"Treuhandkriegspanorama" DNT Weimar bringt Theaterstück zur Treuhand auf die Bühne

Über die Treuhand und ihre Arbeit im Osten Deutschlands gibt es noch immer heftige Debatten. Doch es gibt auch längst eine Generation, die keinen direkten Bezug mehr dazu hat. Das Theaterstück "Treuhandkriegspanorama" von Thomas Freyer bringt diese Perspektiven am Deutschen Nationaltheater Weimar (DNT) zueinander. Dabei sind bewusst Schauspielerinnen und Schauspieler ausgewählt worden, die so spät geboren wurden, dass sie nicht einmal mehr Kindheitserinnerungen an die Treuhandzeit haben. Am 20. Januar feiert "Treuhandkriegspanorama" Premiere.

Szenenfoto "Treuhandkriegspanorama" im DNT Weimar im Bild: Rosa Falkenhagen, Janus Torp, Marcus Horn, Fabian Hagen und Martin Esser 4 min
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MDR KULTUR Thüringen-Korrespondentin Mareike Wiemann über die Premiere von "Treuhandkriegspanorama" am Deutschen Nationaltheater Weimar.

MDR KULTUR - Das Radio Do 20.01.2022 06:00Uhr 04:00 min

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Der Theaterautor Thomas Freyer hat ein Stück über die Treuhand geschrieben, die Institution, deren Arbeit bis heute ganz unterschiedlich bewertet wird. "Treuhandkriegspanorama" heißt es und hat jetzt Uraufführung am Deutschen Nationaltheater in Weimar. Freyer nimmt darin eine konkrete Geschichte in den Fokus: das Trauma von Bischofferode, als die Kali-Kumpels dort in den Hungerstreik traten um ihr Werk zu retten – das dennoch am Ende von der Treuhand abgewickelt wurde.

Dialog zwischen Vater und Sohn zum Kampf ums Kali-Werk Bischofferde

Als Freyer mit seiner Recherche begann, war ihm schnell klar, dass es eine "Grundgeschichte geben muss, die jenseits von abstrakten Sachen wie Politik, Gesetzgebung oder irgendwelchen Maßnahmen ist". Relativ schnell sei er darauf gekommen, dass es eigentlich eine Generationsbefragung sein muss.

Und so gibt es im Stück einerseits den Sohn, etwa 40 Jahre alt, der Anfang der 90er noch ein Kind war. Er fährt in die alte Heimat, ins Eichsfeld, weil der Vater – ein früherer Bergmann – im Koma liegt. Im Elternhaus öffnet der Sohn den Aktenschrank des Vaters, denn dieser hat geradezu manisch alles gesammelt, was mit dem Kampf ums Kali-Werk "Thomas Müntzer" zusammenhing.

Durch das Stück zieht sich ein Dialog zwischen den beiden. Über das, was wirklich passiert ist, wer wirklich die Bösen waren und wieviel Substanz die Träume von damals hatten. Ob es tatsächlich hätte anders, besser ausgehen können.

Szenenfoto "Treuhandkriegspanorama" im DNT Weimar im Bild: Janus Torp, Fabian Hagen und Marcus Horn 8 min
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MDR KULTUR - Das Radio Fr 21.01.2022 12:00Uhr 08:27 min

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Akribische Vorrecherche zur Treuhand

Freyer hat sich für seine Recherche tief in die Akten gegraben. Er hat die Tagebücher des früheren Treuhand-Vorstands Klaus Schucht gelesen und Befragungen dutzender Treuhand-MItarbeiter durchgearbeitet. Und er hat direkt mit Forscherinnen und Forschern gesprochen, denn die Stückentwicklung ist eine Kooperation mit dem Landesarchiv Thüringen und dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. Dort habe der Autor immer Rückfragen hinschicken können. Er ist mit ihnen im Gespräch geblieben, sagt Freyer. Und dann habe er geschaut, was alles für das Stück von Interesse ist.

