MDR Nezzwerk-Buch Von Gleichberechtigung bis Weltfrieden: Visionen für das Theater der Zukunft

In einer idealen Welt würde mehr Geld in Kultur fließen, Theater könnten noch mehr gesellschaftliche Debatten anregen, für Gleichberechtigung – und sogar den Weltfrieden sorgen. Wie realistisch sind die Visionen, die kleine und große Spielstätten gerade durch die Corona-Krise tragen? Welche Vorstellungen sind umsetzbar? Im MDR Nezzwerk-Buch erklären rund 100 Kulturpartner des MDR, darunter auch zehn Spielstätten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, wie ihre Visionen für das Theater der Zukunft aussehen.

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Von kleinen Bühnen bis hin zu großen Theaterhäusern: das Kulturnetzwerk des MDR umfasst insgesamt zehn Spielstätten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In einer idealen Welt würde sich das Theater in der heutigen Form erübrigen.

Ansgar Haag, Intendant des Meininger Staatstheaters

Ansgar Haags Zukunftsutopie mag zunächst düster erscheinen. Doch offenbart sich die Wahrhaftigkeit der Aussage des Intendanten des Meininger Staatstheaters angesichts aktueller Debatten um Sexismus, Rassismus und festgefahrene hierarchische Strukturen auf Deutschlands Bühnen mehr denn je. Für Haag ist allein die Frage nach dem Erreichen einer idealen Welt eine Utopie in sich. Und doch ist er davon überzeugt, dass das Theater in seiner Funktion als Bildungsinstitution dabei helfen könnte, der Verwirklichung einer idealen Gesellschaft näherzukommen:

S. 51: "Das Meininger Staatstheater im Nezzwerk-Buch"
Im MDR Nezzwerk-Buch formuliert Ansgar Haag seine Gedanken für eine ideale Welt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ein erster Schritt ist es, die Gleichberechtigung aller Menschen herzustellen. Erderwärmung und Umweltzerstörung, begleitet von Artensterben und Verarmung ganzer Erdteile, müssen verhindert werden. Unser Theater lebt in der Utopie, dass es durch seine Arbeit am Erreichen dieser Ziele nachhaltig beteiligt ist. Nur Bildung kann weltweit Kriege und Zerstörung verhindern."

Dementsprechend sei es auch wichtig, weiter in Kultur zu investieren: "Wenn wir von einer Utopie sprechen, würde ich mir wünschen, dass 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in die Kultur fließen", so zumindest lautet die Vision des Generalintendanten des Theaters Erfurt, Guy Montavon:

Guy Montavon, Intendant des Theaters Erfurt, steht nach einer Pressekonferenz zum Programm des Philharmonischen Orchesters im Treppenhaus.
Für Guy Montavon führt uns Theater gesellschaftliche Werte vor Augen. Bildrechte: dpa

Sie bekämpfen Ignoranz und Extremismus. Das macht die Theater in unserer Gesellschaft unverzichtbar. Überspitzt kann man sagen: Theater sind für den Weltfrieden zuständig.

Guy Montavon, Intendant des Theaters Erfurt
Drei menschen arbeitren an einem Projekt. 6 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Gedanken des Intendanten Johannes Weigand dagegen kreisen vor allem um eine Frage: Werden sich Theater in Zukunft auch bei einem jungen Publikum behaupten können? Und was passiert in Städten mit einem großen Anteil an älteren Menschen? Eine Utopie mit Chancen sei für Weigand, "dass sich Dessau weiter zu einer urbanen Stadt entwickelt, in der auch junge Menschen gerne leben."

Kultur als Pflichtaufgabe

Und damit diese jungen Menschen dann wiederum ins Theater gehen, müsste sich in einer idealen Gesellschaftsordnung zunächst das grundliegende Kulturverständnis ändern, meint Kay Kuntze, Intendant des Theaters Altenburg Gera, der die "Befreiung der Kultur aus der freiwilligen Leistung hin zur Pflichtaufgabe" fordert. Ein ähnlich offenes Kulturverständnis sehnt sich auch René Reinhardt von der Schaubühne Lindenfels im Leipziger Westen herbei:

Kultur bedeutet für die Entwicklung einer Stadt mehr als Unterhaltung und Freizeitvergnügen. Kultur verändert die Gesellschaft.

