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Am DNT Weimar feierte Shakespeares Tragödie "Othello" Premiere. Bildrechte: Candy Welz

Politisches TheaterRassismus früher und heute: Shakespeares "Othello" am DNT Weimar

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR

Stand: 26. November 2022, 12:49 Uhr

Shakespeares "Othello" hat es in letzter Zeit schwer auf deutschen Theaterbühnen. In der Vergangenheit hat das Stück Debatten um Blackfacing und Rassismus ausgelöst. Nun hat Regisseur Adewale Teodros Adebisi das Stück am DNT Weimar inszeniert – als politisches Theater auf der Höhe der Zeit. Er setzt die alte Geschichte von rassistisch grundiertem Hass, Eifersucht und Intrige mit den heutigen gesellschaftlichen Diskursen ins Verhältnis. Das Ergebnis: Ein großer Theaterabend.

Es ist eine Tragödie mit dem Othello. Der Tragödie von William Shakespeare, die es in letzter Zeit ziemlich schwer hat auf deutschen Theaterbühnen. Aus Gründen der politischen Korrektheit. Das beginnt mit dem Originaltitel des Stücks und endet an vielen Theatern mit der Besetzung der Titelrolle. Wer darf ihn überhaupt spielen, den Othello? Wenn man keinen schwarzen Schauspieler im Ensemble hat. Blackfacing ist inzwischen ein No-Go.

DNT Weimar holt "Othello" ins Heute

Das Deutsche Nationaltheater in Weimar hat auf einen souveränen Umgang mit dem Gesamtpaket Othello gesetzt, das alte Eifersuchts-Drama ins Heute geholt und die angedeuteten politischen Korrektheits-Aufreger gleich mit thematisiert. Und damit die Zuschauer das auch gleich schnallen, steigt Jago ganz heutig ein. Er will vom Publikum wissen: Was ist Liebe? Seine Antwort ist eine biochemische, von deren Formelhaftigkeit kein Shakespeare etwas wissen konnte.

Shakespeares "Othello" wird am DNT Weimar als tragische Liebesgeschichte erzählt. Bildrechte: Candy Welz

Shakespeare-Stück mit Schwarzem Hauptdarsteller

Wenn der alte Text nicht oder nicht mehr ausreicht für das heutige Verstehen oder Wissen, dann wird er ergänzt. So ist Jago dann auch mal ganz schnell bei dem, was nach dem Orgasmus kommt. Wir brauchen Abwechslung, neue Reize. Und wie ist das eigentlich bei einem, wie diesem Othello? Der junge schwarze General mit der traumhaft schnellen militärischen Karriere und der tollen venezianischen Oberklasse-Frau? Was ist denn das überhaupt für einer? So als Landsmann? Äthiopier, Syrer? "Einigen wir uns auf Mensch", sagt Jago, und schiebt, nach kurzer Pause, ein grinsendes "afrikanischer Herkunft" hinterher.

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Regiedebüt von Adewale Teodros Adebisi in Weimar

Dann platzt es aus ihm heraus, Kaffer, Hottentotte, Ne ... Ne, ne, das N-Wort sagt er erstmal nicht. Geht dann aber doch. Wenn's mal ehrlich, und richtig emotional wird. Dann rutscht das N-Wort schon mal über die Lippen. Und Othello fordert es sowieso ein. Inszenatorisch korrekt ist das sowieso. Weil hier mit Adewale Teodros Adebisi ein in Wien geborener Schwarzer Regisseur am Werk ist. Der am besten wissen wird, wie das ist, mit dem Rassismus. Dem sprachlichen, dem diffizilen und dem ganz direkten. Ähnlich wird es Calvin-Noel Auer gehen, dem Darsteller des Othello, der so aussieht, wie wir ihn uns vorstellen, ohne dass er dafür in die Maske muss. Schon mal zwei Experten des Alltags sind hier am Werk.

Von Ausstattung bis Regie: Glücksfall auf dem Theater

Weil hier alles auf das beste miteinander korrespondiert. Da ist ein Regisseur, der sich an Shakespeare hält, ihn aber modern denkt. Der die alte Geschichte von rassistisch grundiertem Hass, Eifersucht und Intrige mit dem toxischen Männlichkeitsgehabe von heute ins Verhältnis setzt. Dagegen zwei starke Frauen stellt. Die mit emanzipierter Selbstbewusstheit ausgestattet sind, den finalen Femizid am Ende aber nicht verhindern können.

Jago und Rodrigo schmieden einen Plan gegen den vermeintlichen Eindringling Othello. Bildrechte: Candy Welz

Die von Philipp Rubner und Alexander Grüner entworfene Bühne ist offen. Im Zentrum gibt es einen drehbaren Kubus aus von der Decke hängenden dichten Fäden. Das schafft diffuse Durchblicke, Raum für Intimität, hat was edles Venezianisches, dient aber auch als Projektionsfläche für eine moderne Cyberkriegsatmosphäre. Das ist alles sehr stimmig in Szene gesetzt und gespielt.

Starkes Spiel eines jungen Ensembles

Nadja Robiné spielt als Desdemona eine schöne, kluge, selbstbewusste Upperclass-Lady. Isabel Tetzner ist Emilia, Jagos schwangere Frau, den Intriganten immer durchschauend, an entscheidender Stelle aber unterschätzend. Die tragisch Überlebende des Abends. Dessen spielerischer Glanz- und Mittelpunkt der Jago von Marcus Horn setzt. Grottentief böse und so liebenswürdig zugleich. Oder liebesbedürftig gar? Bleibt der Othello von Calvin-Noel Auer.

Am DNT Weimar verkörpert Isabel Tetzner mit Emilia eine starke Frauenrolle. Bildrechte: Candy Welz

Sein Dreisatz von resoluter Beherrschtheit des glücklichen Aufsteigers auf verminten Terrain, dessen Glanzbild, von Eifersucht angepikt, Stück für Stück zerfällt und am Ende einen tumpen Frauenmörder fragen lässt: "Jago, warum hast Du mich so verstrickt." Der Angesprochene hebt wie ein Tatort-Bösewicht die Hände und sagt, dass er jetzt lieber nichts mehr sagt. "Es ist genug" – kommt dann noch von Othello und ein Black. Ein starker Schluss eines großen Theaterabends. Wenn Othello, dann so.

Angaben zum Stück

"Othello"
Tragödie von William Shakespeare

e-werk weimar (Maschinensaal)
Am Kirschberg 4
99423 Weimar

Aufführungen:
7. Dezember 2022, 19 Uhr
11. Dezember 2022, 20 Uhr
13. Dezember 2022, 10 Uhr
8. Januar 2023, 20 Uhr
10. Januar 2023, 10 Uhr
21. Februar 2023, 19 Uhr

Hinweis: In der Inszenierung wird teilweise rassistische, sexistische und queerfeindliche Sprache verwendet.

Redaktionelle Bearbeitung: Valentina Prljic

Theaterstücke in Thüringen

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 25. November 2022 | 12:10 Uhr