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Im Rahmen des Festivals für Neues Musiktheater wird auch die Operntradition kritisch auseinander genommen. Bildrechte: Candy Welz

"Passion :SPIEL"DNT Weimar startet Festival für innovatives Musiktheater

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR-Korrespondentin für Thüringen

Stand: 10. März 2022, 15:14 Uhr

Mit "Passion :SPIEL" rufen die Operndirektorin des Deutschen Nationaltheaters Weimar, Andrea Moses, und der leitende Dramaturg, Michael Höppner, die "Weimarer Wochenenden für aktuelles Musiktheater" ins Leben. Das Festival soll jährlich stattfinden und den Spielplan mit innovativen Formen des Musiktheaters und zeitgenössischer Musik bereichern. Vom 10. bis 19. März 2022 feiert "Passion :SPIEL" mit vier Neuproduktionen und drei Gastspielen im Weimarer e-werk Premiere.

Im 19. Jahrhundert war die Oper the place to be. Eine Uraufführung reihte sich an die nächste und Komponisten wie Wagner, Bizet und Rossini kamen groß heraus. Heute sind ihre Werke Klassiker, die immer noch die Spielpläne dominieren. Zeitgenössisches Musiktheater hat es hingegen schwer. Ein Umstand, den Dramaturg Michael Höppner mit dem Festival "Passion :SPIEL" ändern will: "Das Publikum zu unterhalten und ein Bedürfnis [für Musiktheater] zu kreieren – ich glaube, das geschieht nur übers Machen."

Weimarer Wochenenden für aktuelles Musiktheater im e-werk

Zwei vollgepackte Theaterwochenenden werden in der Außenspielstätte e-Werk, einer ehemaligen Fabrikhalle, stattfinden. Auf dem Programm steht etwa "Stimmung" von Karlheinz Stockhausen als Musiktheater, ein Gastspiel des Opera Lab Berlin. Oder auch "Europera 5" von John Cage.

Veranstaltungsort des Musiktheater-Festivals ist das e-werk in Weimar. Bildrechte: dpa

Es sind durchaus bekannte Namen des Neuen Musiktheaters, die "Passion :SPIEL" versammelt. Dafür habe man sich bei der ersten Ausgabe dieses Festivals ganz bewusst entschieden, so Festivalchef Höppner: "Es sind viele Meisterwerke des neuen Musiktheaters dabei. Probierte Stücke, die zu wenig gespielt werden, aber im Repertoire sind. Diese kann man einem Publikum das erste Mal vorstellen und es damit einladen, sich auf das neue Musiktheater einzulassen."

"Europera 5" gehört zu einem der wenigen Musiktheaterstücke von John Cage, die immer wieder gezeigt werden. Bildrechte: Candy Welz

Bellinis Oper "Norma" neu interpretiert

Doch auch wenn keine ganz neuen Stücke, oder gar Uraufführungen dabei sind, bleibt der Anspruch, dem Gezeigten eine besondere Handschrift zu verpassen. Julia Lwowski vom experimentellen Musiktheaterkollektiv "Hauen und Stechen" hat sich Vincenzo Bellinis Oper "Norma" vorgenommen. Da diese in der Originalfassung fast drei Stunden dauert, hat Lwowski eine gekürzte Musiktheaterséance erarbeitet.

Die Figur der Norma aus der gleichnamigen Oper von Vicenzo Bellini eigne sich gut, um Frauenfiguren in der Oper auseinanderzunehmen. Bildrechte: Candy Welz

In Norma geht es um eine gallische Hohepriesterin, die mit einem römischen Konsul, dem Feind also, zwei Kinder hat und diese versteckt. Dann erfährt sie, dass ihr Liebhaber eine Neue hat, ihre Novizin ist an ihre Stelle getreten. Für Lwowski, die sich viel mit Frauenfiguren und Opferrollen in der Oper beschäftigt, ein guter Ausgangsstoff: "Es gibt einen unendlichen Reigen von armen, traurigen Frauen, die leiden, sterben oder als Märtyrerin, Heilige oder glorifizierte Opfer daher schwimmen." Das Stück "Norma" eigne sich besonders gut, um diese Rollenbilder aufzubrechen, so Lwowski.

In der originalen Fassung bekommt Norma am Ende Mitleid mit ihrem Verflossenen und dessen neuer Freundin, und geht selbst auf den Scheiterhaufen. In Lwowskis Adaption wird das nicht so sein, verrät sie, schweigt sich aber über das alternative Ende aus.

Neuer Zugang zu Spätwerk von John Cage

Auch Michael Höppner, der Cages "Europera 5" inszeniert, findet bei dieser Performance mit Gesang, Klavier, Grammophon, Licht und Zufallsgenerator einen neuen Zugang: "Cages 'Europera' ist eigentlich die Abstraktion und die Zerlegung des klassischen Operngenres, über das er sich auch lustig macht. Jetzt, 30 Jahre nach Cage, habe ich mit den Sängerinnen und dem Pianisten eine Geschichte entwickelt, in der Cage sozusagen der Inbegriff des Post-Dramatischen, Post-Narrativen oder Nicht-erzählerischen Musiktheaters ist. Wir benutzen das, um fast wieder opernhafter damit umzugehen."

Cages "Europeras" sind nicht nur Kritiker sondern auch Feier der Oper. Bildrechte: Candy Welz

Diese Kunstform darf auf keinen Fall aussterben.

Julia Lwowski, Künstlerin

An den Produktionen des Festivals sind Ensemblemitglieder des Deutschen Nationaltheaters genau so beteiligt wie Akteurinnen und Akteure der Freien Szene und der Musikhochschulen in Weimar und Leipzig. Auch das soll für die nötige Energie sorgen, um Neues zu schaffen und dem Genre Musiktheater damit eine Zukunft zu bereiten, so Julia Lwowski: "Wir versuchen eine Art Befreiungsschlag für die Gattung Oper, weil es uns einfach extrem naheliegt, dass diese Kunstform auf gar keinen Fall stirbt, sondern weiter lebt!"

Vom 10. bis 19. März geht "Passion :SPIEL" im e-Werk über die Bühne. Schon jetzt steht fest, dass dies nur der Auftakt für ein neues, jährlich stattfindendes Festival in Weimar ist.

Mehr Informationen

"Passion :SPIEL" — Weimarer Wochenenden für aktuelles Musiktheater (10. bis 19. März 2022)

e-Werk
Am Kirschberg 4, 99423 Weimar

Festivalleitung und Kuration: Michael Höppner, Andrea Moses
Musikalische Gesamtleitung: Dominik Beykirch
Raumbühne: Martin Miotk
Produktionsleitung: Mareike Hage

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 10. März 2022 | 08:10 Uhr