Westflügel 15-jähriges Jubiläum: Warum Puppen in Leipzig einen Jugendstilsaal retteten

Seit 15 Jahren gibt es im Leipziger Westen den Westflügel. Bevor das Figurentheater "Wilde und Vogel" das Haus zu seiner künstlerischem Heimat umbauen ließ, war es ein verfallenes und verbautes Gebäude. Schritt für Schritt hauchten sie dem Haus neues Leben ein, aber mit Fokus auf den historischen Ort. Zum 15-jährigen Jubiläum des Westflügels bringt das Figurentheater "Die Blumen des Bösen" von Baudelaire auf die Bühne.

Der Saal im Haus "Lindenfels Westflügel" in Leipzig.
Seit 2003 finden in dem denkmalgeschützten Westflügel mit seiner markanten Jugendstilarchitektur Theateraufführungen statt. Bildrechte: Lindenfels Westflügel e.V./Regentaucher

Das Figurentheater Westflügel in Leipzig feiert Geburtstag. Entstanden ist es vor 15 Jahren, als Figurenspieler Michael Vogel und Musikerin Charlotte Wilde aus Stuttgart nach Leipzig kamen – alias das Figurentheater "Wilde und Vogel". Ihr Anliegen damals: Menschen zusammenbringen, die auch Figurentheater machen – aus Ost, aus West, aus dem gesamten deutschsprachigen Raum.

Ihr Treffpunkt war ein verfallenes Gebäude im Leipziger Westen, das vor rund 120 Jahren als Anbau an die heutige Schaubühne Lindenfels entstanden ist. Anfangs regnete es noch rein, aber sie füllten das Haus Schritt für Schritt mit neuem Leben. Nun ist es seit mittlerweile 15 Jahren die Heimat des Figurentheaters Westflügel.

Notwendige Sanierung

Dabei war das Gebäude mehr als ein halbes Jahrhundert lang ganz schön verbaut. Das heute zur Straße hinaus geöffnete Vestibül war bis zu seiner Wiederentdeckung sogar zugemauert, nur der Nebeneingang nutzbar. Es musste erst umgebaut werden, um hier überhaupt Publikum empfangen zu dürfen.

Als Architekt wurde Olaf Schilling herangeholt. Sein Auftrag: Minimalkonsens – also alles was baulich wirklich nötig ist, das soll gemacht werden, aber nicht mehr. Für Architekt Schilling ein sehr reizvolles Projekt: "Das war insofern spannend für uns, weil wir als Architekten natürlich aus einer ganz anderen Welt kommen. Wir denken immer alles neu und schön, haben selten die Gelegenheit, uns mit diesen Spuren zu befassen und auch Spuren bewusst zu lassen."

Foyer im Haus "Lindenfels Westflügel" in Leipzig.
Der Westflügel war 1900 der erste große Auftrag des Architekten Emil Franz Hänsel, der auch für die Gestaltung des Kaufhaus Brühl und Specks Hof in Leipzig verantwortlich war. Bildrechte: Lindenfels Westflügel e.V./Regentaucher

Historischen Ort in Leipzig erhalten

Visionäre Pläne für ein neues, strahlendes Haus gab es nie. Denn es ging damals nicht darum, ein neues Theater zu gründen. Das ist so nebenbei passiert. Man traf sich hier sowieso und irgendwann kam eben auch Publikum dazu. Deswegen identifiziert das Duo Vogel und Wilde sich auch nicht als die großen Macher oder Gründerinnen.

Die Bar des Westflügels.
Beim Westflügel handelte es sich ursprünglich um einen Anbau an die "Gesellschaftshalle zu Lindenau", heute bekannt als Schaubühne Lindenfels. Bildrechte: Thilo Neubacher

Das Gefühl für den historischen Ort soll erhalten bleiben. Man bleibt Gast. Veränderungen sollen wenn dann langsam geschehen – so wie bei einer Pflanze, vergleicht Figurenspieler Michael Vogel: "Man kann und muss sie düngen und gießen, hin und wieder beschneiden, oder wenn sie erfroren ist, irgendwo nachzüchten. Man beobachtet das und hilft."

Besondere Energie im Leipziger Westen

Die Künstlerinnen und Künstler des Westflügels tragen die Früchte ihrer Arbeit hinaus in die Welt, mit jedem Gastspiel. Und auch hier in Leipzig sind es zunehmend internationale Gäste, die ihre Produktionen zeigen. All die Jahre treu geblieben ist dem Haus Architekt Olaf Schilling. Für ihn hängt die Entstehung des Westflügels ganz eng damit zusammen, wie sich der übrige Leipziger Westen entwickelt hat – mit der einzigartigen Energie, die hier den Ort und die Menschen verbindet:

Wenn man beginnt, so ein Haus ins Leben zu rufen, dann braucht man einen unendlichen Drang nach Freiheit und eine große Kraft in sich für sein künstlerisches Tun. Davon wird das Haus belebt.

Architekt Olaf Schilling

Auch der unbedingte Wille, frei arbeiten zu können, sei typisch für das Haus, sagt Schilling: "Leipzig war damals ein fantastischer Nährboden für solche Menschen, die diese Kraft in sich gespürt haben."

Mit Baudelaire zurück an den Anfang

Diese Kraft zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Westflügels – so wie auch viele Themen über die Jahre hinweg immer wieder auftauchen. Vor fünfzehn Jahren, in der Gründungszeit des heutigen Westflügels, entstand das Stück "Spleen". Darin setzten sich Wilde und Vogel mit dem Werk Baudelaires auseinander. zum 15. Jubiläum feiert nun mit "Die Blumen des Bösen" ein weiteres Werk nach Baudelaire Premiere. Gezeigt wird eine szenische Adaption von zwanzig Gedichten aus dessen gleichnamigem Werk. Regie führt – damals wie heute – Hendrik Mannes.

Mit dabei sind wieder zahlreiche neue Figuren aus der Werkstatt Michael Vogels und noch einiges mehr, wie Charlotte Wilde verrät. "Es gibt eine Reihe wunderbarer Sprecherinnen, die wir gewinnen konnten – vorwiegend in deutscher, teilweise auch in englischer und französischer Sprache. Dazu gibt es Livemusik, die sehr dicht mit den Texten und der Bewegung auf der Bühne verwoben ist."

Szene aus "Die Blumen des Bösen" im Westflügel.
Die neue Produktion "Die Blumen des Bösen" schließt einen Kreis zur ersten Auseinandersetzung des Figurentheaters mit Baudelaire im Jahr 2006. Bildrechte: Dana Ersing

Vorstellungen "Die Blumen des Bösen" Premiere am 1. Juli, 21 Uhr

Weitere Vorstellungen am 2. Juli, 3. Juli, 8. Juli, 9. Juli und 10. Juli – jeweils 21 Uhr

Karten können online bestellt und bezahlt oder per E-Mail reserviert und an der Abendkasse bezahlt werden.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Juli 2021 | 07:40 Uhr

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