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Das Einrad ist eine der vielen Disziplinen, für die sich die Kinder und Jugendlichen im Zirkus Klatschmohn entscheiden können. Bildrechte: Philipp Baumgärtner

Ferien in einer anderen WeltWie im Zirkus Klatschmohn aus Halle Kinder zu Artisten werden

von Philipp Baumgärtner, MDR KULTUR

Stand: 28. August 2021, 04:00 Uhr

Wer an Zirkus denkt, denkt häufig an dressierte Tiere, Dompteure, Clowns und riesige Zelte. Aber Zirkus geht auch anders. Abseits der "großen Manege" gibt es auch viele Zirkus-Angebote, bei denen Kinder und Jugendliche mitmachen können. Besonders in den Ferien sind die Zirkus-Projekte beliebt. Zirkus Klatschmohn aus Halle setzt auf Zirkuspädagogik und möchte die persönliche Entwicklung von Kindern und das Empfinden für den eigenen Körper fördern. In den Ferien zieht der Verein nicht ins Zirkuszelt, sondern in eine Kirche.

Hohe verzierte Fenster, ein Jesus-Wandbild und ein riesiges Kirchenschiff mit Turnhallenboden. Die ehemalige katholische Kirche in Großkayna wurde umfunktioniert. Wo einst Gebetsbänke standen, wird jetzt jongliert, auf Bällen balanciert und Einrad gefahren. Auf dem ehemaligen Altar turnt eine Gruppe Kinder auf dem Boden. Nach Bedächtigkeit sucht man vergeblich. Überall kreischt es vergnügt. Die Kirche in Großkayna hat sich in ein Zirkuszelt verwandelt. Hier findet in den Ferien die Zirkuswoche von Zirkus Klatschmohn aus Halle statt.

Wie die Kirche in Großkayna zum Zirkuslager wurde

Die ehemalige katholische Kirche "Heilige Drei Könige" wurde bis 2009 für Gottesdienste genutzt. Anschließend wurde die Kirche entweiht und gemeinsam mit dem Pfarrhaus versteigert. Die Mitglieder des Vereins Zentrum für Zirkus und bewegtes Lernen (ZZB), die Zirkus Klatschmohn betreiben, ersteigerten die Gebäude und machten daraus einen Trainings-, Seminar- und Veranstaltungsort.

Zum Zirkuszelt umfunktioniert: Die ehemals katholische Kirche in Großkayna Bildrechte: Philipp Baumgärtner

Eine Woche intensives Zirkuslager

Neben der Kirchenhalle, die jetzt als Trainingsraum genutzt wird, befindet sich im ehemaligen Pfarrhaus ein Bettenhaus, wo das Team und die Kinder in der Ferienwoche untergebracht sind. Einer der Zirkustrainer beim Zirkus Klatschmohn ist Julian Krieg. Er organisiert die Zirkuswoche. Von Montag bis Freitag trainieren die 7- bis 14-Jährigen, dabei werden sie von mehreren Zirkustrainerinnen und -trainern unterstützt, die sich auch um Aufsicht und Verpflegung kümmern.

Julian Krieg war selbst Zirkuskind beim "Klatschmohn" und ist jetzt Zirkustrainer. Bildrechte: Philipp Baumgärtner

Wir sind im Prinzip ein Sportverein für die Kinder, aber ohne leistungsorientierten Sport und ohne Wettkämpfe. Dafür gibt es die Zirkus-Shows.

Julian Krieg, Zirkustrainer und Organisator

Mitbestimmung durch den "Zirkusrat"

Die Atmosphäre unter den Jugendlichen ist entspannt und vergnügt, erinnert ein wenig an eine Klassenfahrt. Am Ende der Woche sollen alle ein gemeinsames Programm für die Eltern auf die Beine stellen, das sie zusammen im sogenannten Zirkusrat besprechen, zu dem sie an jedem Nachmittag zusammenkommen. Die Kinder entscheiden sich für eine Disziplin, die sie bei der Vorstellung präsentieren wollen. Von Artistik über Einradfahren bis hin zu Jonglage sind viele Disziplinen möglich. Annalena, 11 Jahre, hat sich in dieser Woche für das Einrad entschieden und ist schon nach wenigen Tagen in der Lage, allein einige Meter zu fahren. Sie erklärt: "Es ist ein besonderer Kick, das zu lernen. Und Einradfahren ist auch relativ schwierig, besonders die Balance darauf zu halten."

