Corona-Lockdown Theatergipfel: Wie geht es weiter auf Thüringens Bühnen?

Mit Blick auf das Infektionsgeschehen bleiben die Theater in Thüringen bis Ende März geschlossen. Wie wird es danach mit dem Spielbetrieb weitergehen? Darüber haben Thüringens Kulturminister Benjamin Hoff und die Intendantinnen und Intendanten des Freistaats auf einem virtuellen Theatergipfel debattiert. Unter anderem wurde über die Wiedereröffnung der Häuser sowie Spielmöglichkeiten im Sommer beraten. Kay Kuntze, Intendant des Theaters Altenburg Gera, war bei dem virtuellen Gipfel dabei.

Generalintendant Kay Kuntze im Theatersaal des Landestheaters Altenburg, dunkle, festliche Stimmung, Kronleuchter und Ränge im Hintergrund, im Vordergrund Porträt des Intendanten
Bildrechte: Ronny Ristok

MDR KULTUR: Herr Kuntze, bis Ende März bleibt auch das Theater Altenburg Gera geschlossen. Das wurde heute auf dem Theatergipfel noch einmal deutlich gemacht. Können sie damit leben?

Kay Kuntze: Wir haben uns natürlich schon darauf eingestellt. Bereits bei unserer letzten Zusammenkunft mit dem Minister vor circa drei Wochen ging die Einigung ja in die Richtung, dass der Spielbetrieb nicht vor Ostern wieder aufgenommen wird. Von daher gab es da erst mal keine Neuigkeiten in der Richtung. Wir waren darauf eingestellt und bleiben auch darauf eingestellt, flexibel auf ein mögliches Öffnungsszenarium zu reagieren. Und ich muss sagen, mittlerweile haben wir eine Flexibilität, die ich mir vor einem Jahr nicht hätte träumen lassen, dass es überhaupt möglich ist. Wir sitzen ja praktisch täglich, auch heute wieder, zweieinhalb Stunden mit dem Leitungsgremium zusammen und planen immer um, für das Szenarium A, B, C und D – "wann müssen die Proben beginnen für Spielzeitbeginn X" und so weiter. Wir haben uns jetzt erstmal seit einigen Wochen auf Ostern vorbereitet. Daran hat sich jetzt heute für uns erst mal nichts geändert.

MDR KULTUR: Ende März – die Frage ist ja, wie sieht es danach aus? Die Landesregierung hat einen sogenannten "Orientierungsrahmen" erarbeitet und konkrete Eröffnungsschritte an lokalen Inzidenzwerten festgemacht. Für Theater soll dann gelten: Bei einem Wert von unter 25 dürfen Vorstellungen mit bis zu 250 Leuten stattfinden. Bei einem Wert bis 50 dürfen 100 Leute in der Vorstellung sitzen und bei einem Wert über 50 muss dann wieder dicht gemacht werden. Was sagen Sie zu so einem Stufenplan? Ist das praktikabel?

Mitglieder des Deutschen Nationaltheaters und die Staatskapelle Weimar musizieren vor dem Schauspielhaus am gemeinsamen Aktionstag unter dem Motto «Wir sind da!».
Staatskapelle Weimar am Aktionstag des deutschen Bühnenvereins unter dem Motto "Wir sind da" Bildrechte: dpa

Kay Kuntze: Das ist eine schwierige Frage. Da müsste man eigentlich erst mal Feldversuche machen, das wissen wir alle nicht. Theater können nicht so spontan von einem Tag auf den anderen entscheiden. Das geht ja schon los mit dem Kartenverkauf. Zuschauer brauchen eine gewisse Verlässlichkeit – "wird gespielt oder nicht". Ich kann sozusagen nicht von der Tag-Inzidenz abhängig machen, ob am nächsten Tag gespielt werden wird. Man bräuchte da schon längerfristig stabile Infektionslagen, die dann eine bestimmte Bedingung schaffen, unter der dann gespielt werden kann. Und dann muss es halt auch laufen können. Wie ich sehe, hat sich das ja jetzt auch erst mal nicht durchgesetzt in der Ministerpräsidentenkonferenz gestern. Dennoch finde ich das richtig, weiter daran zu arbeiten. Denn es muss ja jetzt irgendwelche Exit-Strategien geben: Wie kommt man raus aus dem Kultur-Lockdown und das könnte sich als ein Mittel erweisen. Ob es wirklich das Mittel der Wahl ist, muss man dann sehen. Wir alle haben diese Erfahrungen nicht. Aber wie gesagt, ich bin ein bisschen skeptisch. Je kürzer die Intervalle sind, unter denen die Kennzahlen abgerufen werden, desto schwieriger ist es für ein Theater, damit umzugehen und zu planen. Wenn man jetzt mehr als Ein-Personen-Stücke macht – da kann man sicherlich mal ganz spontan sagen "spielen wir heute oder nicht?". Aber sobald mehr als 20 Leute und ein Orchester beteiligt sind, ist ja auch die Anzahl der im Raum befindlichen Personen zu berücksichtigen. Es geht ja denn wahrscheinlich auch nicht nur um 250 Zuschauer, sondern um die Personen, die überhaupt im Raum sind. Das muss ja alles mit berücksichtigt werden. Und in dieser Gesamtrechnung ist eine gewisse Trägheit drin.

MDR KULTUR: Also wenn ich das jetzt richtig verstehe, ist es so, dass Sie sich schon freuen und öffnen wollen, auch unter bestimmten Bedingungen, vielleicht auch mit bestimmten Einschränkungen – aber Sie greifen jetzt nicht nach jedem Strohhalm.

