Aufarbeitung NSU-Projekt beim Kunstfest Weimar: Theater-Parcours durch den Prozess

Im Jahr 2011 hat sich die rechtsextreme Terror-Gruppe NSU in Eisenach enttarnt. Wie groß ihr Netzwerk war und ist, blieb unklar. Wie verworren und aktiv diese rechtsextremen Kräfte immer noch sind, hat sich auch bei der Gerichtsverhandlung in München gezeigt. Beim Kunstfest Weimar will der Regisseur Nuran David Çalış mit der Performance "438 Tage NSU-Prozess – eine theatrale Spurensuche" zeigen, wie komplex und aktuell das Thema immer noch ist. In 17 Kapiteln an 17 Tagen.

Es herrscht noch einiges Durcheinander im Alten Funkhaus im Südwesten von Weimar: Am Eingang liegen Bretter und Sägespäne auf dem Boden. Im Foyer stehen große Bilder von Verhandlungen an den Wänden, Requisiten und Ausstattung sind überall verteilt. In den weiteren Räumen sind die Wände jedoch ganz kahl, Kabel hängen von der Decke. Im Aufnahmesaal wurde ein Verhandlungssaal aufgebaut: Abgestufte Tische bilden einen Halbkreis. In der Mitte steht der Tisch für die Zeugen auf einer Drehscheibe.

Das Alte Funkhaus ist eines der architektonischen Überreste der Nazi-Diktatur in der Klassik-Stadt Weimar. Als Erweiterung des benachbarten Nietzsche-Archivs sollte eine Gedächtnishalle für den Philospophen entstehen, der für die Ideologie der Nazis so wichtig war. Nach Ende des Krieges wurde das Gebäude als Rundfunkhaus und Studio genutzt. Dass in dem seit einiger Zeit ungenutzen Haus nun ein Theaterprojekt gegen Rechts entstehen soll, bezeichnet Regisseur Nuran David Çalış als Intervention.

438 Tage NSU-Prozess beim Kunstfest Weimar
Die Täter bleiben unerkannt, auch in dieser Aufarbeitung. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Auf Spurensuche in Weimar

Çalış beschäftigt sich in seinen Film- und Theaterarbeiten immer wieder mit den Themen Rechtsextremismus in Deutschland und Rassismus. Die Idee für das Projekt "438 Tage NSU-Prozess" kam allerdings nicht von ihm, sondern vom Kurator des Weimarer Kunstfestes, Rolf Hemke. "Wir wollten den Menschen Möglichkeit geben, sich selber mit der Materie auseinanderzusetzen und sich mit uns zu fragen, was es überhaupt bedeutet, dass es einen solchen Prozess geben musste", erklärt der künstlerische Leiter. Die Idee des Projektes ist es, den Prozess nachzuspielen und so Einblicke zu ermöglichen, die vielen Menschen verwehrt waren. Immerhin fand die Verhandlung gegen die Überreste des NSU unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne ordentliche Dokumentation statt.

438 Tage NSU-Prozess beim Kunstfest Weimar
In einem Raum hängt eine Nachbildung des Verhandlungssaals des NSU-Prozesses. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Während des Prozesses gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), wie sich die Rechtsterroristen selbst nannten, war Hemke selbst zweimal am Verhandlungsort München. Er erzählt, wie er dort Zeuge einer Diskussion zwischen zwei Prozessbeobachtern wurde, die auch erschreckende Fragestellungen beinhalteten. "Die Rolle des Verfassungsschutzes ist so widersprüchlich und schwierig", erklärt Hemke. "Dazu muss man sich verhalten. Dieses Projekt ist der Versuch, gemeinsam darüber nachzudenken." Der zehnte Jahrestag der Enttarnung des NSU war für das Kunstfest Weimar, wie für viele Kunstschaffende und Institutionen ein guter Anlass.

Parcours durch einen Prozess

438 Tage NSU-Prozess beim Kunstfest Weimar
Einschusslöcher stehen für die mehr als 200 rechten Tötungsdelikte in Deutschland seit 1990. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Nuran David Çalış war von dem Vorschlag begeistert, weil es etwas Neues war. "Ich finde es schade, dass unsere Gesellschaft so strukturiert ist, dass diejenigen Aufklärungsarbeit die leisten müssen, die von Rassismus betroffen sind. Aber hier war der glückliche Umstand, dass das Kunstfest auf uns zugekommen ist." Denn meistens müssen Kunstschaffende wie Çalış mühevoll bei den Institutionen für ihre Projekte werben. Und der Regisseur wird nicht müde, Aufklärungsarbeit zu leisten. Für ihn ist das Thema noch nicht abgeschlossen: "Das Urteil ist gesprochen. Aber ich glaube, dass jetzt eine andere Form von Aufarbeitung stattfinden muss, in der breiten Gesellschaft und auf verschiedene Bereiche verteilt." Er betont, dass sich seit der öffentlichen Aufdeckung des NSU der Anschlag in Halle, der Terror in Hanau und die Ermordung von Walter Lübke ereignet haben. Auch das spielt in dem Projekt eine Rolle.

