Ostdeutscher, sächsischer und politischer Witz Tom Pauls und Bernd-Lutz Lange: "Den ostdeutschen Humor hat's nie gegeben"

Kann jemand erklären, was DDR- oder ostdeutscher Humor eigentlich ist? Tom Pauls und Bernd-Lutz Lange versuchen es. Lange ist Urgestein der Leipziger Kabarett-Szene, war Gründungsmitglied des Studentenkabaretts academixer und einer der "Sechs von Leipzig", deren Aufruf am 9. Oktober 1989 in Leipzig von großer Bedeutung war. Tom Pauls gehört zum Dresdner Zwingertrio, ist Mitgründer des Dresdner Theaterkahns, Theatermacher in Pirna, Pfleger der sächsischen Mundart und bekannt durch seine Kunstfigur "Ilse Bähnert".

Tom Pauls: Wir sagen, wir müssen viel humorvoller werden, wir sind nämlich in einer Zeit, die sehr humorlos ist. Selbst Satire darf gar nicht mehr zuschlagen: Es werden gleich Opfer verhöhnt und so ein Quatsch.

Bernd-Lutz Lange: Der Volkshumor hatte keine Abnahme. Das Kabarett hatte eine Abnahme. Der Volkshumor wäre nie durch die Abnahme gekommen, weil der frei war. Das war in der Diktatur so. Und jetzt in der Demokratie wird der normale Volkshumor auch beschnitten, da regen sich Leute auf, d. h. die Zensoren, die wir früher hatten, die sind jetzt weg, aber wir haben ehrenamtliche Zensoren zu Hauf, die da reinreden. Das ist für Humor und Satire ganz schlimm.

Tom Pauls: Den ostdeutschen Humor hat's nie gegeben für meine Begriffe. Wo kommt der denn her? Ob nun der norddeutsche Humor, der schlesische, der ostpreußische – es war eigentlich ein dialektaler Humor und ein DDR-Humor. Der DDR-Humor spielt natürlich eine große Rolle, weil wir hatten einen Feind, wir haben in einer Diktatur gelebt, da wehrt man sich ganz anders. Da bist du plötzlich doppelbödig, und das haben alle in der DDR verstanden.

Oder auch Spezialhumor. Ich glaube nicht, dass es so herrliche Polizistenwitze in Westdeutschland gab, wie in Ostdeutschland. Die Büttels, die Vopos, die Grenzer usw., das war schon ein Feindbild. Auch die Denkweise, so richtige blöde, ganz doofe Sachen. Aber eben auch das mit dem Palast der Republik, wo der Fahrradfahrer sein Fahrrad dort abstellt, und da kommt der Polizist, der sagt: Sie können doch hier nicht einfach das Fahrrad am Palast der Republik abstellen, sagen Sie mal! – Wieso denn nicht? – Na, wir kriegen hier jeden Moment eine sowjetische Delegation! – Ach so, na da schließ ich es an. Also die Staatsgewalt zu verarschen, ist natürlich eine große Geschichte.

Bernd-Lutz Lange: Das Interessante ist ja zum Beispiel, die Nachkriegsjahre, da gab es unglaublich viele Witze, die waren eben noch Nazi-Witze. Also die Strukturen der Diktaturen wurden nur ausgetauscht. Waren es eben noch Göring, Goebbels oder Hitler, die heimlich nach Paris gefahren sind, dann waren es plötzlich der Ulbricht, Grotewohl und Pieck. In Paris steigen sie aus, und da ruft einer: Bagage, Bagage! – Und Ulbricht: Seht ihr, wir sind erkannt!

Denselben Witz gab es schon kurz vorher. Da würde ich sagen: Ostdeutscher oder DDR-Humor unterscheidet sich für meine Begriffe dadurch, dass er politischer ist. Es gab solche hervorragenden Definitionen: Im Impressionismus malten die Maler, was sie sahen. Im Expressionismus malten die Maler, was sie fühlen. Und im sozialistischen Realismus malen sie, was sie hören.

Tom Pauls: Oder dieser herrliche Spruch: Lieber vom Leben gezeichnet, als von Sitte gemalt. Es durchzog die ganze Gesellschaft, eben auch die Kulturpolitik, das war nicht nur die Parodie auf unsere Herrschenden, es zog sich durchs ganze Leben. Auf der anderen Seite müssen wir sehen: Es ist auch der deutsche Humor, der steckt überall. Was meine ich damit? Also, das kann der Wortwitz sein, es kann die Situationskomik sein und meistens ist im deutschen Humor die Pointe hinten. Der Brite kann sich auch über eine Situation kaputtlachen, ohne dass es hintenraus knallt.

Bernd-Lutz Lange: Es ist ja auch interessant, warum in der DDR die meisten Humoristen und Kabarettisten in Sachsen waren. Wir hatten zwei Berufskabaretts in Leipzig, das war einmalig, wir hatten die Herkuleskeule in Dresden. Vor dem Krieg gab es angeblich 300 sächsische Humoristen, die von Königsberg bis Prag unterwegs waren, die haben da ihre Abende geliefert.

Tom Pauls: Mit dem Sächsisch ist es so eine Sache, das hat natürlich mit dem Dialekt zu tun, mit der Sprache. Die Sachsen betrachten erstens das Leben aus der Froschperspektive, also aus ihrer Sicht und teilen immer aus, aber in ihrer ganz bescheidenen Art und Weise. Sie sagen immer: Na ja, es könnte noch viel schlimmer kommen. Du denkst, du kannst die immer treten, nur auf der anderen Seite kommen sie hintenrum. Das ist eine wunderbare Charaktereigenschaft: Unterschätzt zu werden, ist schon sehr komfortabel.

Bernd-Lutz Lange: Also, wenn ostdeutscher Humor etwas auszeichnet, dann ist es der doppelte Boden, da kann ich nur immer wieder den Dieter Hildebrandt zitieren, als der '86 das erste Mal in der DDR aufgetreten ist in Leipzig. Und als Hildebrandt drüben gefragt wurde: Was ist der Unterschied zwischen dem westdeutschen und ostdeutschen Publikum? Da hat er gesagt: "Das ostdeutsche Publikum sitzt an der Stuhlkante". Und ich habe unlängst einen Aphorismus gefunden von George Orwell zu meiner Überraschung, der hat gesagt: "Jeder Witz ist eine winzige Revolution". Da fiel mir dann sofort ein, was wir in der DDR schon für Revolutionen gehabt haben, eh der Herbst '89 kam. Ehe sich was geändert hat, mussten wir 40 Jahre Witze erzählen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 08. Juli 2021 | 22:05 Uhr

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