René Reinhardt, Schaubühne Lindenfels

Die Schaubühne Lindenfels gilt als fest etablierte Anlaufstelle für Kunst- und Kulturschaffende und wirkt als solche auch außerhalb der Theaterbühne auf die Gesellschaft ein: "Wir vernetzen kreative Akteure, die sich gegenseitig inspirieren und eine aktive kulturelle Landschaft formen. Wir pflegen internationale Netzwerke und sind vor Ort auf dem Boulevard Heine im Leipziger Westen Anlaufpunkt für Kreative aus Plagwitz und Lindenau, dem Quartier der Kultur und des Handwerks."

Kleine Bühnen mit großen Visionen

S. 57: "Theaternatur im Nezzwerk-Buch"
Nachzulesen im MDR Nezzwerk-Buch: Die Visionen des Theaternatur in Benneckenstein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass sich das einst abgeschriebene Quartier im Leipziger Westen in ein lebendiges Kulturviertel verwandeln konnte, ist auch dem sich stetig ausbreitenden Netzwerk von Kulturpartnerschaften zu verdanken. Von dieser Vernetzung profitiert auch das Theaternatur in Benneckenstein, das eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass auch kleinere Städte große Visionen haben: "Für die Zukunft ist die Verstetigung von 'Klassenzimmerstücken' geplant, welche als mobile Inszenierungen im alltäglichen Lebensraum des jungen Publikums gespielt werden und als ganzjährig buchbare Eigenproduktionen den Zugang, seitens Kinder und Jugendlicher in der Region, zu Theater erleichtern möchten."

Kunst als Impulsgeber politischer Debatten

Von der kleinen Bühne hin zu einer der bekanntesten Spielstätten der Welt: die Semperoper mit ihrer jungen Bühne "Semper Zwei". Sich auf diesem Weltruf auszuruhen, kommt für Intendant Peter Theiler jedoch nicht in Frage. Gerade in Zeiten globaler Verunsicherung durch eine Pandemie misst er Kunst und Kultur eine noch wichtigere Rolle bei:

Ich wünsche mir, dass unsere Kunst noch mehr die Augen, Herzen und den Verstand öffnet, Missstände sichtbar und angreifbar macht und als Impulsgeber für Öffnung, Partizipation und Einmischung im öffentlichen Diskurs mitwirkt.

Peter Theiler, Semperoper

Auch Karen Stone, Intendantin des Theaters Magdeburg, wünscht sich, dass auch in Zukunft politische Debatten ihren Nachklang auf der Bühne finden. In ihrer Vision würde zudem vermehrt in Auftragswerke junger Dramatikerinnen und Komponisten investiert werden, um "die künstlerische, zeitgenössische Entwicklung von Stücken, die spartenübergreifende Zusammenarbeit und das Entdecken von Talenten" verstärkt zu fördern.

Utopien in Corona-Zeiten

S. 50: "Hellerau im Nezzwerk-Buch"
Helleraus Visionen für eine ideale Welt: Für Intendantin Carena Schlewitt steht die Freiheit der Kunst an erster Stelle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Utopie des theatralen Schaffens in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen eint große und kleine Häuser inmitten des zweiten Corona-Jahres: wieder live mit Publikum arbeiten zu können, ohne Hygiene- und Abstandsregeln. Doch wird die Pandemie wohl auch in Zukunft weiter eine Rolle spielen, zumindest in der Vision von Carena Schlewitt, Intendantin des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau, in der unter der Berücksichtigung der Pandemie "neue internationale Kooperationsformate und nachhaltige Arbeits- und Austauschprozesse" entstehen.

Bis es so weit ist, lassen die Theater schon jetzt auf ihren Bühnen Visionen wahrwerden, wenn auch nur für die Dauer einer Vorstellung. Holger Böhm vom Theaterkahn Dresden bringt es auf den Punkt:

Theater ist ein Raum, in dem eine Gesellschaft träumt. In unseren Träumen begegnen wir unseren Sehnsüchten, Ängsten, längst Verstorbenen, der Katze des Hausmeisters, die plötzlich sprechen kann, … wir können fliegen. Warum wir träumen, wissen wir nicht. Nur dass, wer nicht träumt, verrückt wird. Manchmal ahnen wir im Traum die Zukunft voraus. Oft träumen wir nur Unsinn. Und genau das ist Theater.

Holger Böhm, Theaterkahn Dresden

S. 47: "Spielstätten im Nezzwerk-Buch"
Insgesamt neun Spielstätten verraten im MDR Nezzwerk-Buch ihre Visionen für eine ideale Zukunft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei