen". Dort steht die Operette "Der Graf von Luxemburg" auf dem Sommerspielplan. Notbremsen statt Aufbrechen. Quasi der Verbrennungsmotor anstelle von nachhaltiger Energie.

Neben Theater lockt die Kulturarena auf dem Jenaer Theatervorplatz immer zahlreiches Publikum an. Bildrechte: Kulturarena Jena

Apropos Aufbruch: Am Theaterhaus Jena gibt es mit der neuen Saison einen "Ensemble-Rat". Gemeinsam will man Stücke entwickeln, weiter dokumentarisch arbeiten, Hierarchien flachhalten. Dieses Miteinander auf Produktionsebene passt gut zum angemahnten Konzept eines Theaters als Begegnungsraum. Das Theater der Zukunft existiert am Theaterhaus Jena schon heute und künftig noch mehr.

Informationen zu "Miniathüringen" Mit dem Kleingartenspektakel "Miniathüringen" wird die Kulturarena Jena 2022 am 6. Juli eröffnet.

Weitere Termine:
7. bis 10. Juli 2022, jeweils 21:30 Uhr

Mehr zum Theaterhaus Jena

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 06. Juli 2022 | 08:40 Uhr