"wie kriegen wir mehr öko in die nomie" Kunstfest Weimar rüttelt auf: Theater über Klimakrise und Weltende

Rechtextremismus, Migration, Klimawandel: Das Kunstfest Weimar stellt sich den Herausforderungen der Gegenwart. Auch der Schriftsteller Thomas Köck beschäftigt sich seit Jahren mit der Klimakrise und erzählt in seinem neuen Text "Und alle Tiere rufen: Dieser Titel rettet die Welt auch nicht mehr" vom Aussterben. Marie Bues inszeniert das Stück als Live-Hörspiel. Das hat einige Längen, entwickelt dann aber genug Intensität um den Wunsch zu wecken, die Welt doch noch zu retten.

Impressionen eines Kunstfestes
"Und alle Tiere rufen: Dieser Titel rettet die Welt auch nicht mehr" ist eine einstündige Anklage. Bildrechte: Candy Welz/Kunstfest Weimar

"Das hier ist kein Theaterstück", heißt es gleich im ersten Teil dieses Abends. Die Schauspielerin Astrid Meyerfeldt steht an einem Mikrofonständer. Sie trägt eine weiße Bluse und hält mehrere Zettel in der linken Hand.  

Impressionen eines Kunstfestes
Bei dieser Premiere passiert nur wenig auf der Bühne. Bildrechte: Candy Welz/Kunstfest Weimar

Der Satz hat gleich mehrere Bedeutungen: Zum einen ist dieses "Requiemmanifesto", wie Thomas Köck seinen Text im Untertitel nennt, kein Theaterstück mit fiktiven Figuren und einer erfundenen Handlung. Stattdessen reiht der Autor Namen von ausgestorbenen Tieren aneinander und berichtet, wie die Menschen sie ausgerottet haben. Zum anderen verzichtet Marie Bues in ihrer Inszenierung von "Und alle Tiere rufen: Dieser Titel rettet die Welt auch nicht mehr" auf fast alles und lässt das Ensemble eine Art Hörspiel sprechen, die szenische Lesung einer Anklage der Ausgerotteten. Dafür wird dem Publikum am Eingang blauleuchtende Funk-Kopfhörer ausgeteilt, aus denen Operngesang zu hören ist.  

Hörtheater in Weimar

Die Bühne wirkt verlassen. Es scheint, als wäre die Theatertruppe mitten den Abbau-Arbeiten verschwunden. Bühnenausstatter Frank Holldack hat im Hintergrund Kästen mit Ausrüstung stehen lassen. Eine riesige Schiene mit einem weißen Tuch hängt noch halb in der Luft und liegt halb auf der Bühne. Rechts daneben steht ein Schlagzeug und auf beiden Seiten der Bühne erheben sich zwei riesige schwarze Bauten. Das Licht wird dunkler und im Publikumssaal leuchten nur noch die blauen Kopfhörer – eine Stimmung wie im leeren Weltraum. Während es auf der Bühne noch still bleibt, ist schon eine Stimme aus den Kopfhörern zu hören.

Impressionen eines Kunstfestes
Immer wieder unterbricht das Schlagzeug die Textschleifen. Bildrechte: Candy Welz/Kunstfest Weimar

Die Theaterwelt von Thomas Köck scheint entvölkert zu sein. Der österreichische Autor beschäftigt schon länger mit dem Thema Klimawandel. Doch die verlorenen Gestalten und die Materialfluten seiner gefeierten "Klimatrilogie" gehören in die Vergangenheit. Die Idee der Inszenierung von Marie Bues scheint Verzicht zu sein: Die Frage "Why do we choose extinction?" (Warum haben wir uns für die Auslöschung entschieden?) kann man nicht mit einer Materialschlacht auf der Bühne stellen. Die Regisseurin verlässt sich stattdessen auf den Text. Die Schauspieler stehen still an einer Stelle auf der Bühne, halten den Text in den Händen und sprechen ins Mikrofon. Im Raum wirken ihre Stimmen dünn und leise, deutlich klingen sie aus den Kopfhörern und werden manchmal mit sphärischen Sounds unterlegt.

