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Wolfgang Krause Zwieback wird 70: Gespräch mit René Reinhardt, Schaubühne Lindenfels

Wortakrobat, Performer, Grenzgänger

70. Geburtstag: Was Wolfgang Krause Zwieback zur Ausnahmeerscheinung macht

von Katrin Schlenstedt, MDR KULTUR

Stand: 29. August 2021, 09:29 Uhr

Als sogenannter Wortakrobat und Performance-Künstler ist Wolfgang Krause Zwieback legendär. Geboren in Kamenz, studierte er einst an der Leipziger Kunsthochschule HGB; jüngst zeigte er seine Version von "Moby Dick" in einem abendfüllenden Musikfilm, der pandemiebedingt im Internet Premiere feierte. Am 29. August 2021 feiert er seinen 70. Geburtstag. Ein Porträt.

Autor, Schauspieler und Regisseur, das trifft es nicht ganz: Wolfgang Krause ist ein Phänomen. Früher plagte ihn öfter der Magen. Deswegen der Beiname Zwieback. Der macht ihn unverwechselbar, vor allem aber die Kunstform, die er sich geschaffen hat: "Kabasurdes Abrett" nennt Krause Zwieback sie, nicht zu verwechseln mit Kabarett. Davon hält er nicht viel. Er mag keine (vor)-schnellen Urteile, will auf niemanden "eindreschen", nichts einordnen, sondern mit seinem Theater alle Sinne ansprechen, surreal. Da hilft es, dass der studierte Grafiker auch talentiert als Tänzer, Kostüm- oder Bühnenbildner ist.

Von Kamenz nach Leipzig an die HGB

Geboren am 29. August 1951 in der kleinen, ostsächsischen Lessing-Stadt Kamenz, hat er von 1973 bis 1978 an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) studiert. Dort eröffnet sich ihm eine neue, weitere Welt. Erste Performances führt er im Leipziger Studentenclub Moritzbastei auf. Mit dem HGB-Diplom in der Tasche sucht er nicht die Anstellung in einem Verlag, es drängt ihn auf die Bühne.

Rückschau von und mit Wolfgang Krause Zwieback

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HörspielSo Solo - Stücke aus Stücken von und mit Wolfgang Krause Zwieback

Die Kunstauffassung, die Krause Zwieback seitdem freischaffend lebt, erfordert Mut zum Risiko, wie René Reinhardt, künstlerischer Leiter der Leipziger Schaubühne Lindenfels im Gespräch mit MDR KULTUR betont. In diesem Kraftzentrum der freien Szene waren in den vergangenen 25 Jahren viele seiner Arbeiten zu sehen, dort wird Krause Zwieback am 29. August auch seinen 70. Geburtstag mit Weggefährtinnen und Weggefährten feiern, wie Reinhardt verrät, der meint:

Heute ist jeder irgendwie Performer seiner selbst und Performance ein eingeführter Kunstbegriff. In der DDR war dieser Begriff gar nicht vorhanden. Ideologie ist nie sein Ding gewesen. Er wollte dem Publikum gegenübertreten auf verschiedenste Weise. Das machte ihn damals schon zu einem Phänomen.

René Reinhardt | Künstlerischer Leiter der Schaubühne Lindenfels in Leipzig

Als Wortakrobat auf die Bühne

Seine Performances, Stücke und Shows kennen bis heute keine Genregrenzen, was sie eint, ist die ganz spezielle Art, in der Krause Zwieback darin die Wirklichkeit durch seine viel gerühmte Wortakrobatik auf den Kopf stellt – und assoziativ neu arrangiert, auf dass sich ein neuer Sinn herstellt.

Die Sprache wurde Klang, Musik, in der Dinge, Gedanken, Gefühle aufblitzen. Plötzlich erkennt man einen Leuchtturm. Inmitten eines Meeres von Silben.

Wolfgang Krause Zwieback | Über seine Erfindung der "Unsprache" beim Urlaub am Meer in einem "kreuzer"-Interview

Theater der Sinne: Schaubühne Lindenfels als langjährige Wirkungsstätte

Seine Auftritte in extraordinären Kostümen gleichen manchmal DADA-Aktionen. Dabei gibt es eine sorgsame Regie, so wie in den Stücken, deren Bild- und Klangwelt in Teamarbeit auch mit Künstlern wie Hael YXXS oder Musikern wie Stephan König, Gundolf Nandico oder Tobias Morgenstern entsteht. Sein jüngstes Werk "Moby Dick" feierte im April 2021 Online-Premiere im Livestream aus der Leipziger Schaubühne Lindenfels, dem angestammten Wirkungsort des Künstlers, der in keine Schublade und deswegen wohl nur ausnahmsweise ans Stadttheater passt.

"Leben auf der Baldrianrakete": Corinna Harfouch als Marlene Dietrich in der "Well Traum Oper" in Leipzig, 2017 Bildrechte: IMAGO / Future Image

Krause Zwieback zeigt, dass die Erkennbarkeit der Welt sich nicht in ihrer Darstellung einlöst.