438 Tage NSU-Prozess beim Kunstfest Weimar
Gleich am Eingang sind die Gesichter der Mordopfer zu sehen. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Mit den Holzbrettern am Eingang der Spielstätte wird eine Deutschlandkarte nachgebaut. Jedes Loch auf der roten Fläche steht für eine rechtsextreme Gewalttat mit Todesfolge. Im Gang dahinter hängen riesige Prospekte von der Decke und verhindern ein zielstrebiges Durchlaufen. Die Besucherinnen und Besucher müssen in die Gesichter der zehn Mordopfer des NSU schauen. Ausstatterin Irina Schicketanz hat mit einer Sprühtechnik gearbeitet. Dabei hat sie mit so viel Druck gearbeitet, dass die Konturen der Gesichter ausfransen. Der Druck sollte spürbar werden, erzählt die Künstlerin. Während die Opfer gleich zu Beginn gezeigt werden, bleiben die Täter in den Bildern aus der Verhandlung Leerstellen und Schatten.

In einem Raum, der im Konzept der Recherche-Raum genannt wird, kommt das Team zusammen. Sie überlegen gemeinsam, wie sie den Raum gestalten wollen. Videokünstlerin Kate Ledina zeigt Zusammenschnitte von Interviews mit Betroffenen des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße, die Çalış geführt hat. Vivan Bhatti spielt seine Soundcollagen vor und Irina Schicketanz erklärt, dass sie mit Glassplittern auf dem Tisch Lichteffekte im Raum erzeugen will. Çalış scheint noch nicht überzeugt. Nach kurzer Diskussion finden sie eine erste Lösung: Schlagzeilen an den Zimmerwänden und in der Soundcollage erzählen von angeblichen Verbindungen der Opfer ins Drogenmilieu. Ein Video, das auf den Tisch projiziert wird, zeigt ein Überwachungsvideo des Täters. Eine Diskrepanz, die nach Çalış' Meinung schon früher hätte auffallen können.

438 Tage NSU-Prozess beim Kunstfest Weimar
Das Team um Regisseur Nuran David Çalış denkt über die Gestaltung des Rechercheraums nach. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Kultur

Seit 2014 erinnert ein Mahnmal an die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda. mit Audio
Seit 2014 erinnert ein Mahnmal an die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda. Wer Näheres über die Ereignisse erfahren möchte, muss allerdings erst einen QR-Code einscannen. Im Hintergrund steht der restliche Block des Vertragsarbeiterwohnheims. Bildrechte: ohne Angabe

Münchener Prozess in Weimar

Einige Schritte weiter ist dann der eigentliche Spielort: der Gerichtssaal. Zwei Tage vor der Premiere ist jedoch noch kaum etwas los: Techniker schrauben noch einige Kameras an die Wände. Einzelne Mitarbeiterinnen sitzen an den Tischen. Durch eine Tür an der Seite geht es zum Schnittraum, wo Çalış auch an den Aufführungstagen sitzen wird. Er testet gerade die Technik – wie er zoomen, schwenken und die Kamera wechseln kann. Çalış ist begeistert, wie gut alles funktioniert. "Das wird großartig", wiederholt er immer wieder. Dann probiert das Team noch aus, wie sie Fotos und Texteinblendungen dazuschalten kann. Das Publikum vor Ort kann live zusehen, wie eine Art Dokumentation entsteht. Per Livestream werden die Bilder dann auch im Internet übertragen. So soll jeder ohne große Schwierigkeiten der Aufarbeitung des rechten Terrornetzwerkes beiwohnen können.