Verpasste Zukunft

In "Und alle Tiere rufen" spricht nun ein Chor der Erinnerung: Die Stimmen erinnern daran, welche Tiere noch über die Welt gewandelt wären, wenn sie nicht vor ihrer Zeit ausgerottet worden wären. Sie erinnern an eine Zukunft, die auch den Menschen durch die Klimakrise abhandengekommen ist und an das Wirtschaftssystem, das das verursacht hat und das wir nicht aufhalten konnten.

Impressionen eines Kunstfestes
Bildrechte: Candy Welz/Kunstfest Weimar

das hier
ist die erinnerung
an das ende
des kapitalismus
der schon tot vor uns zutage liegt
aber keiner rührt es an
dieses zombifizierte
wirtschaftssystem

aus: "Und alle Tiere rufen: Dieser Titel rettet die Welt auch nicht mehr"

Langsame Steigerung

Anfangs plätschert der Abend vor sich hin. Gerade in der ersten Hälfte der Inszenierung entstehen einige Längen. Wenn Mantra-artig wiederholt wird, dass schon alles verloren ist, dass wir den selbstgewählten Kurs in den Untergang nicht mehr ändern können, fragt man sich, wozu dann überhaupt noch ein Stück darüber schreiben. Nur das Schlagzeug rüttelt das Publikum immer wieder auf.

Impressionen eines Kunstfestes
Im Laufe das Abends wird die Stimmung immer angespannter. Bildrechte: Candy Welz/Kunstfest Weimar
Impressionen eines Kunstfestes
Nico Link erzählt von einem verzweifelten PR-Berater. Bildrechte: Candy Welz/Kunstfest Weimar

Doch dann nimmt die Intensität zu, das ist vor allem der schauspielerischen Leistung zuzuschreiben. Die Verzweiflung in der Stimme von Sarah Sophia Meyer wird immer größer. Dann taucht Nico Link hinter dem Vorhang auf und erzählt von einem PR-Berater: "Wie kriegen wir denn endlich ein bisschen Öko in die Nomie?", fragt er und verzweifelt, weil ihm "die Kalauer für die Regierung ausgehen". Link gelingt es, das gehetzte dieses PR-Beraters zu zeigen und gleichzeitig die Distanz zu wahren – immerhin blickt auch er aus der verlorenen Zukunft auf die Fehler der Gegenwart. Schließlich tritt Astrid Meyerfeldt auf und lässt die Parade der ausgestorbenen Tiere wieder vorbeiziehen, die nur den Kopf schütteln können über das Menschenzeitalter.

Stimmiges Gesamtbild

So wirkt die Inszenierung auch nicht mehr wie Arbeitsverweigerung (auch bei einem Live-Hörspiel ist mehr denkbar), sondern wie die einzige Möglichkeit das Ende der Menschheit zu bebildern: als ein Möglichkeitsraum in den Köpfen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Die Menschheit hat so viele Arten von der Welt verschwinden lassen, dass die Bühne nur leer bleiben kann. Was noch bleibt, ist die trockene, aber laute Anklage.

Impressionen eines Kunstfestes
Der Theaterabend findet zu großen Teilen in den Kopfhörern. Bildrechte: Candy Welz/Kunstfest Weimar

Der Abend "Und alle Tiere rufen: Dieser Titel rettet die Welt auch nicht mehr" braucht Zeit, um eine Dringlichkeit zu entwickeln, die dann aber umso mehr trifft. Wie Irrlichter leuchten die blauen Kopfhörer im Saal. In Zukunft sind sie vielleicht Überreste einer Menschheit, die verschwunden sein wird. Doch noch sitzen sie auf den Ohren von Menschen, die diese Anklage nicht hinnehmen wollen und doch noch etwas ändern möchten. In diesem Sinne hat der Titel vielleicht doch geholfen, die Welt zu retten.

Weitere Informationen "Und alle Tiere rufen: Dieser Titel rettet die Welt auch nicht mehr" von Thomas Köck

Regie: Marie Bues
Bühne: Frank Holldack
Mit: Astrid Meyerfeldt, Sarah Sophia Meyer, Nico Link, Janus Torp

Weitere Termine:
29. August, 5. und 6. September, jeweils um 20.30 Uhr

Am 29. August überträgt Deutschlandfunk Kultur das Stück als Live-Hörspiel in der Regie von Anouschka Trocker.

Theater in Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. August 2021 | 07:10 Uhr

Abonnieren