Stefan Kanis | Wegbegleiter, Hörspielregisseur MDR KULTUR

Mut zum Experiment

Szenenbild aus "Moby Dick" Bildrechte: Wolfgang Krause Zwieback

So blieb er flexibel und experimentiert immer neu, auch in der Pandemie-Zwangspause. Da inszenierte er mitten im Schaubühnen-Ballsaal seinen ersten abendfüllenden Musikfilm nach Motiven von Hermann Melvilles Roman um den Rachefeldzug von Kapitän Ahab gegen "Moby Dick". Eigentlich als Theaterperformance geplant, habe er das Projekt pandemisch neu denken müssen, so Krause-Zwieback, der seiner von der Kulturstiftung Sachsen unterstützten Expedition ins Ungewisse den Untertitel "Die Kwal der Wahl" verliehen hat. Zu Hauptdarstellern werden darin weiße Pergament-Figuren. Kreiert von seiner Expeditions- und Lebensgefährtin, der Schauspielerin Corinna Harfouch, die ihnen auch ihre Stimme leiht. Am Ende lässt Krause Zwieback anders als Melville weder Moby Dick noch Kapitän Ahab im Meer verschwinden:

Unser Schluss ist eine Art Hoffnung.

Wolfgang Krause Zwieback | Über "Moby Dick - Die Kwal der Wahl"

Zum Expeditionsteam in "Moby Dick" gehörten neben Corinna Harfouch auch Marie Nandico, die das Sousaphon, eine Art Tuba, spielt, der Musiker Dirk Hessel sowie der Künstler Hael YXXS. Bildrechte: Wolfgang Krause Zwieback

"Und nun: Aufgehört"?

Kreative Partnerschaft: Wolfgang Krause Zwieback und Corinna Harfouch Bildrechte: dpa

Dass er den Ballsaal der Schaubühne für sein Projekt zum Atelier machen konnte, findet Wolfgang Krause Zwieback wunderbar, back to the roots könnte man sagen. Große "Inventur" in seinem "Laden" hat Krause Zwieback eben dort schon vor einem Jahr gemacht, mit dem Programm "6G Ray pur - Ein performativer Konkurs". Dabei folgt ihm ein Stammpublikum bis heute. So muss es sich beim Untertitel wohl um eins seiner hintersinnigen Wortspiele handeln.

Hörspiel von und mit Wolfgang Krause Zwieback

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Wolfgang Krause Zwieback: Gen(r)erationen

Krause Zwieback enthüllt 1994 vor dem Gebäude des Regierungspräsidiums seine Plastik "Blue-Boy 7000", aus Teilen eines Braunkohlebaggers wurde ein "Motorrad". Bildrechte: dpa

"Und nun: Aufgehört!" - so nennt Wolfgang Krause Zwieback 1987 schon sein erstes großes Solo-Programm. Bis 1994 führt er es 600 Mal auf, mit Gastspielen auch im Westen und in unterschiedlichsten Spielstätten vom Klub bis zum ausverkauften Theater, etwa im Berliner Ensemble.

1991 bekommt er in Mainz den Kleinkunstpreis, den er als "Deutschen Kunstpreis in Klein" bespöttelt.

1992 zeigt er sich als Buchkünstler im Foto-Text-Band "Die Lust ist schön als Überfall", der zurückführt in die kurze Zeit der Anarchie im Nachwende-Osten.

Am Schauspiel Leipzig ist er in den 90er Jahren mit seinem Berufe-Zyklus zu erleben, als Kapitän ("Dampferaufgang 6.13 Uhr", Koch ("Der heiße Wai") oder Pilot ("Vom Winde verflogen - Der Fall Schirm").

Krause Zwieback als Fondrak (l.) in Heiner Müllers Stück "Die Bauern" am Berliner Ensemble, 2000 Bildrechte: dpa

Zum 100. Brecht-Geburtstag 1998 wird er vom Berliner Ensemble (BE) zu einer Inszenierung eingeladen und statuiert gemeinsam mit Corinna Harfouch ein "Berliner Example" beim "außerordentlicher Kongress der brechtmäßigen Erben im Weinweißberg zu Porto Bassin". Am BE spielt er auch mal eine "klassische" Rolle als Fondrak in Heiner Müllers Stück "Die Bauern".

Am Deutschen Nationaltheater Weimar entsteht gemeinsam mit Riccarda Herre die Produktion "Die drei ExVerhältnisse des Hans im Brett".

Seinen 50. Geburtstag feierte er ebenfalls in der Schaubühne Lindenfels mit dem Solo-Programm "Der Mann ohne Brückenkopf", ein philosophisches Märchen, dargeboten auf einer großen, kahlen Bühne im Ballsaal, ganz ohne Requisiten, nur Licht, "ganz pur".

Im Stück "Im Café zu den Winden", das 2007 gemeinsam mit Corinna Harfouch entsteht, "treffen sich zwei am Berg in einem Café und bleiben hängen", so Krause Zwieback: "Da geht es um diese ewige Sehnsucht, zusammenzukommen, aber auch wegzumüssen."

Nun kommen Krause Zwieback und seine Weggefährtinnen und Weggefährten erstmal zu seinem 70. Geburtstag zusammen; vielleicht entsteht dabei schon die nächste Performance-Idee des Wortakrobaten.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 28. August 2021 | 15:15 Uhr