Festspiel der deutschen Sprache Ist Schiller noch zeitgemäß, Herr Thieme?

Beim Festspiel der deutschen Sprache am Goethe-Theater in Bad Lauchstädt stehen ab Freitag szenische Lesungen von Friedrich Schillers "Wallenstein"-Trilogie auf dem Programm. Die Hauptrolle liest der in Weimar geborene Theater- und Fernsehschauspieler Thomas Thieme. Im Interview spricht er über die besondere Herausforderung einer szenischen Lesung, über Kritik an Schillers Frauenfiguren und die besondere Qualität von Schillers – aus seiner Sicht – bestem Stück.

Thomas Thieme bei der MDR-Hörspielproduktion "Bachs Reich" am 20.08.2009 im MDR-Hörspielstudio in Halle
Thomas Thieme bei einer MDR-Hörspielproduktion Bildrechte: MDR/Marco Prosch

MDR KULTUR: Schiller, in diesem Falle Wallenstein, ist ja eine Art Kunstsprache, eine Schauspieler-Sprache. Wie gehen Sie an diese Sprache heran?

Thomas Thieme: Meine allererste Rolle am Theater in Zittau 1974, da war ich 24 Jahre alt, war "Egmont" von Goethe. Und wenn man auf sowas geworfen wird, gleich nach der Schule, auf so eine Sprache, ebnet das natürlich den Weg anders, als wenn man heutzutage in einer Serie anfängt mit seinem Beruf. Nun komme ich auch noch zu allem Überfluss aus Weimar, da ist es ja entstanden, mehr oder weniger – also ich bin damit groß geworden, mit der Sprache von Schiller, Goethe, Kleist, Büchner, Brecht.

Jetzt ist aber noch die nächste Herausforderung bei dem Wallenstein-Abend: Das ist eine szenische Lesung, das heißt, Sie haben keine richtige Szenerie um sich herum. Wie geht man damit um?

Genauso. Ich habe meine Arbeitsweise im Grunde in 50 Jahren nicht wirklich verändert. Ich gehe immer mit einer gewissen Naivität an alles. Ich gucke es mir an, lasse es auf mich wirken, und was ich eben jedes Mal sagen kann: Ob es gelingt oder nicht – ich gebe mein Bestes. Ich hänge mich rein und spiele Schiller so oder lese Schiller so, wie ich es mir vorstelle, und dann klappt es oder es klappt nicht. Wir sind ja alle in Gottes Hand.

Nun ist ja Sprache etwas, was durch den ganzen Körper geht. Aber in einer Lesung ist doch der Körper ausgeschaltet. Ist das so?

Nein, bei mir gar nicht. Ich mache ja viele Auftritte dieser Art mit meinem Sohn, der mich an der Bassgitarre begleitet. Wir machen ganze Theaterstücke – "Baal", "Galilei", jetzt zuletzt den "Zerbrochenen Krug". Und da sind wir allein auf der Bühne, er mit der Bassgitarre und ein paar Effekten, und ich spreche. Nein, das muss schon durch den Körper durch.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an diese Matineen, die gibt es ja schon seit hundert Jahren, da liest so ein renommierter Künstler mit schöner Stimme bei einem Gläschen Rotwein eine Stunde irgendwelche ernsthaften Texte, alle kämpfen mit dem Schlaf. Das ist es nicht, was ich anstrebe.

Goethe-Theater in Bad Lauchstädt mit neuem Himmelszelt
Ein Blick ins Goethe-Theater Bad Lauchstädt, Schauplatz des Festspiels der deutschen Sprache Bildrechte: Goethe-Theater Bad Lauchstädt

Jetzt ist natürlich Schiller auch schon angefochten worden aus der heutigen Zeit heraus, und zwar gibt es die "Schillerinnen", also Frauen, die sagen: Schiller war selbst zu Frauen zu seiner Zeit nicht gerade wie ein Gentleman. Außerdem seien die Frauen in seinen Dramen allesamt zu schwache Figuren und ihrem Schicksal meist zu sehr ergeben. Was denken Sie zu dieser Kritik? Kann man Schiller heute noch so umsetzen, wie, sagen wir, vor 30 Jahren?