Kay Kuntze: Also wir hatten ja im September und Oktober Erfahrung unter Pandemie-Bedingungen zu spielen. Und es ging wirklich gut. Die sehr positive Überraschung war, dass das Publikum sofort wieder da war. Wir waren praktisch immer ausverkauft. Das zeigt uns, dass zumindest zum damaligen Zeitpunkt erst mal alles noch da war: Das Publikum war da, das Interesse war da, wir sind da, die Häuser sind da, auch die Finanzierung ist da. Also eigentlich ist sozusagen alles bereit, man muss bloß das "Go" geben. Bloß wie kann das "Go" aussehen? Und da fehlt uns allen so ein bisschen die Fantasie im Moment. Die Maßnahmenkonzepte, die Hygiene, die Abstandsregeln – das kann man alles ganz gut einhalten. Dadurch verändern sich natürlich Ästhetiken auf der Bühne. Die Möglichkeiten des Theaterspielens und des Musizierens mit Abständen sind andere als ohne Abstände. Aber auch das lernen wir, oder haben wir in den letzten Monaten schon gelernt, damit können wir umgehen. Aber was ist wirklich das Zeichen für die grüne Ampel? Und das muss die Politik vorgeben, das können wir ja nicht. Wir können das nicht entscheiden, weil wir nicht die Expertise haben. Wir haben auch nicht den engen Austausch mit Epidemiologen, wie das die Politik hat. Deswegen stehen wir da so ein bisschen an der Seitenlinie und die Player sind auf dem Feld. Und wir müssen eben auf das Go warten. Und dann sind wir aber auch bereit und ich bin dann auch zuversichtlich, dass Theater in einer Wechselwirkung mit Publikum sehr schnell wieder funktionieren kann.

Theatersaal Gera Innenansicht
Innenansicht des Theaters Altenburg Gera, dessen Intendant Kay Kuntze ist. Bildrechte: Theater Altenburg-Gera/Frank Hülsbömer

MDR KULTUR: Wie konkret sind da die Ideen für die Wiedereröffnung Anfang April? Was wollen sie zeigen?

Kay Kuntze: Die sind ganz konkret. Wir haben allerdings auch da wieder mehrere Szenarien. Wir sind im Moment bei Plan C, den haben wir mal angefangen wegen "C wie Corona". Aber wir arbeiten zum Beispiel auch parallel an einem Plan B für draußen. Also wir wären auch bereit, wenn in dieser Spielzeit gar kein Spielbetrieb mehr möglich wird und auch dafür sprechen einige Zeichen. Dass es vielleicht innerhalb der Häuser erst im Herbst oder noch später wieder losgehen kann. Dann ist es auch sinnvoll, darüber nachzudenken, ob man eine längere Sommersaison plant oder sehr früh raus geht, wo man das Thema der Aerosole gar nicht hat und mit den Abständen auch ganz anders umgehen kann. Also auch das sind Konzepte, die wir parallel mitentwickeln.

MDR KULTUR: Und was würde dann auf dem Spielplan stehen?

Kay Kuntze: Wir sind ja ein Fünfspartenhaus und haben in allen unseren fünf Sparten Spielzeit-Angebote. Wir würden jetzt zum Beispiel im Schauspiel mit der Mausefalle von Agatha Christie anfangen. Im Musik-Theater den "Barbier von Sevilla" zeigen, der corona-tauglich inszeniert ist. Wir haben Gustav Mahlers Sinfonie "Das Lied von der Erde" in einer Kammerfassung von Arnold Schönberg. Wir haben einen Doppelabend "Die menschliche Stimme" / "Das Telefon", ein 30-Personen-Orchester – das lässt sich alles gut in einer Corona-Situation realisieren. Das Ballett erarbeitet dann eine neue Ballett Gala. Ballett ist fast mit am schwierigsten, wegen der Hebungen, das geht ja ohne Kontakt natürlich nicht. Deswegen kann man im Ballett eigentlich immer nur mit Soli arbeiten, weil sie in der Ausübung ihrer Arbeit einfach sehr raumgreifend sind und dadurch nur sehr wenig Personen auf der Bühne sein könnten. Und im Orchester gibt es diverse Samba und Tango-Konzerte und so weiter – Programme, die vor allem Freude bereiten sollen. Ein Großteil dieser Programme lässt sich auch nach draußen transferieren. Also wenn es denn dazu käme, dass wir tatsächlich erst draußen werden spielen können, könnten wir einen erheblichen Anteil dieses vorbereiteten Plans auch draußen realisieren.

Opernchor Theater Altenburg Gera
Im Jahr 2020 feierte der Opernchor des Theaters Altenburg Gera sein 100. Jubiläum – nun bleibt die Bühne bis Ende März unbespielt. Bildrechte: Ronny Ristok

MDR KULTUR: Apropos Sommer, Sprichwort "Freilufttheater". Auf dem Theatergipfel sollte eigentlich auch besprochen werden, die Häuser im Sommer einfach nicht dichtzumachen, sondern einfach weiterzuspielen. Würden sie den Ansatz unterstützen und würde die Belegschaft da überhaupt mitmachen?

Kay Kuntze: Wir sind am Theater, weil wir spielen wollen. Wir wollen musizieren, wir wollen singen, wir wollen Instrumente spielen, wir wollen Theater spielen. Und wenn das wieder möglich ist, politisch, dann werden wir das auch machen.

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR

Theater in Corona-Zeiten

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Februar 2021 | 16:10 Uhr

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