Inszenierung "The Temple" Wie im Leipziger Westflügel das Theater wieder losgeht

Der Betrieb auf den deutschen Theaterbühnen ist wieder angelaufen, auch in geschlossenen Räumen wird wieder gespielt. Für viele wahrscheinlich eine Erleichterung nach langer Abstinenz – allen voran natürlich für die Künstlerinnen und Künstler selbst. Auch das Figurentheater Westflügel in Leipzig lädt ein, mal wieder live vorbeizuschauen, nachdem es schon einige Inszenierungen gestreamt hat. Im aktuellen Programm steht unter anderem "The Temple", eine interaktive Ausstellung aus Installationen und Performances. Besser gesagt: eine begehbare Zukunftsvision.

Szenen aus "The Temple" im Westflügel Leipzig
Bei "The Temple" gibt es Installationen und Perfomances Bildrechte: Dana Ersing

"Herzlich willkommen im Westflügel Leipzig! Wir freuen uns sehr, sehr, sehr, dass ihr hier seid. Wir haben lange gewartet wieder Publikum empfangen zu dürfen und freuen uns deswegen umso mehr, euch hier zu sehen – so zahlreich wie es ging": So klingt‘s, wenn Leipzigs schönstes Figurentheater wieder seine Tore öffnet. Am 12. Juni hat das Duo Wilde & Vogel die Corona-Zwangspause beendet. Und das gleich mit einer Premiere: "Maria auf dem Seil", die Geschichte eines Waisenmädchens. Maria verliert ihre seiltanzenden Eltern bei einem Zirkus-Unfall. Daraufhin wird sie von befreundeten Zirkus-Artisten widerwillig in die Obhut ihrer letzten Verwandten gegeben, der strengen Großmutter. Und so entspinnt sich die traurige und zugleich herzerwärmende Handlung.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mundschutz und Abstand

Im Publikum schauen und hören dabei rund 30 Menschen zu – weit weniger als sonst im Saal Platz finden würden. Die meisten von ihnen sind Erwachsene, wie so üblich im Westflügel – obwohl dieses Stück sich tatsächlich auch einmal an Kinder ab acht Jahren richtet. Alle hier im Raum tragen Mundschutz und wurden mit Sicherheitsabstand platziert. Die neue Corona-Realität im Theater. Am wichtigsten sei aber, dass der Spielbetrieb endlich wieder anläuft, meint Jonas Klinkenberg, der künstlerische Leiter des Westflügels.

Coronakompatibles Stück "The Temple"

Szenen aus "The Temple" im Westflügel Leipzig
Eine Art Parcours: "The Temple" Bildrechte: Dana Ersing

Zur feierlichen Neueröffnung steht auch direkt sein Großprojekt "The Temple" ins Haus. Und wo die Hygienemaßnahmen bei regulären Stücken schwierig umzusetzen sind, da stellen sie hier zum Glück kein großes Hindernis dar. "Im Falle von The Temple ist es tatsächlich noch ein bisschen anders, weil wir das seit anderthalb Jahre ungefähr planen", so Klinkenberg, "und ein Teil des Tempels war immer schon so angedacht, dass es ein Parcours ist und quasi per se coronakompatibel gedacht war, ohne dass Corona existiert hat".

"Begehbare Vision"

Ein Parcours also – das trifft es wohl am besten. The Temple ist eine interaktive Ausstellung, die sich aus verschiedensten Installationen und einzelnen Performances zusammensetzt, welche man der Reihe nach abläuft. Dabei folgt man Markierungen auf dem Boden. Beschreiben könnte man das auch als "begehbare Vision" meint Jonas Klinkenberg. Im Fokus stehen dabei die Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Maschine, beziehungsweise moderner Technologie. "Über 20 Künstler, fast 30 Künstler*innen, entwerfen hier ihre Vision von Zukünften – von ihrem Umgang mit Digitalisierung, ihrem Umgang mit der Situation jetzt – und sind darin tatsächlich auf die eine oder andere Art VisionärInnen", sagt Klingenberg, "manche utopisch, manche eher dystopisch, manche beides davon".

Kleine Roboter in jeder Ecke

Szenen aus "The Temple" im Westflügel Leipzig
Installation bei "The Temple" Bildrechte: Dana Ersing

Eine Kernkompetenz des Westflügels sind dabei wie so oft automatisierte Figuren mit mechanischen Gliedmaßen. So zappeln in jeder Ecke kleine Roboter. Außerdem kann man eine Installation bestaunen, bei welcher ein geometrischer Körper mit Lautsprechern und einer mit LED-Leisten wechselseitig aufeinander reagieren, als würden sie sich unterhalten. Eine andere Licht- und Klanginstallation wartet darauf, von den Besucherinnen und Besuchern selbst bespielt zu werden – mittels Fußpedal. Im großen Saal wird man unter anderem Teil einer gospelähnlichen Messe, in welcher eine neue Religion der allwissenden Daten begründet wird. Und gegen Ende des Rundgangs kann man sich im Keller des Westflügels dann von einer erstaunlich meditativen Wasser-Installation einlullen lassen – um nur einige wenige Stationen zu nennen, die einen bei "The Temple" erwarten.

"Störung im Selbst?"

Der Rest der interaktiven Ausstellung hält zwar noch mehr als genügend Überraschungen bereit, viel mehr davon vorab verraten sollte man allerdings auch nicht – gerade von den großartigen Live-Performances. Am Ende sollen die Besucherinnen und Besucher vor allem vielfältige und manchmal auch gegensätzliche Eindrücke mitnehmen, meint Jonas Klinkenberg: "Inspiration, Entspannung, das Gegenteil von Entspannung?", fragt er lachend. "Ich weiß nicht, eine Art Störung im Selbst? Reflexion und eine Verbundenheit, aber auch Nicht-Verbundenheit. So in etwa!“

Mehr Infos zu "The Temple" "The Temple" kann man sich noch bis zum 12. Juli im Westflügel anschauen und anhören. Einlass ist im Viertelstundentakt, jeweils alleine oder zu zweit. Mitbringen sollte man seine eigenen Kopfhörer und die obligatorische Gesichtsmaske. Desinfektionsmittel gibt’s vor Ort. Tickets müssen vorab gebucht werden, eine Abendkasse gibt es nicht.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Juli 2020 | 16:10 Uhr