Es ist definitiv so, dass die Frauenfiguren bei Schiller keinen guten Ruf haben. Ob das nun seinem schlechten Charakter oder seinem Unvermögen zuzurechnen ist, das wage ich nicht zu beurteilen. Wenn sich die Schillerinnen da festgelegt haben, das ist ihre Sache. Das Urteil steht ihnen natürlich zu.

Nein, natürlich geht gar nichts mehr wie damals. Das haben wir aber auch schon versucht. Ich habe ja an ein paar sehr guten Theatern mit ein paar sehr guten Regisseuren gearbeitet. Ich war am Burgtheater, an der Schaubühne, Kammerspiele, Münchner Schauspielhaus, Hamburg, Zürich, Leipzig, Berliner Ensemble. Und ich habe ja ein paar Spielkameraden als Regisseure und auch als Partner getroffen, deren Schiller-Bild natürlich ein anderes ist, als es vielleicht im vorigen Jahrhundert oder in den 50er-Jahren oder auch vielleicht noch vor 20 Jahren war. Natürlich, das ist die Zeit. Jede Zeit stellt ihre Heroen von früher auf den Prüfstand. Das ist nicht nur unser Recht, das ist unsere Pflicht.

Lauchstädt hat eine Sache, die dort definitiv ist: Sie sind dem Dichter verbunden. Sie experimentieren nicht. Darum heißt es auch "Festspiel der deutschen Sprache". Es geht ihnen um die Sprache von Schiller. Um die Ideologie von Schiller geht es ihnen nicht, kann es auch bei einer Lesung gar nicht gehen, weil ein Text ist ein Text ist ein Text. Und was jeder herausnimmt aus dem Text, das ist sein Problem.

Natürlich können die Theater irgendetwas ideologisieren und können die Leute anziehen wie heute, oder sie können sie nackig ausziehen oder sie können machen, was sie wollen. Und damit können sie dann irgendetwas anpeilen, was sie gerne erzählen würden. Das können wir nicht. Wir lesen Schiller vor – hoffentlich talentiert.

Was sind die Momente, wo Sie das Gefühl haben: Hier bin ich sozusagen, und ich kann nicht anders – hier greift dieses Stück für mich immer noch, wie es das schon seit immer getan hat. Auf welche Momente freuen Sie sich besonders als Schauspieler?

Ich wage mich jetzt weit aus dem Fenster. Ich glaube, ich kenne sie ja alle. Das ist so: Wenn man 73 ist und Schauspieler und am Theater war, sollte man die paar Stücke von Schiller kennen – so viele sind es nicht. Ich glaube, "Wallenstein" ist sein bestes Stück. Das hat eine ungeheure Dynamik. Es ist natürlich auch eine ungeheuer dynamische Geschichte: Der Dreißigjährige Krieg und diese Figur Wallenstein ist derartig Komplex. Ich weiß gar nicht, wenn ich sie jemals gespielt hätte, ob ich es geschafft hätte.

Die hat eine solche Dimension, diese Figur. Ich habe sie nie gespielt. Jetzt lese ich sie, und ich versuche natürlich, mich da reinzubohren. Das Problem ist, dass aufgrund dieser enormen Begabung, die ein Mann wie Schiller hat, natürlich er einen solchen Vorsprung vor uns hat, was die Sprache betrifft – er ist uns so kilometerweit überlegen, dass wir natürlich nur in aller Demut, wenn wir vorlesen, versuchen sollten, Leidenschaft, Emotionen, Intelligenz reinzubringen in den Stoff. Und das ist mein Motiv.

Das Interview führte MDR KULTUR-Radiomoderatorin Julia Hemmerling. / Redaktionelle Bearbeitung: Hendrik Kirchhof

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Oktober 2022 | 10:10 Uhr

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