Freyer hat sich monatelang mit dem "Strukturbruch" in den 90ern beschäftigt. Mit dem radikalen Umbau der Wirtschaft in Ostdeutschland mit dem Ende der DDR. Je tiefer er in die Materie eintauchte, desto drängender wurde für ihn eine Frage: Welcher Anfang konnte eigentlich zu diesem Ende führen?

Szenenfoto "Treuhandkriegspanorama" im DNT Weimar im Bild: Marcus Horn und Janus Torp
"Treuhandkriegspanorama" wird am Deutschen Nationaltheater Weimar uraufgeführt. | Im Bild: Marcus Horn und Janus Torp Bildrechte: Candy Welz

Bauernkrieg als Gründungsmythos der DDR

So setzte sich Freyer auch mit der Aufbauliteratur aus den Gründungsjahren der DDR auseinander. Und er beschloss, zentrale Motive von Werner Tübkes berühmtem "Bauernkriegspanorama" in das Stück zu integrieren.

Er erläutert diese Entscheidung: "Der Beginn, auch in diese Richtung 'Bauernkriegspanorama' zu schauen, war eigentlich der, dass dieser Schacht 'Thomas-Werk' genannt wurde. Und das ein Versuch der SED war, dem Sozialismus eine Art Vorgeschichte zu geben und diesen Bauernkrieg als eine Erzählung zu nehmen, die zwangsläufig zur Gründung der DDR geführt hat." So ist die Perspektive vom Anfang und vom Ende der DDR – Freyer lässt zwei geradezu mythisch aufgeladene Erzählungen in seinem Stück aufeinandertreffen.

Junge Generation auf der Bühne

Gemeinsam mit Regisseur Jan Gehler hat sich Freyer entschieden, nur sehr junge Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne auftreten zu lassen. Menschen also, die nicht mal mehr verschwommene Kindheitserinnerungen an die Nachwendezeit haben.

Gehler sagt, das sei für ihn so das Wichtigste an der Arbeit und an dem Abend, "dass Geschichte immer aus ganz unterschiedlichen Perspektiven wahrgenommen wurde oder auch weiter erzählt wird." Für ihn sei dies "das große Pfund an diesem Abend, dass man überhaupt erzählt. Und dass man merkt, wie Menschen darum ringen, um Wahrheiten, um Geschichte, um Perspektiven."

Ziel der Theatermacher: ein Dialog der Generationen

Den Machern geht es mit ihrem Stück um einen Dialog der Generationen und nicht darum, wer oder ob jemand Recht hat in dieser irrsinnigen Geschichte. Das Stück "Treuhandkriegspanorama" ist der Versuch, ein Bild auf der Bühne zu zeichnen. Nicht nur in Schwarz und Weiß, sondern mit vielen verschiedenen Farben und unzähligen Details und Widersprüchen.

Szenenfoto "Treuhandkriegspanorama" im DNT Weimar im Bild: Martin Esser, Fabian Hagen und Marcus Horn
Im Theaterstück geht es vor allem um einen Dialog der Generationen. | Im Bild: Martin Esser, Fabian Hagen und Marcus Horn Bildrechte: Candy Welz

Infos zur Aufführung "Treuhandkriegspanorama"
Schauspiel von Thomas Freyer | Uraufführung

Deutsches Nationaltheater Weimar
Aufführung im E-Werk Weimar (Maschinensaal)

Eine Kooperation mit dem Landesarchiv Thüringen und dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, gefördert von der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen und dem GLS Treuhand e.V.

Regie: Jan Gehler
Mit Martin Esser, Rosa Falkenhagen, Fabian Hagen, Marcus Horn, Janus Torp

Aufführungen
Premiere am 20. Januar 2022 | 20 Uhr (Ausverkauft, eventuell Restkarten an der Abendkasse)
Dienstag, 25.01.2022 | 20 Uhr | E-Werk Weimar
Samastag, 12.02.2022 | 20 Uhr | E-Werk Weimar
Dienstag, 22.02.2022 | 20 Uhr | E-Werk Weimar
Samstag, 26.03.2022 | 20 Uhr | E-Werk Weimar

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Januar 2022 | 08:40 Uhr

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