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Die Villa auf der Bautzner Straße 107 in Dresden wurde von 1920 bis 1942 von der Tänzerin und Choreografin Mary Wigman bewohnt Bildrechte: MDR/Heike Schwarzer

Traditionsreiche Tanzschule

Wie die Villa Wigman in Dresden ihr Jubiläum und das Tanzen feiert

von Heike Schwarzer, MDR KULTUR

Stand: 29. April 2021, 04:00 Uhr

Zum Jubiläum der Gründung der Tanzschule Mary Wigmans planten die Choreografinnen und Tänzerinnen des Villa-Wigman-Vereins ein langes Wochenende in und um die Villa. Nun wird es auf die nächsten Monate gestreckt, es gibt Workshops, Führungen, Tanz und Vorträge, alles unter dem Motto "Lernen, Leben, Tanzen", das den Kern von Mary Wigmans Wirken an diesem Ort trifft.

"Das Haus war für mich von vornherein ein unglaublich wichtiger Ort", erinnert sich Tänzerin und Choreografin Anna Till, die vor zwei Jahren mit ihrem Schreibtisch in ein Gemeinschaftsbüro der Villa Wigman auf der Bautzner Straße in Dresden einzog. Damals stand noch "Kleine Szene Semperoper" auf dem Schild über dem bröckelnden Putz.

Hier hat Mary Wiegmann 22 Jahre lang bis 1942 gelebt und gearbeitet. Die Semperoper hat es später genutzt, dann sollte es verkauft werden. Und dass das bestehen muss und dass das einfach bleiben muss, das war klar.

Tänzerin und Choreografin Anna Till über die Villa Wigman

Dass die Wigmansche Tanzschule, die von der internationalen Presse als "Tempel der Tanzkunst" bezeichnet wurde, im Sinne ihrer Gründerin wirklich erhalten blieb, das ist vor allem Tänzerinnen und Choreografinnen wie Katja Erfurth, Johanna Roggan oder Performerinnen wie Julia Amme zu danken. Die Vereinsfrauen des Villa Wigman e.V. organisierten ein flexibles Unterstützernetzwerk, das nicht nur Produktions- und Proberäume für freie Künstlerinnen und Künstler öffnet, sondern auch neue Denk- und Begegnungsräume, die 100 Jahre Tanzgeschichte mit der Gegenwart und Zukunft verbinden.

Tafel an der Villa Wigman Bildrechte: MDR/Heike Schwarzer

Geschichten aus dem Gemäuer

Mary Wigman, Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin Bildrechte: dpa

"Ein guter Schaffensraum", sei die Villa Wigman, sagt Nora Otte, sie ist szenische Künstlerin, also Theatermacherin, und arbeitet seit fünf Jahren freischaffend in Dresden. Gemeinsam mit Julia Amme ging sie für das Jubiläumsprogramm "101 Jahre Tanzschule Mary Wigman" auf Suche nach "Geschichten aus dem Gemäuer". Diese sind nun Teil der performativen und tänzerischen Installation geworden. Das Publikum wird dabei in kleinen Gruppen (Hausständen) von Fenster zu Fenster geführt und erhält Einblicke in die belebten Tanzsäle und Arbeitsräume und damit sowohl in die Geschichte also auch die neuen Möglichkeiten dieses Tanzhauses.

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Gespräch mit Katja ErfurthCarsten Tesch im Gespräch mit Choreografin Katja Erfurth

Für die "Geschichten aus dem Gemäuer" wurden Dresdner Tänzer und Choreografinnen zu ihren Erinnerungen und Erlebnissen interviewt, darunter unter anderem der einstige Chefchoreograf der Staatsoper Dresden, Harald Wandtke, sagt Otte – diese Stimmen münden u.a. in einer Klanginstallation, aber auch Fotos oder Bühnenbildmodelle ermöglichen einen Blick in die Vergangenheit.

Was ich auch spannend daran finde, eben jetzt darüber mit Leuten aus der Tanzszene und vielleicht auch dem Publikum von früher und heute in einen gemeinsamen Austausch zu kommen. Was war das damals für eine Zeit für den Tanz, was ist das für eine Zeit heute?

Die Künstlerin Nora Otte über das Projekt "Geschichten aus dem Gemäuer"

Einblicke in Fundstücke

Katja Erfurth Bildrechte: imago images/Sylvio Dittrich

In dem dreiviertelstündigen Parcours von Fenster zu Fenster erwartet das Publikum auch eine ganz besondere Entdeckung, Tänzerin und Choreografin Katja Erfurth: "Wir mussten kürzlich einen Fußboden frei legen und haben dabei eine ganz besondere Ausgrabung gemacht, ein Fußwaschbecken. Und das ist tatsächlich das einzige, was wir aus Wigmans Zeiten hier gefunden haben. Die Villa selbst ist Ende des 19. Jahrhunderts gebaut, der Anbau von 1927, dort fanden wir Farbspuren. Aber das Fußwaschbecken ist ein Einbau, den Wigman selbst angeregt hat, um ihren Tänzerinnen eine Garderobe mit Waschmöglichkeiten zu bieten. Davon haben wir auch zwei Fotos. Dieser Fund hat uns sehr gerührt."

Ob das Waschbecken erhalten bleiben kann – es liegt auf einem Fluchtweg, der gerade gebaut wird – ist ungewiss. Aber für den Jubiläumsparcours bleibt er sichtbar.

Das historische Fußwaschbecken in der Villa Wigman – ob es erhalten bleibt, ist fraglich Bildrechte: MDR/Heike Schwarzer

Workshops, Führungen, Tanz und Vorträge

101 Jahre nach Gründung der Wigman-Schule, das Jubiläum wurde mehrfach verschoben, planten die Choreografinnen und Tänzerinnen des Villa-Wigman-Vereins ein langes Wochenende in und um die Villa, mit Workshops, Führungen, Tanz und Vorträgen. Nun verteilt sich das Programm über die nächsten Monate. Das Motto aber bleibt. "Lernen, Leben, Tanzen" trifft den Kern von Wigmans Wirken genau an diesem Ort und für unsere Zeit.

"Wir hören nicht auf zu recherchieren. Wir hören nicht auf nachzudenken. Wir hören nicht auf, Fragen zu stellen. Wir hören nicht auf zu proben. Und das hilft uns, auch in dieser Zeit produktiv zu sein", sagt Tänzerin und Choreografin Erfurth. Gerade entwickelt sie im gelben Salon der Villa ein neues Stück über die Sprache der Hände, die Gebärden. "Auch Wigman hat sich sehr differenziert mit den Händen beschäftigt, vielleicht knüpfe ich da auch bei Mary Wigman an und nehme auf, was für sie wichtig war."

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 29. April 2021 | 08:40 Uhr