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Das Deutsche Nationaltheater Weimar zeigt die Oper "Caligula" von Detlev Glanert frei nach Albert Camus. Bildrechte: Candy Welz

PremiereDNT Weimar zeigt "Caligula" als Kaiser, Tyrann und Opernheld

von Joachim Lange, MDR KULTUR

Stand: 14. Februar 2022, 15:09 Uhr

In Weimar ist seit dem 12. Februar die Oper "Caligula" unter Leitung von Detlev Glanert frei nach Albert Camus zu sehen. Nach dem Tod seiner Schwester verliert der römische Kaiser Caligula jeden Bezug zur Realität. Immer mehr Menschenleben fallen seiner fortschreitenden Tyrannei zum Opfer bis er schließlich ermordet wird. Die Oper nimmt Bezug auf das aktuelle politische Geschehen und ist damit trotz des vermeintlich alten Stoffs von größter Relevanz. Ein durch und durch gelungenes Stück, findet unser Kritiker.

Der Komponist Detlev Glanert war da und offenkundig hochzufrieden. Der Saal war auf Lücke, aber gut gefüllt. Das Ensemble und die Kapelle in Hochform. So wie jetzt in Weimar kann man eine neuere Oper "verkaufen" als wäre es "Elektra" oder "Salome". In Glanerts Vierakter geht es aber nicht um eine aus der Bahn geratene Frau, sondern um einen berühmt berüchtigten Kaiser: Caligula, von 37-41 auf dem Caesarenthron und von der Geschichtsschreibung mit einem Ruf bedacht, gegen den eine differenziertere Sicht kaum eine Chance hat. Nero hat Rom angezündet und Caligula war verrückt. Das weiß jeder. Punkt.

Libretto von Hans-Ulrich Treichel frei nach Camus

Glanerts vor 16 Jahren in Frankfurt uraufgeführte Oper, deren Librettist Hans-Ulrich Treichel Albert Camus Vorlage folgt, stellt das auch nicht in Frage. Aber er spürt einer absurden Logik im Handeln Caligulas nach. Gleichwohl müssen viele mitspielen und willige Vollstrecker sein. Glanert versetzt sich und uns in den Kopf des Tyrannen. 

Oleksandr Pushniak als Caligula mit dem Opernchor des DNT Weimar. Bildrechte: Candy Welz

Für den musiktheateraffinen Hans-Werner-Henze-Schüler ist der Aufschrei der Verzweiflung über den Tod der geliebten Schwester Drusilla mit dem der Abend beginnt, kein Ausweichen vor einer Musik des Wahnsinns, sondern deren Auftakt. Denn hier hat einer die Freiheit der Macht, sich in seiner Trauer und Verzweiflung auszutoben. Die, die gerade davon kommen, sehen einfach weg, wenn an der kaiserlichen Tafel eine Senatorin-Gattin vergewaltigt oder mal eben ein Todesurteil verhängt wird. Faszinierend ist der historische Caligula als Opernheld weil er etwas Exemplarisches hat.

Donald Trump als Vorbild der Hybris

Regisseur Dirk Schmeding nutzt für seine atmosphärisch packende, klug konzentrierte Inszenierung den vorigen US-Präsidenten der Vereinigten Staaten als Beispiel: das Basecape, der Golfschläger, die Entschlossenheit in ein Paralleluniversum von alternativen Wahrheiten auszuwandern. Es ist schlichtweg verblüffend, wie Glanerts Oper an Relevanz zugelegt hat.  

"Caligula" am DNT Weimar: Der Kaiser umgeben von seinen Beratern. Bildrechte: Candy Welz

Gemeint ist aber "Immer und Überall". Nachdem der präsidentiale Kaiser seine Golfbälle geschlagen hat (vom Kopf seines liegenden Lustsklaven Helicon) wird das Politische zum Exemplarischen. Die Bühne von Ausstatterin Martina Segna bringt mit ihrer atmosphärischen Dunkelheit das Innere auf den äußeren Punkt. Mal liegen Felsbrocken herum. Mal schweben Ballons wie Gestirne herum oder es quillt der Schaum aus einem Pool.

Caligula in Weimar: Komödie mit bösem Witz

Dabei sieht alles nach Gegenwart aus. Die Männer mit Anzug und Krawatte. Die Geliebte im langen Kleid. Der Sklave Helicon auch mal fast ohne. Der Irrsinn hat dabei auch bösen Witz. Wenn Caligula unbedingt den Mond besitzen will, ist seine Freiheit doch die, das Unmögliche zu wollen. Oder wenn er sich im Schaumbad selbst als Göttin Venus (im Falsett singend) anhimmeln lässt, grüßt nicht nur Botticelli, sondern auch die Komödie.

Am Ende raffen sich die Senatoren dann doch auf, dem Treiben ein Ende zu machen. Caligula erwartet die mit Golfschlägern nahenden Tyrannenmörder mit ausgebreiteten Armen. 

Sänger und Opernchor des DNT begeistern

Bariton Aleksandr Pushniak ist als Caligula das vokale und darstellerische Kraftzentrum des fabelhaften Ensembles. Mit imponierender Präsenz verkörpert er auf der Bühne, was aus dem Graben flutet. An seiner Seite besticht der junge holländische Countertenor Gerben van der Werf als Helicon ebenso wie Mezzosopranistin Jelena Kordić als souveräne Caesonia. Bei den Gegnern profiliert sich vor allem Avtandil Kaspeli als Cherea. Sie alle (inklusive Chor) nutzen Glanerts Steilvorlage für vokale Sinnlichkeit und deutliches Parlando.  

Jelena Kordic als Caesonia und Gerben van der Werf als Helicon. Bildrechte: Candy Welz

Andreas Wolf und die Staatskapelle Weimar laufen dabei, in den reinen Orchesterpassagen und beim Herzschlag des Bösen, im Graben zur Hochform auf. Keine Angst vor "neuer" Musik. Glanert ist einer von den Guten. Dem DNT ist mit "Caligula" ein Wurf gelungen, der entsprechend bejubelt wurde.

Angaben zur Inszenierung

"Caligula": Oper von Detlev Glanert frei nach Albert Camus
Libretto von Hans-Ulrich Treichel
Mit dem Opernchor des DNT. Es spielt die Staatskapelle Weimar.

Künstlerischer Stab:

  • Andreas Wolf (Musikalische Leitung)
  • Dirk Schmeding (Regie)
  • Martina Segna (Bühne)
  • Frank Lichtenberg (Kostüme)
  • Andreas Günther (Who-be) (Video)
  • Yavor Minchev (Live-Kamera)
  • Judith Drühe (Dramaturgie)
  • Jens Petereit (Choreinstudierung)


Besetzung:

  • Oleksandr Pushniak (Caligula)
  • Jelena Kordić  / Marlene Gaßner (Caesonia)
  • Gerben van der Werf (Helicon)
  • Avtandil Kaspeli (Cherea)
  • Joanna Jaworowska (Scipio)
  • Alexander Günther (Mucius)
  • Uwe Schenker-Primus (Mereia)
  • Daniel Nicholson (Lepidus)
  • Ylva Sofia Stenberg (Livia)
  • Andreas Koch (1. Dichter)
  • Klaus Wegener (2. Dichter)
  • Nathaniel Kondrat (3. Dichter)


Termine 2022:

  • 25. Februar I 19:30 Uhr
  • 6. März I 18 Uhr
  • 26. März I 19:30 Uhr
  • 14. April I 19:30 Uhr
  • 28. April I 19:30 Uhr
  • 6. Juni I 18 Uhr

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | MDR KLASSIK | 12. Februar 2022 | 20:05 Uhr