Integrationsprojekt vor dem Aus Thespis Zentrum Bautzen: Hoch gelobt und sehr gefährdet

Was der kürzlich stattgefundene Integrationsgipfel als Anspruch und Aufgabe im "Nationalen Aktionsplan Integration" formulierte, klingt als sei es von bereits existierenden kulturellen Integrationsprojekten abgeleitet: zum Beispiel vom Montags-Café des Dresdner Staatsschauspiels oder vom Thespis Zentrum, das beim Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen angesiedelt ist. Aber genau diese Projekte sehen einer ungewissen Zukunft entgegen, denn ihre Förderung läuft nach drei Jahren aus.

Thespis-Zentrum in Bautzen 4 min
Bildrechte: MDR/Stefan Petraschewsky

Ein besseres Domizil konnte das vor drei Jahren gegründete Thespis Zentrum, das transkulturelle Begegnungen übers Theaterspielen ermöglicht, nicht finden: mitten in der Bautzner Innenstadt, in einem großen Ladengeschäft in der Goschwitzstraße, nur wenige Gehminuten vom Deutsch-Sorbischen Volkstheater entfernt.

Ein offener Ort für Begegnungen in Bautzen

Kulturmanagerin Lisa Dressler aus Leipzig, die mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern dreimal das Theaterfestival "Willkommen anderswo" mit Bühnen aus ganz Deutschland mitorganisierte, eine Bürgerinnen- und Bürgerbühne, Workshops und Schulprojekten konzipiert hat, fühlt sich mittlerweile am richtigen Ort: "Nach drei Jahren haben wir alle das Gefühl, jetzt fängt die Arbeit richtig an, jetzt sind wir soweit, dass wir Verbindungen in die verschiedenen Communities der Stadt aufgebaut haben, dass wir wissen, auf welchen Wegen wir welche Menschen in welcher Sprache einigen können, dass unser Publikum und die Teilnehmenden kontinuierlich wachsen. Das war harte Arbeit, weil man erstmal als Fremdkörper in so eine Stadt kommt."

Sächsischer Integrationspreis für Thespis Zentrum

Diese Arbeit fand Anerkennung: Im vergangenen Jahr wurde das Thespis Zentrums mit dem Sächsischem Integrationspreis ausgezeichnet. Aber die schlechte Nachricht folgte auf dem Fuß: Die Förderung der Preisgekrönten aus dem Programm "Integrative Maßnahmen" des Sächsischen Sozialministeriums läuft nach drei Jahren richtliniengemäß aus. Eine Weiterführung wurde abgelehnt. Jetzt hält sich das Zentrum mit einer Finanzspritze der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Preisgeld aus dem Integrationspreis und dem Wettbwerb zum Mit-mach-Fond über Wasser – wie Lutz Hillmann, der Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters, bestätigt: "Wir versuchen sozusagen die Luft anzuhalten und bis Ende April zu existieren, denn es wäre ein Jammer, das alles aufzulösen, die Räumlichkeiten aufzugeben und alle Mitarbeitenden wegzuschicken, die ihr ganzes Wissen mitnehmen."

Lutz Hillmann, 2012
Lutz Hillmann, Intendant des Bautzener Theaters Bildrechte: dpa

Fördermittel für Integrationsprojekte sind knapp bemessen

Eröffnung des Thespis-Theaterzentrums in Bautzen
Vor drei Jahren wurde das Thespis Zentrum gegründet. Bildrechte: MDR/Viola Simank

Da hilft auch die eigentlich gute Nachricht, dass der Etat für integrative Maßnahmen im noch nicht beschlossenen Landeshaushalt nicht kleiner werden soll als im vorherigen Plan: Wieder sind 11,5 Millionen Euro vorgesehen. Aber nach Angaben des Sozialministeriums ist das Programm drastisch überzeichnet, sind Anträge von über 20 Millionen eingegangen. Der Topf ist einfach zu klein, zumal aus ihm auch das als prioritär gewertete Psychosoziale Zentrum für traumatisierte Geflüchtete finanziert wird.

Auch mit einer institutionellen Förderung in der Region kann Intendant Lutz Hillmann nicht rechnen: "Unser Rechtsträger, der Landkreis Bautzen, ist zu so etwas gegenwärtig nicht in der Lage. Das ist auch ganz klar gesagt worden. Das ist ein Extra, das wir im Theater machen. Und wir fühlen uns dazu berufen, solche Dinge mit zu tragen."

Integrationsprojekte mit ungewisser Zukunft

Montagscafé am Staatsschauspiel Dresden
Jede Woche wird das Dresdner Staatsschauspiel zur Begegnungsstätte. Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden / Klaus Gigga

Thespis Zentrum Bautzen und Montagscafé in Dresden sind beileibe nicht die einzigen Integrationsprojekte mit ungewisser Zukunft, es sind nur die medial bekanntesten. In einem Offenen Brief fordert das EAK – ein Netzwerk zivilgesellschaftlicher Organisationen – eine Nachjustierung und Erhöhung des Etats für nachhaltige integrative Strukturen. Integration sei kein Projekt, das warten kann, heißt es in dem Papier.

"Thespis on tour" – aufgeben ist keine Option

Thespis-Zentrum in Bautzen
Das Thespis Zentrum verbindet verschiedene Projekte. Bildrechte: MDR/Stefan Petraschewsky

Im Thespis Zentrum ruhen jetzt alle Hoffnungen auf einem neuen Antrag, der allerdings nur für den kurzen Zeitraum von Mai bis Ende des Jahres wirksam werden kann. Er heißt "Thespis on tour" und will genau das: Die erprobten Angebote über Land tragen, dorthin gehen, wo man gebraucht wird. Aufgeben ist jedenfalls keine Option für die Netzwerkerinnen und Netzwerker, die den Boden bereiten für die spielerische Begegnung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund – in einem Landkreis, der fast so groß ist wie das Saarland und der flächenmäßig größte im Freistaat Sachsen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. März 2021 | 08:40 Uhr

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