Kunst und Kultur Marie-Seebach-Stift in Weimar: Altersresidenz für Kunstschaffende

Vor mehr als 127 Jahren wurde das Marie-Seebach-Stift gegründet. Die Stifterin war selbst eine erfolgreiche Schauspielerin und wollte für ihre Kolleginnen und Kollegen einen guten Ort zum Altern schaffen. Bis heute leben zum Beispiel erfolgreiche Filmschauspieler hier – doch es könnten wieder mehr Bühnenmenschen einziehen. Das Leben im Heim zeichnet sich durch viele Kulturveranstaltungen aus, bei denen die Bewohnerinnen und Bewohner auch mal mitwirken. Ein Besuch.

Mehrere Menschen stehen in Reihe in einem Saal: Eine Frau in weinrotem Kleid lehnt sich lachend auf einen Notenständer gelehnt, daneben zwei weißhaarige Frauen mit Blättern in den Händen, ein Mann liest aus einer Zeitung und eine Frau mit schwarzem Rock sieht ihn an.
Regelmäßig gibt es im Weimarer Marie-Seebach-Stift Konzerte und Lesungen. Bildrechte: Maik Schuck

Seit neun Jahren lebt Winifried Hakl im Marie-Seebach-Stift östlich der Weimarer Innenstadt. Sie zog damals gemeinsam mit ihrem Mann, einem pensionierten Opernsänger, ein. Der Kulturhunger des Paares war auch im Alter längst nicht gestillt: "Ich bin nur mit hierher gekommen, weil ich wusste, hier ist Kultur und hier ist noch ein bisschen Leben", erklärt Winifried Hakl.

Ein Chorkonzert am Dienstag, eine Lesung am Mittwoch, am Freitag ein Klavierabend – so verliefen die Wochen vor der Corona-Pandemie regelmäßig. Gerade Studierende der Musikhochschule kamen regelmäßig vorbei. "Zum Beispiel bei Wettbewerben haben sie hier die Generalprobe gesungen oder wenn Meisterkurse sind – das ist schon interessant", zeigt sich die Rentnerin begeistert.

Ursprungsidee der Weimarer Seniorenresidenz

Ein Mann mit Brille, kurzen, weißen Haaren und hellgrauem Jackett steht in einer Wohnanlange.
Vorstandsvorsitzende Axel Kramme kann sich das Heim nicht ohne Kultur vorstellen. Bildrechte: Marie-Seebach-Stiftung

So langsam läuft das Kulturleben auch im Marie-Seebach-Stift wieder an. Zwischenzeitlich behalf man sich mit Garten- oder Eins-zu-eins-Konzerten. Einen Kultur-Lockdown in diesem Seniorenheim zu verhängen, sei nie eine Option gewesen, erzählt Axel Kramme, ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Marie-Seebach-Stiftung. Schließlich seien Musik und Theater von Anfang an Teil des Hauses gewesen.

Gegründet wurde die Residenz schon 1895: Marie Seebach, damals eine weltberühmte Schauspielerin, stiftete ein Heim für hilfsbedürftige Bühnenkünstler. "Das war im Grunde eine Art Rentner-WG", erklärt Kramme, "mit sehr viel Gemeinschaft, mit vielen Aufführungen, mit kleineren oder größeren Projekten, die man miteinander gemacht hat und auch – das darf nicht verschwiegen werden – mit einer Portion Eifersüchteleien."

Auߟenansicht eines Gebäudes des Marie-Seebach-Stifts in Weimar.
1895 wurde das Marie-Seebach-Stift für Künstlerinnen und Künstler gegründet. Bildrechte: dpa

Kulturabende im hauseigenen Saal

Gerade mal 14 Plätze hatte das Marie-Seebach-Stift zu Beginn. Doch über die Jahrzehnte hat sich eine ganze Menge verändert: Damals spielte die Pflege keine Rolle, heute nimmt sie einen ganz wesentlichen Teil des Alltags ein. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind im Durchschnitt viel älter. Und: Man muss nicht mehr zwingend auf der Bühne oder vor der Kamera gestanden haben, um einziehen zu dürfen.

Eine Frau mit schwarzem Rock steht singend an einem Notenständer. Daneben eine Frau mit weinrotem Kleid vor einem weiteren Notenständer. Im Hintergrund sitzen zwei ältere Frauen in Sesseln.
Vorstandsmitglied und Opernsängerin Ulrika Strömstedt gestaltete mit den Heimbewohnern ein Konzert über Marie Seebach. Bildrechte: Maik Schuck

Das Pflegeheim ist heute ein eigenständiger Betrieb, und finanziert sich wie viele andere Einrichtung dieser Art. Die Stiftung sorgt für den kulturellen Überbau. Beispielsweise hat die Opernsängerin Ulrika Strömstedt, ebenfalls im Vorstand aktiv, jüngst einen Konzertabend über Marie Seebach im hauseigenen Saal aufgeführt. "Da gab es auch eine Zusammenarbeit mit den Bewohnern. Einige haben mitgemacht als Tratschtanten oder das Volk, die ein bisschen über die Zeitungskritiken von damals gelesen haben", erzählt die Künstlerin.

Fernseh-Komissare und Theaterleute

Ein mit grauen Haaren und kurzem Vollbart, grünem Halstuch und dunkler Jeansjacke lacht in die Kamera
Seit kurzem wohnt auch der erfolgreiche Filmschauspieler Andreas Schmidt-Schaller im Marie-Seebach-Stift. Bildrechte: dpa

Mit dabei war auch Andreas Schmidt-Schaller, bekannt als Fernseh-Kommissar bei "Polizeiruf 110" und "Soko Leipzig". Er ist vor drei Monaten eingezogen – allerdings nicht ins Pflegeheim, sondern in einen Bereich, der sich "Wohnen mit Kultur und Service" nennt. Dort hat der Schauspieler seine eigene Wohnung, bekommt aber je nach Wunsch Unterstützung, zum Beispiel beim Kochen. "Am Anfang fiel es mir schwer, zum Mittagessen zu gehen, weil ich plötzlich gemerkt habe: 'Oh Mensch, hier sind ja wirklich alle älter'", erinnert sich Schmidt-Schaller an seinen Einzug. "Das war nicht einfach, sich die ersten Wochen dran zu gewöhnen. Aber inzwischen gibt es einen Kreis, der sich immer trifft. Da wird auch mal ein Sektchen getrunken und ein bisschen gequatscht. Das ist schon sehr angenehm."

Das Stiftungsteam hofft, dass in den kommenden Jahren wieder mehr Bühnenkünstler ins Haus kommen, um dort ihren Lebensabend zu verbringen. Denn in den letzten Jahrzehnten sei das etwas aus dem Fokus geraten. Wer im Theater aktiv gewesen sei, rutsche auf der Warteliste sofort nach oben, betont die Sängerin und Stiftungsmitglied Ulrika Strömstedt. Man wolle den Ursprungsgedanken von Marie Seebach unbedingt lebendig halten.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. März 2022 | 18:20 Uhr