438 Tage NSU-Prozess beim Kunstfest Weimar
Regisseur Nuran David Çalış führt selbst die zahlreichen Kameras im Saal. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Dass kaum etwas los ist auf der Bühne, so kurz vor der ersten Aufführung, ist in gewisser Weise Teil des Konzeptes. Jeder Abend wird erst am Tag selbst entwickelt und geprobt. Nuran David Çalış hat zusammen mit Tunçay Kulaoğlu und mit Hilfe von NSU Watch, die beim Prozess inoffiziell Protokoll führten, eine Textfassung erarbeitet. Anstatt der Reihenfolge des Prozesses zu folgen, haben sie Aussagen in die Abfolge der Taten gebracht. Ein Aufführungstag ist somit den Aussagen zu einem Mord oder einem Anschlag gewidmet – so soll das Publikum jeden Tag einen guten Einstieg bekommen können.

438 Tage NSU-Prozess beim Kunstfest Weimar
Vor den Augen des Publikums entsteht eine Videodokumentation. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Die Texte lesen Angehörige von Opfern, Bürger, Künstler und Politiker

Gesprochen werden die Texte in den seltensten Fällen von professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern. Politikerinnen und Politiker wie Kulturminister Immanuel Hoff (Die Linke) und Christine Lieberknecht (CDU) sind eingeladen, Kunstschaffende wie Deniz Utlu oder Hatice Akyün, Angehörige von Opfern und engagierte Bürgerinnen und Bürger aus Jena und Weimar übernehmen einzelne Texte. Günter Krause beispielsweise arbeitet in Weimar als Familientherapeut und liest in einem der letzten Aufführungstage einen Text des Anwalts der Familie Kiesewetter. Auch Krause ist der Meinung, dass mehr Beschäftigung mit dem Thema in der Gesellschaft wichtig ist. Aber es geht ihm auch darum, es selbst besser zu verstehen. "Wenn man den Text nicht nur runterlesen will, dann muss man die Sitution besser verstehen. Man bekommt durch das Lesen einen emotionaleren Zugang zu dem Komplex."

Die Mitwirkenden kommen am jeweiligen Vormittag zum Weimarer Spielort und stellen den Abend einmal durch. Mehr Proben soll es nicht geben. "Das würde das ja verfälschen", erklärt der Regisseur. Er spricht auch nicht von einem Theaterstück, sondern von einem Re-Enactment. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen sehen können, was der NSU getan hat, was beim Prozess passiert ist und wie Menschen aus dem Alltag diesen Aussagen begegnen.

Nuran David Çalış geht es nicht darum, in Weimar große Kunst schaffen. Er will aufklären. Gleichzeitig hält er nichts von pädagogischen Ansätzen: Er weiß, dass er keine Nazis oder auch nur Uninteressierte ins Theater locken kann. "Aber selbst wer das Herz am linken Fleck hat, weiß ja zu wenig", meint der Künstler. Die meisten Menschen hätten einfach nicht die Kraft oder die Zeit, sich durch diesen Komplex zu arbeiten. Das NSU-Projekt beim Kunstfest Weimar soll da ein Angebot sein.

Weitere Informationen "438 Tage NSU-Projekt – eine theatrale Spurensuche"
Dokumentarisch-performatives Reenactment des NSU-Prozesses am OLG München

Team:
Regie und Video: Nuran David Çaliş
Dramaturgie: Tunçay Kulaoğlu
Bühne: Irina Schicketanz
Kostüme: Sara Drasdo
Musik: Vivan Bhatti
Mit: Rosa Falkenhagen, Sebastian Kowski, Nadja Robiné, Krunoslaw Šebrek u. a.

Termine und Themen:
25. August, 20.30 Uhr: "Anschlag Kneipe Sonnenschein"
26. August, 18 Uhr: "Mord an Enver Şimşek"
27. August, 18 Uhr: "Anschlag Probsteigasse"
28. August, 18 Uhr: "Mord an Abdurrahim Özüdoğru"
29. August, 18 Uhr: "Mord an Süleyman Taşköprü"
30. August, 18 Uhr: "Mord an Habil Kılıç"
31. August, 18 Uhr: "Mord an Mehmet Turgut"
2. September, 18 Uhr: "Anschlag Keupstraße"
3. September, 18 Uhr: "Anschlag Keupstraße"
4. September, 18 Uhr: "Mord an Ismail Yaşar"
5. September, 18 Uhr: "Mord an Theodoros Boulgarides"
6. September, 18 Uhr: "Mord an Mehmet Kubaşık"
7. September, 18 Uhr: "Mord an Halit Yozgat"
8. September, 18 Uhr: "Mord an Halit Yozgat"
9. September, 18 Uhr: "Mord an Michèle Kiesewetter"
10. September, 18 Uhr: "Mord an Michèle Kiesewetter"
11. September, 18 Uhr: "Das Urteil"

Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex

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Theater in Weimar

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. August 2021 | 08:40 Uhr

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