"Ein Jahr Corona – ein Blick zurück nach vorn" DNT-Chefdramaturgin: Ein Jahr in gesellschaftlicher Ausnahmesituation

Über eine außer Kontrolle geratene Gesellschaft, den für sie unverständlichen Wunsch nach ein bisschen Diktatur und die Spuren, die Corona ein Jahr später bei uns hinterlässt – eine Kolumne der Chefdramaturgin am Deutschen Nationaltheater Weimar, Beate Seidel.

Beate Seidel, 2017 4 min
Beate Seidel, geboren in Merseburg, ist seit der Spielzeit 2013/14 Chefdramaturgin am Deutschen Nationaltheater Weimar Bildrechte: dpa

MDR KULTUR - Das Radio Mo 15.03.2021 06:00Uhr 03:52 min

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Es war der 31. Oktober 2020, ein Tag, bevor die Theater, Konzertsäle, Gaststätten und Fitnesstsudios wieder schließen mussten, da spielten wir in Mainz die in einer Koproduktion entstandene Komödie Sensemann & Söhne, die um die letzten Augenblicke menschlichen Daseins, das Sterben und den Tod kreist. Es war einer jener Glücksmomente in meinem Beruf,  in dem sich das Gefühl einer allumfassenden Verständigung zwischen Bühne und Zuschauerraum einstellte. Beim Applaus stand das Publikum auf. Es nahm Abschied.

Wir hatten diesen Abend übrigens schon lange vor der uns alle in Beschlag nehmenden Pandemie geplant. Denn meistens wird über den Tod, das unausweichliche Ende, im Ausschlussverfahren geredet. Aber der Tod findet statt. Und der Traum vom ewigen Leben kann – kluge Autorinnnen und Autoren haben es beschrieben – eben auch ein Albtraum sein.

Kriegsrhetorik

Was mich  im vergangenen Jahr beschäftigt hat, war und ist der gesellschaftliche Umgang mit einer Ausnahmesituation, mit der unserer Gesellschaft eigenen Philosophie, immer die Kontrolle behalten zu wollen, und der Panik, die einsetzt, wenn das nicht zu gelingen scheint und Sicherheiten abhanden kommen.

Es war und ist die Kriegsrhetorik im Zusammenhang mit dem Virus, die mich nervt, der Versuch, der Krankheit das Gesicht eines Feindes aufzuprägen. Die Aufforderung "Betrachte dein Gegenüber als potentiell infiziert!" – war für mich nur einer der rhetorischen Höhepunkte. Dazu der Krieg der Meinungen: Cov-Idiot oder Systemling – egal wer wen als was bezeichnet – man beraubt sich und sein Gegenüber jeder Möglichkeit zum Gespräch.

Bei einer Demonstration gegen Corona-Beschränkungen hält ein Demonstrant in gestreifter Kleidung, die der Uniform eines KZ-Häftlings nachempfunden ist ein Plakat mit dem Aufschrift «Maske Macht Frei" eine Anspielung auf den Spruch im Torbogen des Vernichtungslagers Auschwitz, «Arbeit macht frei».
Bei einer Demonstration gegen Corona Bildrechte: dpa

Lagerbildung

Natürlich weiß ich: All das, was gerade an Konflikten aufbricht, war lange da. Die Lager, die sich gegenüberstehen, formieren sich den Anlässen entsprechend ständig neu, Zugehörigkeiten wechseln und sind dadurch unübersichtlicher geworden. Dass der digitale Raum, in dem diese Schlachten hauptsächlich geschlagen werden, zu dieser Unerbittlichkeit beiträgt, ist sattsam bekannt.

Unverständlich allerdings finde ich den neuerdings immer wieder aufploppenden Wunsch nach 'ein bisschen Diktatur' – und sei es auch nur im Sinne der Gesunderhaltung. Der biografische Anteil in meinem Leben, der von politischem Diktat geprägt war, lässt mich an dieser Stelle hellhörig werden. Sicherheit gegen Freiheit aufzuwiegen hat Folgen. Ob es die Reaktion auf die RAF oder den 11. September 2001 war, der gesellschaftliche Schock zog Verordnungen und Gesetze nach sich, die von dauerhaftem Bestand sind und die politischen Rahmenbedingungen verändert haben.

Great Reset

Die erste Stillstandserfahrung vor einem Jahr war für manche verbunden mit der utopischen Vorstellung eines grundlegenden Wertewandels. Beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos in diesem Winter sprachen die Eliten dieser Welt vom GREAT RESET, aber ob sie dieselbe Utopie vor Augen hatten – ich weiß es nicht.

Was die Pandemie in uns für Spuren hinterlässt, kann ich nur vermuten. Wie lange wird es brauchen, ehe man sich wieder die Hände reicht, sich umarmt, sich nahe kommt und sich unbedenklich nebeneinander niederlässt? Das Theater, in dem ich arbeite, baut auf solche Verbindlichkeit, an seine ausschließlich Verbreitung im Netz, da mag ich altmodisch sein, glaube ich nicht. Nähe wiederum bedarf der Angstfreiheit und (im Umkehrschluss zu den Ausschlussdebatten, die das soziale Klima prägen) des Verständnisses. Vielleicht darum sind mir die Zeilen der Dichterin Mascha Kaleko so wichtig geworden:

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.
Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein
Und halte den Koffer bereit.

Mascha Kaleko

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. März 2021 | 08:10 Uhr

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