27. März Welttheatertag: Der Vorhang zu und viele Fragen offen

"Die ungestörte Theaterausübung wird gewährleistet" – so heißt es leider nicht im Artikel 4 des Grundgesetzes. Stattdessen ist da von Religionsausübung die Rede. Schade auch! Zum Welttheatertag am 27. März hat sich MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky Gedanken darüber gemacht, warum die Kirchen offen und die Theater geschlossen sind.

Besucher sitzen vor einem roten Theatervorhang.
Zum Welttheatertag belibt der Vohang in den Theatern zu. Bildrechte: dpa

Wozu braucht die Welt einen Theatertag? Das ist vielleicht in diesem Jahr 2021 so deutlich, wie noch nie seit Gründung.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Die Welt ist zerstritten: in links und rechts, arm und reich und neuerdings auch wegen der Frage, wer beim Impfen zuerst drankommt. In einer ähnlich zersplitterten Welt wurde das Internationale Theaterinstitut (ITI) gegründet. Kurz nach dem zweiten Weltkrieg, 1948, in Prag. Es ging um Kulturaustausch und Völkerverständigung. Theater wurde schon damals als Mittel verstanden, um Information übereinander und gegenseitiges Verständnis zu transportieren. Es ging auch, das kann man in den Dokumenten aus Prag nachlesen, um Humanität. Gerade Theatergastspiele seien geeignet, das Sich-Nahe-kommen der Menschen und Völker zu ermöglichen. Nähe ist allerdings wegen der Pandemie gerade schlecht möglich. Theatergastspiele auch nicht.

Neues Verständnis für die Welt, die wir alle teilen

Den Welttheatertag gibt es immer am 27. März. Seit dem Jahr 1961. Da haben wir also ein kleines Jubiläum: 60 Jahre Welttheatertag. Und wie jedes Jahr gibt es auch eine Botschaft zum Welttheatertag. Dieses Jahr von der britischen Schauspielerin Helen Mirren. Was sie sagt, ist kurz und knapp. Nur sechs Sätze lang. Aber essentiell.

Mirren spricht von einer schweren und unsicheren Zeit für die Theater. In Satz zwei mutmaßt sie, dass die Unsicherheit vielleicht aber auch Überlebenskräfte geweckt habe, um mit Witz und Courage durch die Pandemie zu kommen. In Satz drei spricht sie von neuen künstlerischen Formen. Der Leser denkt an digital. In Satz vier spricht Mirren die Quelle allen Theaters an, dass Menschen sich gegenseitig immer schon Geschichten erzählt haben und weiter erzählen werden. In Satz fünf spürt sie einen Schaffensdrang, der "in sehr naher Zukunft" und mit "einem neuen Verständnis für die Welt, die wir alle teilen", aufblühen werde. Dann schließt sie mit Satz 6: "I can’t wait!" – klare Worte, die alles beinhalten, und auch den Bildungs- und Verständigungsaspekt der Gründung aufgreifen.

Helen Mirren 6 min
Bildrechte: imago images/Future Image

Von Corona befreit sind Strom und Bäche

Auferstehung zu Ostern – darauf hatten sich die Theater hierzulande gefreut. Wie heißt es über die Menschen im Osterspaziergang: "Denn sie sind selber auferstanden / Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern / … / Sind sie alle ans Licht gebracht." – Oder ins Theater gebracht. Doch das sollte jetzt nicht sein. Dritte Welle. Verlängerter Lockdown. Plan A für die Katz. Hinter den Kulissen gibt es aber nicht nur Plan B, sondern gleichzeitig auch Plan C, D, E, F usw.

Generalintendant Kay Kuntze im Theatersaal des Landestheaters Altenburg, dunkle, festliche Stimmung, Kronleuchter und Ränge im Hintergrund, im Vordergrund Porträt des Intendanten
Generalintendant Kay Kuntze im Theatersaal des Landestheaters Altenburg Bildrechte: Ronny Ristok

Kay Kuntze, Generalintendant am Theater in Altenburg-Gera erläutert, dass "Umplanen mittlerweile unser Tagesgeschäft geworden ist". Und bei Amtskollege Johannes Weigand, Generalintendant am Anhaltischen Theater in Dessau, klingt es fast schon sarkastisch: "Unsere Pläne ändern sich ständig, aber wir sind auch bereit, bei A wieder anzufangen wenn wir das Alphabet einmal durch sind, um spielen zu können." Das sei "natürlich belastend und nervig". Aber auch "es allemal wert". Das findet auch Kay Kuntze und fordert, dass die Theater mit ihren Pandemiekonzepten aus dem Herbst 2020 bei einer Öffnung in Betracht zu ziehen seien, "da sie vielen Menschen in finsterer Zeit Erbauung und Freude geben können und damit entscheidend helfen könnten, besser durch diese Zeit zu kommen." Da ist er wieder, der Osterspaziergang – mit Faust: "Jeder sonnt sich heute so gern."