An der Station, wo Einrad gefahren wird, steht Felix Bachnik. Auch er ist Zirkustrainer und ermutigt die Jugendlichen immer wieder, sich ganz auf das Balancegefühl zu verlassen. Wichtig sei aber auch, dass die Kinder einander helfen und sich gegenseitig ermutigen.

Felix Bachnik leitet die Kinder als Zirkustrainer an. Bildrechte: Philipp Baumgärtner

Die Leute, die einen Handstand machen, kriegen das nicht hin ohne Hilfe. Die Leute, die bei einer Figur oben sind, brauchen unten eine gute Basis. Und diese Teamarbeit sieht man daran ganz besonders.

Felix Bachnik, Trainer beim Zirkus Klatschmohn

Zirkus Klatschmohn bietet ganzjähriges Programm

Der Zirkus Klatschmohn bezieht jedes Jahr im Sommer die Kirche in Großkayna und richtet Ferienwochen aus. Diese werden gefördert und sind für alle Kinder kostenlos. Das soll Kindern aus finanziell schwächeren Haushalten eine Chance geben, dabei zu sein. Neben dem Ferienprogramm hat der Zirkus in Halle auch ganzjährig Kurse für Kinder und Jugendliche auf dem Plan.

Zirkuspädagogik Zirkus Klatschmohn in der Kirche von Großkayna

Die Kinder balancieren nach wenigen Tagen schon problemlos auf den Bällen. Bildrechte: Philipp Baumgärtner
Zirkustrainer Felix Bachnik unterstützt die Kinder, lässt sie aber auch Dinge alleine ausprobieren. Bildrechte: Philipp Baumgärtner
Beim Zirkus Klatschmohn unterstützen sich die Kinder gegenseitig. Hier halten sie für eine junge Artistin die Bälle fest. Bildrechte: Philipp Baumgärtner
Die Kinder trainieren die sogenannte "Clownsrolle". Bildrechte: Philipp Baumgärtner
Ob Jonglage oder Akrobatik: Die Kinder haben die freie Wahl. Bildrechte: Philipp Baumgärtner
Beim Einradfahren ist Ausdauer gefragt: Meist ist nach wenigen Metern Schluss. Bildrechte: Philipp Baumgärtner
Der ehemalige Altar als Bühne für die jungen Akrobatinnen und Akrobaten. Bildrechte: MDR/Philipp Baumgärtner
Bei gemeinsamen Figuren müssen sich die Kinder gegenseitig stützen und sich aufeinander verlassen können. Bildrechte: Philipp Baumgärtner

Bis zur Vorstellung wird noch akribisch auf Bällen gelaufen und das Einrad durch den ehemaligen Kirchensaal gefahren. Trotz all der Vorbereitung gibt es vor dem Auftritt ein wenig Lampenfieber.

Natürlich, Aufregung hat jeder, wenn man auf der Bühne steht. Aber wir wirken da entgegen. Es ist egal, ob etwas schiefgeht oder nicht. Im Endeffekt weiß das Publikum ja gar nicht, was geplant war und was nicht.

Julian Krieg, Zirkustrainer und Organisator

Die Überraschung als Attraktion. Ganz wie bei den Großen. Mit der Ausnahme, dass Fehler mal erlaubt sind. Im Zirkuslager hingegen sind die Meinungen zum Lampenfieber und den "erlaubten Fehlern" dann doch etwas geteilter, als sich das der Trainerstab vielleicht erhofft hatte. Denn da ist das Feuer längst entfacht und der eigene Anspruch hoch. Was die Kinder zur Vorstellung denken? "Freitag wird es sehr anstrengend, weil wir da nix falsch machen dürfen", sagen sie. Der Trainer berichtigt: "Ihr dürft auch was falsch machen!". "Nein nein nein nein nein nein nein!", brüllen die Kinder ihm entgegen.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 26. August 2021 | 16:10 Uhr