Die Frage lautet: Ist die Verschattungspolitik, die als Maßstab aller Dinge an den Inzidenzzahlen festhält, dadurch wahnwitzige Unruhe in das System bringt und jede seriöse Theater- und Konzertplanung immer wieder über den Haufen wirft, alternativlos? Die Antwort ist: Nein! Schon seit den Salzburger Festspielen im letzten Sommer gibt es bewährte Hygienekonzepte. Theater haben oft in neue Lüftungsanlagen investiert. Eine Nachverfolgung bei möglicher Ansteckung wäre über den Ticketverkauf effektiv möglich. Außerdem gibt es zuhauf Untersuchungen, die belegen, dass Ansteckungen überwiegend im privaten Bereich passieren. Und es gibt neueste wissenschaftliche Studien, die Kulturveranstaltungen eine gute Machbarkeit bescheinigen. Warum zählt das alles offenbar nichts bzw. so wenig? Das ist das große Oster-Mysterium.

Wo bin ich Künstler, wo Publikum, wo darf ich’s sein?

Und wir reden noch gar nicht über Moral und Ethik: Wenn die Würde des Menschen das erste Grundrecht ist, was bedeutet es dann für einen Künstler, Kunst zu machen? Für einen Sänger zu singen? Für einen Tänzer zu tanzen? Wie findet dieses Grundrecht auf eine berufliche Würde seine Abwägung mit den pandemiebedingten Grundrechtseinschränkungen?

Szene aus dem Theaterstück 'Abräumen' des Theaters 'Stellwerk Weimar', 2015 6 min
Bildrechte: Marius Luhn/Theaterverband/dpa

Warum fordert Innenminister Horst Seehofer vor kurzem die Öffnung der Gottesdienste als Ausnahme? Eine Extrawurst für Gott?! Müsste es nicht jedem selbst überlassen sein, ob er in der Kirche, im Museum oder im Theater Seelenheil und Erbauung findet – ein Argument, auf das Carsten Brosda, der neue Präsident des Deutschen Bühnenvereins, schon im November hingewiesen hat! Es ist Zeit, dass die Politik aufhört, die Inzidenzzahlen wie eine Monstranz vor sich herzutragen. Es gibt wahrlich intelligentere Lösungen. Und mit Brecht könnte man hier trefflich sagen: Sie sehn mich hier enttäuscht und auch betroffen. Der Vorhang zu und viele Fragen offen!

Zum Welttheatertag

Stephanie Müther als Cornelia 5 min
Bildrechte: IMAGO / Bild13

Welche Perspektiven hat das Musiktheater nach Corona? Eine Bestandsaufnahme von Opernredakteurin Bettina Volksdorf.

MDR KULTUR - Das Radio Do 25.03.2021 18:00Uhr 05:08 min

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Milan Peschel 4 min
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Die Leipziger Regisseurin und Choreografin Heike Hennig 6 min
Bildrechte: Joachim Blobel

MDR KULTUR - Das Radio Mi 17.03.2021 06:00Uhr 05:30 min

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Hasko Weber, Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters (DNT) Weimar, spricht bei der Vorstellung des Programms vom Kunstfest Weimar. 8 min
Hasko Weber, Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters (DNT) Weimar. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR - Das Radio Mi 03.03.2021 11:26Uhr 08:27 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/audio-radio/audio-buehnenverein-dnt-weimar-hasko-weber-100.html

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Secondhand-Zeit an der Bürgerbühne in Dresden 53 min
Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Matthias Horn

In Dresden wurde die Bürgerbühne quasi neu erfunden. Inzwischen ist sie eine wichtige Säule des Staatsschauspiels. Es geht um Teilhabe, um Geschichten und Geschichte. Grit Krause über das Projekt.

MDR KULTUR - Das Radio Di 06.06.2017 22:00Uhr 53:08 min

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Außenansicht Stadttheater Naumburg 4 min
Das Theater Naumburg bietet digitale Theaterspaziergänge an. Bildrechte: Theater Naumburg

MDR KULTUR - Das Radio Mi 24.02.2021 15:30Uhr 03:39 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. März 2021 | 18:05 Uhr

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Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei